Jewrovision

Das Zusammen gewinnt

Das Berliner Jugendzentrum Olam hat die Jewrovision 2019 gewonnen. Foto: Gregor Zielke

Selfies, Pokal, jubelnde Fans – die Kids vom Jugendzentrum Olam aus Berlin waren am Sonntag auf dem Balkon des Römer die ganz großen Stars. Dort, wo sich sonst Fußballnationalmannschaften mit ihren Pokalen feiern lassen, sorgten die Jugendlichen für Stimmung, die der Freude über einen gewonnenen Sieg bei einer Weltmeisterschaft in nichts nachsteht.

Schließlich ist die Jewrovision der größte Gesangs‐ und Tanzwettbewerb für jüdische Jugendliche in Europa. Und entsprechend ausgiebig genossen die Berliner ihren Moment, sangen »Am Israel Chai« und zeigten den anderen Jugendzentren, die sich auf dem Platz vor dem altehrwürdigen Rathaus versammelt hatten, stolz ihre Siegertrophäe.

Die hatten sie sich mit ihrem Song »Ani Chai« und ihrer Performance auch redlich verdient, für die sie von der Jury mit insgesamt 128 Punkten belohnt wurden. Nur knapp dahinter – mit 125 Punkten – lag das Jugendzentrum Kadima aus Düsseldorf, das mit »It’s Jewish Life« den zweiten Platz belegte und sogar das beste Video des Abends vorstellte. Platz Nummer drei ging an das Jugendzentrum Am Echad LV Bayern, dessen Beitrag »It’s your Chai« mit 75 Punkten bewertet wurde.

Motto »Chai« – »Leben«, das war das Motto der 18. Jewrovision, die in diesem Jahr volljährig wurde. Denn im Hebräischen kann jedem Buchstaben ein Zahlenwert zugeordnet werden, und bei »Chai« ergibt die Kombination eben die Zahl 18. Gerne werden die Buchstaben als Symbol an Ketten, Armbändern oder – wie auf den eleganten schwarzen Jewrovision‐T‐Shirts – als Aufdruck getragen.

Berlin und Düsseldorf überzeugten die prominent besetzte Jury der Jewrovision.

Zum 18. gehören natürlich auch eine besondere Feier und eine außergewöhnliche Eröffnung. Die wurde nicht gerappt oder gerockt, sondern mit Cello und Geige eingestimmt – durch die Frankfurter Sinfoniker unter dem Dirigenten Igor Budinstein.

Und was wäre eine Party zum 18. ohne Special Guest? Nur irgendeine Party! Deswegen kam die Eurovision‐Song‐Contest‐Gewinnerin Netta Barzilai extra – mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt – aus Israel und lieferte in der Festhalle eine Show, die wohl alle 4000 Besucherinnen und Besucher so schnell nicht vergessen werden.

Ihre Botschaft an die Kinder und Jugendlichen war eindeutig: Glaubt an euch und habt Spaß – so, wie ihr seid! Den gab es dann mit ihren Interpretationen von Psys Hit »Gangnam Style«, Aquas »Barbie Girl« und – natürlich – »Toy«, Nettas eigenem Lied, mit dem sie den ESC im vergangenen Jahr gewann. Die große Schwester der Jewrovision wird am 18. Mai in Tel Aviv stattfinden – natürlich mit Netta.

Identität An diesem ersten Februarwochenende stand aber erst einmal Tel Avivs Partnerstadt Frankfurt im Mittelpunkt. Die Jewrovision, betonte Zentralratspräsident Josef Schuster, sei viel mehr als ein Wettsingen. An kaum einem anderen Ort könne man so sehr spüren: »Wir sind eine starke Gemeinschaft!«

Für Schuster waren die Kids aus den Jugendzentren aus mehr als 30 Städten die wahren Stars des Abends. »Ihr alle seid heute hier, um zu zeigen, was ihr könnt, und um zu feiern«, sagte Schuster in seiner Eröffnungsrede.

Die Jewrovision in Frankfurt
– OB Peter Feldmann
spricht von Ehre für die Stadt.

Dass die Jewrovision in Frankfurt stattfindet, »ist etwas, was dieser Stadt zur Ehre gereicht«, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann. Der SPD‐Politiker betonte, dass Frankfurt international, weltoffen und tolerant ist. »Wir haben hier Platz für vieles, aber wir haben hier keinen Platz für Diskriminierung, Ausländerfeindlichkeit oder Antisemitismus«, rief er unter dem Applaus der Zuschauer.

Peter Feldmann war nur einer der Ehrengäste des Abends. Josef Schuster begrüßte zudem Hilik Bar, den Vizepräsidenten der Knesset, und Ilia Salita, den Präsidenten der Genesis Philanthropy Group. Auch aus der Schweiz, vom Europäischen Jüdischen Studentenverband, aus Österreich und aus den USA waren Gäste nach Frankfurt gekommen.

Mini‐Machane Dass nicht allein ausgelassenes Feiern Teil des Wochenendes war, sondern auch jüdische Identität im Mittelpunkt stand, dafür sorgten Workshops des Mini‐Machanes und des Alumni‐Programms. »Dem wachsenden Antisemitismus haben wir mit der 18. Jewrrovision eine starke Gemeinschaft entgegengesetzt«, resümierte Zentralratspräsident Josef Schuster nach dem Wettbewerb und freute sich, dass die 1500 Teilnehmer »mit gewachsenem jüdischen Selbstbewusstsein« wieder nach Hause fahren.

Auch Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann war begeistert: »Die 18. Jewrovision hat alle Rekorde gebrochen! Alle unsere Erwartungen wurden übertroffen.«

Videos Dass sich die Jugendlichen inhaltlich mit den thematischen Vorgaben, die sie für ihre Show‐Acts bekommen hatten, auseinandergesetzt haben, hat Botmann sehr beeindruckt: »Die Texte, die Lieder, die Videos – man hat gemerkt, dass die Jugendlichen sich lange mit der aktuellen politischen Situation, dem historischen Kontext und auch den eigenen Erfahrungen mit Antisemitismus beschäftigt haben. All dies war eindrucksvoll verarbeitet in ihren Darbietungen. Von wegen, die Jugend von heute sei unpolitisch.«

Das Jugendzentrum Kadima aus Düsseldorf, das den Preis für das beste Video holte, widmete den Clip dem 2006 verstorbenen Präsidenten des Zentralrats Paul Spiegel. Ihre Botschaft lautete: »Wir bleiben hier, denn wir sind von hier.«

Das Jugendzentrum Olam half ein wenig bei der Übersetzung des Hebräischen Ausdrucks »HaKol beSeder« ins Berlinerische – nämlich: »Allet jut«. Und das Jugendzentrum Elef Drachim Saarbrücken & Trier ging ganz neue Wege und spielte in seinem Clip mithilfe von Puppen fast alle wichtigen Lebensstationen nach. Egal, ob großes Jugendzentrum oder kleines: Alle unterstützten einander, wünschten sich hinter der Bühne viel Glück und feuerten sich gegenseitig an. Zusammenhalt war mindestens genauso wichtig wie der Wettbewerb.

Jury Die prominent besetzte Jury – darunter TV‐Stars und Moderatorinnen wie Rebecca Siemoneit‐Barum, Sonya Kraus, Susan Sideropoulos und Andrea Kiewel sowie die Musiker Alexander Klaws und Henning Wehland, Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und Nachumi Rosenblatt von der Zentralwohlfahrtsstelle – hatte es vielleicht am schwersten, sich unter den vielen sehr guten Auftritten für den besten zu entscheiden.

Einen Preis für den Mut, sich auf eine so große Bühne wie die der Frankfurter Festhalle, wo in nächster Zeit AnnenMayKantereit, The BossHoss oder Revolverheld auftreten werden, zu stellen und richtig gut zu singen und zu tanzen, hätten alle Kinder und Jugendlichen, die an diesem Abend aus über 30 Städten kamen, verdient.

Das JuZe Kadima stellte in seinem Video fest: »Wir bleiben hier, denn wir sind von hier.«

Auch die Moderation war preisverdächtig: Tamar Morali und Ilja Cinciper führten charmant durch den Abend und stellten ganz nebenbei ein paar Besonderheiten der diesjährigen Jewrovision vor, wie zum Beispiel die Live‐Schaltung in den Backstage‐Bereich, den Kommentator Benny Solovei, der den Live‐Stream begleitete, und die Tombola, bei der es unter anderem eine Reise nach Israel zu gewinnen gab.

aftershow Zwar nicht nach Israel, aber an die Spree wird es im kommenden Jahr für die Jewrovision gehen. Die Kids stimmten sich nach der Show und auf der After‐Show‐Party gesanglich schon einmal ein. »Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!« war bis weit nach ein Uhr morgens in der ganzen Halle zu hören.

Zentralratsgeschäftsführer Botmann wünscht sich, dass die »kommende Jewrovision in Berlin mindestens genauso ein Feuerwerk jüdischer Lebensfreude sein wird«. Gerade Jugendliche aus kleinen Städten »sollen das Gefühl bekommen, nicht alleine, sondern ein Teil einer großartigen jüdischen Gemeinschaft zu sein«. Die Kinder sollten die Jewrovision als Chance nutzen, »um jüdische Jugendliche und deren Familien für die jüdischen Gemeinden zu gewinnen«, so Botmann.

Ob die Siegerfeier in Berlin dann auch ganz nach dem Vorbild der Fußball‐WM am Brandenburger Tor stattfinden wird? »Am Israel Chai« würde bestimmt auch dort gut klingen.

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