»Der jüdische Patient«

Schluss mit lustig

Gibt es ein Leben zwischen den Auftritten? Oliver Polak bei der Berlinale 2013 Foto: imago

»Der jüdische Patient«

Schluss mit lustig

Oliver Polak erzählt von seiner Zeit in der Psychiatrie

von Ingeborg Faulkner  06.10.2014 17:37 Uhr

Ein guter Stand-up-Comedian kann noch aus dem traurigsten Erlebnis und den niederschmetterndsten Tatsachen eine gute Pointe herausarbeiten. Das ist sein Job. Zum Beispiel: »Hallo, ich bin Oliver, und wann bringst du dich um?«

Der Satz fällt in Oliver Polaks neuem Buch Der jüdische Patient. Polak, mit Bühnenprogrammen und dem Buch Ich darf das, ich bin Jude (2008) bekannt geworden, berichtet dort von zwei Monaten, die er in einer psychiatrischen Klinik verbringen musste, nachdem bei ihm auf dem Höhepunkt seines Erfolgs eine schwere Depression diagnostiziert worden war.

symptome Vorausgegangen waren Monate, in denen Polak verzweifelt um seine seelische Gesundheit rang. Die Symptome, die er beschreibt, klingen für jeden klinischen Psychologen bekannt und schlüssig: Freudlosigkeit, Grübelschleifen, Schlafstörungen, Antriebsschwäche, Ängste, Vermeidung sozialer Kontakte und vieles mehr sind die Komponenten, die sich bei den meisten Patienten mit depressiven Störungsbildern in der Anamnese finden lassen.

Zunächst versuchen die Betroffenen, das alleine und mit den üblichen »Hausmitteln« zu bekämpfen: legale wie illegale Substanzen – auch und insbesondere verschriebene – gehören genauso dazu wie Aufforderungen, sich »endlich mal zusammenzureißen«. Doch diszipliniert seinen Pflichten nachzugehen erweist sich als ebenso unwirksam wie liebevoll aufopfernde Zuwendung verständnisvoller Partner und Freunde. Polaks Beschreibung seiner inneren Leere lässt einen an Heinrich Heines »Matratzengruft« denken.

Es ist der Moment der Kapitulation, der Ruf nach professioneller Hilfe, in dem sich für den »jüdischen Patienten« das Blatt zu wenden beginnt. Eine Berliner Klinik wird sein Refugium, ein sicherer Ort, an dem er endlich aufhören kann, ständig Angst (vor sich selbst?) haben zu müssen. Die Beschreibung des nun folgenden therapeutischen Prozesses bleibt sachlich, fast reduziert auf den strukturellen Ablauf. Die allmählich einsetzende innere Heilung wird verhalten beschrieben.

Polak vermarktet seine therapeutischen Erlebnisse nicht, schreibt frei von narzisstischer Selbstverliebtheit. Hier gibt es kein Betroffenheitsgequatsche oder »Psychobabble«, nur einen Patienten, der mit der Depression, den Nebenwirkungen der Medikation, den eigenen Dämonen ringt. Den Beschreibungen der Sitzungen ist lediglich zu entnehmen, dass Oliver Polak sich vom Therapeuten angenommen, vielleicht sogar verstanden fühlt. Die ihm verordnete Psychodramagruppe wird respektvoll erwähnt. Jakob Levy Moreno, Begründer des Psychodrama, hatte eine Methode entwickelt, die dem Protagonisten oder Patienten ermöglicht, Erlebtes im sicheren Raum der Gruppe zu reinszenieren und in positiver Weise umzuschreiben und auszuagieren.

Bei all dieser Zurückhaltung gelingt es Polak dennoch scheinbar mühelos, seinen Leidensweg zu vermitteln – und dabei den Leser oft zum Lachen zu bringen. Da ist er ganz der Profi, der in einem Interview einmal Comedy als die Kunst definiert hat, nicht über das Schreckliche – zum Beispiel den Holocaust – zu lachen, sondern über den menschlichen Umgang damit.

second generation Die Kapitel des Buches entsprechen den in der Klinik verbrachten Wochen, in der Beschreibung wechselt Polak zwischen dem aktuellen Stationsprozess mit den täglich verordneten Anforderungen und dem Eintauchen in die eigene Geschichte im Versuch der Selbstanalyse. In despektierlichem Plauderton schildert er Klinikalltag, Mitpatienten, einen Auftritt im Berliner Quatsch Comedy Club, eine Fahrt ins Papenburg seiner Kindheit, aber auch seine Ängste, Sehnsüchte, Fantasien.

Polak nimmt uns mit in die Welt seiner Familie, die väterlicherseits vom Holocaust bestimmt wurde. Von den Russen befreit, landete der Vater wieder im Emsland, von wo er als Junge ins Lager verschleppt worden war. Der Einfachheit halber könnte man vom »Second-Generation-Syndrom« sprechen: Als Ursache von Oliver Polaks aktueller Depression dürfte das Schicksal seiner Angehörigen eine Rolle spielen. Doch ist dies sicherlich nur ein Faktor. Schon als Junge habe er sich oft fremd, anders, nicht zugehörig gefühlt, schreibt Polak, sei traurig oder gar schwermütig gewesen. Im therapeutischen Prozess beginnt er, die Eltern in ihrem norddeutschen Papenburg zurückzulassen, be greift, dass er als mittlerweile Mittdreißiger allmählich erwachsen werden darf.

In einem Interview, das Oliver Polak kürzlich Peter Laudenbach vom Wirtschaftsmagazin »brand eins« gab, sagte er: »… man muss ja zwischen den Auftritten auch noch leben, das ist manchmal anstrengender als die Shows!« Psychotherapeutisch ausgedrückt: In der Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben liegt die Heilung. In der Überwindung von Angst hört der Patient, auch der jüdische, auf, das Leben nur zuschauend und ironisch-bissig kommentierend an sich vorbeiziehen zu lassen. Das ist Oliver Polaks Chance.

Die Autorin ist Psychotherapeutin in Dessau.

Oliver Polak: »Der jüdische Patient«. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 240 Seiten, 9,99 €

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