Louis Begley

Schreiben ist seine Rettung

Louis Begleys Lebensthema sind die Geschichten von Überlebenden und ihren vergeblichen Versuchen, die Vergangenheit abzuschütteln. Foto: dpa

Louis Begley

Schreiben ist seine Rettung

Der Autor von »Lügen in Zeiten des Krieges« und »Schmidt« feiert seinen 85. Geburtstag

von Claudia Schülke  05.10.2018 10:21 Uhr

Als Louis Begley 1991 seinen Bestseller-Roman Lügen in Zeiten des Krieges veröffentlichte, war er schon 57 Jahre alt. Der New Yorker Schriftsteller, der am 6. Oktober 85 alt wird, erzählt darin die Geschichte eines jüdischen Jungen in Polen, der nur knapp dem Holocaust entkommt: »Maciek war ein Kind, und unser Mann hat eine Kindheit, die zu erinnern er nicht ertragen kann; er hatte sich seine Kindheit erfinden müssen«, heißt es in dem Buch.

Begley spricht nicht gern über seine Kindheit, deshalb hat er über sie in romanesker Verfremdung geschrieben. »Meine Mutter war über das Buch schockiert«, erinnert er sich in einem Interview, das Christiane von Korff mit ihm für den Suhrkamp-Verlag führte. Aber allen »Lügen« – wie es im Titel heißt – zum Trotz enthalte das Buch »eine emotionale und intellektuelle Wahrheit«. Indem er schreibe, sagte er einmal, versichere er sich seiner Existenz. Im Interview mit der »Jüdischen Allgemeinen« sagte er, dass das Schreiben ihn gerettet habe.

Warschau Begley wurde 1933 als Ludwik Begleiter im damals polnischen Stryj in eine jüdische Familie geboren. Mit seiner Mutter tauchte er in Warschau und Lemberg unter, überlebte die NS-Besatzung zuletzt als katholischer Pole getarnt. Sein Vater, ein Arzt, war 1941 von der Roten Armee zwangsrekrutiert worden. Nach dem Krieg fand die Familie wieder zusammen und wanderte 1946 nach Paris aus, im Frühjahr 1947 zog sie nach New York.

Noch in Krakau hatte Begley unter falschem polnischen Namen das Gymnasium besucht. 1950 schloss er die High School in Flatbush/Brooklyn ab. Mit einem Stipendium begann er ein Studium englischer Literatur in Harvard, das er 1954 mit Bestnoten abschloss.

Auf dem US-Militärstandort im baden-württembergischen Göppingen wurde er 18 Monate lang zum Soldaten ausgebildet. Damals habe er die Deutschen gehasst, sagte er. Doch: »Über die Jahre habe ich Zuneigung für Deutsche entwickelt.«

Liebe Danach studierte er auch noch Jura in Harvard und machte Karriere als Wirtschaftsanwalt bei der namhaften New Yorker Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton. In Frankreich, wo er zeitweise in der Pariser Niederlassung seiner Firma arbeitete, lernte er 1971 die Historikerin und Sachbuch-Autorin Anka Muhlstein kennen.

Die französische Jüdin war mit ihren Eltern als Fünfjährige vor den Nazis nach Amerika geflohen. 1974 heirateten sie. Das Paar lebt in einer Wohnung in Manhattan und verbringt die Sommermonate auf Long Island: »Ich führe ein wunderbares Leben«, sagt Begley in dem Wissen, dass dies nicht selbstverständlich ist.

Unter dem Titel Der Mann, der zu spät kam veröffentlichte Begley 1993 seinen zweiten Holocaust-Roman über einen Überlebenden, der wie er nach seinem Harvard-Studium als Rechtsanwalt Karriere macht. Die Diskrepanz zwischen dem beruflichen Erfolg und der emotionalen Überforderung mit der Vergangenheit überlebt sein Held jedoch nicht.

Missverständnis Er habe alle seine Bücher über Erfahrungen geschrieben, die er selbst gemacht habe, sagte er in dem Suhrkamp-Interview. Anlässlich seiner Heidelberger Poetikvorlesungen »Zwischen Fakten und Fiktionen« (2006) wunderte Begley sich allerdings über das »ewige Missverständnis« von Lesern und Kritikern, die den Autor mit seinen Büchern verwechselten.

In seinem dritten Roman Wie Max es sah setzte er sich 1994 mit Homosexualität und Aids auseinander. Zwei Jahre später erschien mit Schmidt der erste Band einer Trilogie über das Leben eines frühpensionierten und verwitweten New Yorker Anwalts und dessen erotische Eskapaden im Hochglanz-Milieu der amerikanischen Ostküste, das er verachtet. Mit Jack Nicholson in der Titelrolle wurde der Roman 2002 verfilmt.

Bis dahin war Begley als Anwalt tätig. Seine Bücher schrieb er im Urlaub und an Wochenenden. Seine Frau, seit 1996 Trägerin des wichtigen französischen Literaturpreises Prix Goncourt, beriet ihn – auch bei seinem Bestseller Mistlers Abschied, der vom Leben eines sterbenden Erfolgsmenschen erzählt; eine Amour fou steht im Zentrum von Schiffbruch (2003). Die deutschen Rezensenten, die den Autor wegen seiner stilistischen Eleganz schon mit Henry James und Thomas Mann in einer Reihe gesehen hatten, reagierten enttäuscht.

Lebensthema In seinem Werk Ehrensachen kehrte Begley 2007 zu seinem Lebensthema zurück: der Geschichte eines polnisch-jüdischen Überlebenden und seinem vergeblichen Versuch, die Vergangenheit abzuschütteln.

Zwei Essaybände hat Begley zudem verfasst, über Franz Kafka und über die Dreyfus-Affäre. Und gemeinsam mit seiner Frau hat er ein Buch über Venedig geschrieben: Es wurde sein kommerziell erfolgreichstes Werk.

Bedenkenswert sind Begleys politische Stellungnahmen. US-Präsident Donald Trump verglich er mit einem »siebenjährigen Rüpel«: Trump werde sich nicht weiterentwickeln, schrieb er in den »Briefen aus Amerika« für den Westdeutschen Rundfunk. »Sein Es ist entfesselt und kein Über-Ich wird seine Gelüste und Aggressionen zügeln.«

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