Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß Foto: Chris Hartung

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026 13:16 Uhr

Es ist eine menschliche Regung, sich zu wünschen, dass doch bald Schluss sei mit diesem Thema. Immer wieder Gil Ofarim, immer wieder Reue, Lüge und all das. Das sympathische Gefühl der Abwehr solchen Trashs hat leider einen Haken: Nur weil man sie selbst nicht mehr lesen möchte, verschwinden Schlagzeilen ja nicht.

Der Online-Auftritt der großen Regionalblätter »Schwäbische Zeitung« und »Nordkurier« titelte: »König Gil Ofarim: Jetzt muss sich der Zentralrat der Juden einschalten!«. Der Kommentator forderte allen Ernstes, der Zentralrat habe zum »Fall Ofarim« einen »Untersuchungsausschuss« einzusetzen.

Mit welchem Recht eine Lokalzeitung glaubt, der demokratisch gewählten Vertretung der Juden Aufträge erteilen zu dürfen, ist das eine, was daran irritiert. Das andere ist die Begründung für diese Anmaßung. »Weil Lügen in Bezug auf Antisemitismus die Gesellschaft aufwühlen«, heißt es, sei Gil Ofarim, der vor rund viereinhalb Jahren jemanden zu Unrecht des Antisemitismus verdächtigt hatte, quasi der Urheber neuen Judenhasses.

Nicht Antisemitismus wühlt die Menschen auf, sondern dass es Menschen gibt, die darüber Lügen verbreiten.

Man merke: Nicht Antisemitismus wühlt die Menschen auf, sondern dass es Menschen gibt, die darüber Lügen verbreiten. Daher solle der Zentralrat doch zuerst vor seiner eigenen Türe kehren. Im Klartext wird hier gesagt: Ein Jude, der sich nicht anständig benimmt, ist selbst schuld, wenn man ihn und andere Juden hasst.

Es klingt vermutlich merkwürdig, aber es sind oft solche Banalitäten wie Trash-shows à la »Dschungelcamp«, die signalisieren, wie stark sich gerade etwas verschiebt. Es zeigte sich schon, als in der Stefan-Raab-Show von einem jüdischen »Betrüger-Gen« gefaselt wurde. Und nun kommt der Antisemitismus langsam in den Leitartikeln an. Es sind eben nicht nur die sozialen Medien. Nun mag man ja, wem das sehr am Herzen liegt, von dem Musiker eine Entschuldigung für sein Fehlverhalten im Jahr 2021 fordern. Schlimm ist jedoch, dass Juden in Deutschland dafür 2026 in Haftung genommen werden.

Der Autor ist freier Journalist.

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