TV-Tipp

Sehnsucht nach Normalität

Jüdisches Leben pur: Jewrovision 2019 in Frankfurt Foto: Gregor Zielke

Roman spielt gern Basketball, Lucia diskutiert im Lesekreis, Nika macht Sprechgesang. Also alles ganz normal? Offenbar nicht. Denn noch immer werden Juden in Deutschland nicht selten als exotisch betrachtet oder sogar angefeindet und angegriffen.

Dass das Jüdischsein aber lediglich eine Facette im Leben von Juden ist und sie zusätzlich Schülerin, Student oder Schauspieler sind, wird mitunter ausgeblendet.

Damit möchte die Fernsehdokumentation Hey, ich bin Jude! – Jung. Jüdisch. Deutsch von Jan Tenhaven aufräumen, die das ZDF am 9. November um 21.40 Uhr ausstrahlt.

Sie läuft direkt nach dem Film Das Unwort, das als Drama-Komödie um einen jüdischen Schüler, der sich gegen Mobbing wehrt, angekündigt ist.

HUMOR Ähnlich kommt die Dokumentation daher: Trotz aller Ernsthaftigkeit beim Thema Antisemitismus fehlen Situationskomik und Humor nicht, was den Interviewten und dem einen oder anderen Schnitt des Filmmaterials zu verdanken ist.

Etwa zu Beginn, wenn einige der Jugendlichen über teils absurde Hemmungen in ihrer Umgebung, das Wort »Jude« auszusprechen, berichten.

»Nicht jeder muss religiös sein, um Jude zu sein.«

Alice (20) aus München

»Ja, ich bin Jude. Und jetzt, willst du ’nen Keks?«, fragt da der 18-jährige Nika aus Osnabrück. Später sieht man ihn im Tonstudio. Dem 19 Jahre alten Roman aus Frankfurt kann man in der Sporthalle zuschauen, Lucia (16) beim Spaziergang durch Berlin-Schöneberg.

Neben diesen drei jungen Juden kommen auch noch andere Jugendliche und junge Erwachsene zu Wort.

JEWROVISION Es geht um ihre Freizeitgestaltung, den jüdischen Song-Contest »Jewrovision« und Tätigkeiten wie Kellnern oder Kinderbetreuung. Manche Juden sind religiös, andere nicht – das ist wie im Christentum.

»Nicht jeder muss religiös sein, um Jude zu sein«, betont Alice (20) aus München. »Ich hab die Tora noch nie gelesen«, sagt Emily (16) aus Weßling.

Samuel (20) aus Berlin dagegen nimmt den Zuschauer mit in die Synagoge, einen für ihn »zentralen Ort«. Und man kann ihm dabei zugucken, wie er die Gebetsriemen anlegt.

SCHABBAT Karolina (18) aus Osnabrück hält den Ruhetag Schabbat am Samstag, schaltet ihr Handy ab, klinkt sich aus Netflix aus und denkt nicht über die Schule nach.

Das sei für sie keine Einschränkung, sondern »ein Gefühl von Freiheit«, um den Kopf freizubekommen: »Ich würde diesen Moment für nichts tauschen.«

Die Schauspielerin Iris Berben nennt haarsträubende Beispiele judenfeindlicher Äußerungen.

Die einen essen nach den jüdischen Speisevorschriften, die anderen sehen es nicht so streng – da kommt dann auch schon mal Käse über die Hähnchenbrust, wie Nika sagt, um ihn schön schmelzen zu lassen.

Wer sich an die Regeln hält, würde das nicht machen, denn der gemeinsame Verzehr von Milch- und Fleischprodukten ist nicht erlaubt.

JUDENHASS Zwischen den Interviews und Alltagsszenen ist die Schauspielerin Iris Berben in einem Klassenzimmer zu sehen. Sie nennt haarsträubende Beispiele judenfeindlicher Äußerungen, die leider auch zu jüdischem Leben in Deutschland gehören.

Das haben auch einige der interviewten jungen Leute erfahren – die Verwirrung und den Schmerz über das Gesagte oder den Angriff genauso wie das Weggucken und Weghören von Zeugen im öffentlichen Raum. Einige von ihnen haben aber auch Courage erlebt, etwa von einer Lehrerin.

»Mein einziger Wunsch an die Zukunft ist, dass man als Jude normal sein kann.«

Samuel

Die Interviewten sagen, sie wünschen sich vor allem Aufklärung über das Judentum, damit sie nicht mehr als »Aliens« oder wie ein »Museumsstück« angesehen werden. Oder ausschließlich mit der Schoa in Verbindung gebracht werden, wie Alice zu bedenken gibt.

GEDENKTAG Die gelungene und mit vielfältiger Musik unterlegte Doku wird am 9. November ausgestrahlt, dem Tag, an dem an die gegen Juden gerichteten Novemberpogrome von 1938 erinnert wird.

Viele Menschen in Deutschland bekämen nur an Gedenktagen wie diesem etwas von jüdischem Leben mit, sagt Samuel. Daher sei es auch kein Wunder, dass sie jüdisches Leben als wenig bekannt empfänden.

»Mein einziger Wunsch an die Zukunft ist, dass man als Jude normal sein kann«, sagt der 20-Jährige denn auch. »Jeder soll doch leben wie er will.«

Dass Juden eine Randgruppe oder exotisch seien: »Es liegt in unseren Händen, das Bild umzukrempeln« – zumindest bis zu einem gewissen Grad, betont Samuel.

»Hey, ich bin Jude! – Jung. Jüdisch. Deutsch« von Jan Tenhaven läuft am Montag, 9. November um 21.40 Uhr im ZDF.

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