Astronomie

Schalom, Tschuri

Pionierarbeit: die Raumsonde »Philae« Foto: dpa

Die Reise dauerte länger als zehn volle Jahre. Doch am 12. November um 17.30 Uhr war es endlich so weit: Der Lander »Philae« setzte – nach anfänglichen Landeschwierigkeiten – auf dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko (auch bekannt als »Tschuri«) auf. Zum ersten Mal in der Geschichte ist damit ein Raumfahrzeug auf einem Kometen gelandet. 25 Jahre lang hat eine internationale Gruppe von Forschern an diesem historischen Ereignis gearbeitet. Mit dabei ist Professor Akiva Bar-Nun vom Institut für Geowissenschaft an der Tel Aviver Universität.

»Bislang sind alle Raumfahrzeuge lediglich an Kometen vorbeigezogen, doch kein einziges ist je auf einem gelandet«, sagte Bar-Nun nach der erfolgreichen Landung voller Stolz. Kometen werden oft mit schmutzigen Schneebällen verglichen. Es handelt sich dabei um kleine eisige Körper im Weltall, die Gas oder Staub ausstoßen. Bar-Nun erläutert: »Wir an der Universität Tel Aviv sind die Einzigen, die größere Eisproben von Kometen analysieren können, weil wir uns schon seit dreieinhalb Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen.«

Gravitation »Vor 25 Jahren haben wir uns überlegt, dass diese Mission möglich wäre und dass wir auf dem Kometen Bohrungen anstellen könnten, um anschließend Material zur Erde zu bringen«, so Bar-Nun. Allerdings habe man damals viel weniger über die mechanische Stärke der Oberfläche gewusst. Denn ein Komet verfügt kaum über Gravitationskraft. Daher musste der Lander auf dem Kometen befestigt werden, was keine leichte Aufgabe war. Doch es ist geglückt: »Denn das Eis hat keine sehr hohe Dichte«, erläutert der Tel Aviver Astronom. »Es ist fast wie Schnee, der gerade gefallen ist.«

Allerdings gelang es dem Team nicht, einen Lander zu konstruieren, der aktiv Teile sammeln, konservieren und zurück zur Erde transportieren kann. Daraus entstand die Idee, dass Philae seine Messungen und Funde sofort über die Raumsonde Rosetta an die Erde schicken kann. Und so wurde es gemacht.

Der Lander wurde am 2. März 2004 von der Sonde der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) auf die große Reise – 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt – mitgenommen. Philae soll die Zusammensetzung des Kometen untersuchen, der hauptsächlich aus Eis besteht. Die Wissenschaftler des ROSINA-Projekts (Rosetta Orbiter Spectrometer for Ion and Neutral Analysis) an der Universität Bern, in der Akiva Bar-Nun mitarbeitet, erhoffen sich dadurch Informationen über die frühe Geschichte unseres Planeten und Antworten auf die Frage, warum es auf der Erde komplexe Lebensformen gibt.

Temperatur Bislang wissen sie, dass der Komet wohl in einer Temperatur von minus 250 Grad Celsius am Rande des Sonnensystems entstanden ist. Weitere Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Kometen – anders, als viele Theorien bisher angenommen haben – nicht wesentlich daran beteiligt waren, Wasser und organische Stoffe auf unsere junge Erde zu bringen.

Am 6. August wurde Rosetta schließlich in 100 Kilometern Entfernung zu dem Kometen auf relative Schrittgeschwindigkeit abgebremst. Die mit verschiedenen Sensoren ausgestattete Sonde umrundete den Kometen anschließend in mehreren Kilometern Höhe und setzte den Lander dann in einer Höhe von 22 Kilometern aus. Nach siebenstündigem freien Fall landete er sanft auf der Oberfläche. Zunächst funktionierten die Harpunen, mit denen Philae auf der glatten Kometenoberfläche befestigt werden sollten, nicht richtig. Schließlich setzte der Lander dann aber doch auf.

Wegen der großen Entfernung des Kometen Tschurjumow-Gerasimenko zur Erde dauert es jedes Mal fast eine halbe Stunde – 28 Minuten, genauer gesagt –, bis ein Signal mit Informationen in die Labore an den Universitäten gelangt.

Stickstoff Doch die Wissenschaftler können gar nicht genug davon bekommen. »Molekularer Stickstoff ist die größte Entdeckung, die wir bislang gemacht haben«, sagt Bar-Nun begeistert. »Und das ist eine Riesensensation, denn bislang wurde noch nie Stickstoff in Kometen beobachtet. Jetzt warten wir darauf, andere Edelgase wie Neon, Argon, Krypton und Xenon zu finden.« Je mehr sich der Komet der Sonne nähere, desto mehr erhitze er sich und werde zusehends aktiver, erläutert der Forscher. »Und dann werden wir auch sehr kleine Konzentrationen finden können.«

Insgesamt kostet die Mission rund eine Milliarde Euro, wovon Deutschland 290 Millionen übernommen hat. Der israelische Anteil des Forschungsprojekts ist in den vergangenen vier Jahren durch die Israel Space Agency des Wissenschaftsministeriums finanziert worden.

Rosetta und Philae sollen den Kometen anschließend während seiner aktiven Phase, in der er Koma und Schweif ausbildet, begleiten. Seinen sonnennächsten Punkt wird der Komet im August 2015 erreichen. Die Forscher erhoffen sich dann auch Rückschlüsse auf die chemische Zusammensetzung des frühen Sonnensystems.

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Plotkes

Liest Britney Spears jetzt auf Hebräisch?

Die Sängerin veröffentlichte ein Foto eines hebräischen Psalmenbuchs auf ihrem Instagramkanal. Spears interessiert sich seit Jahren für jüdische Mystik

 02.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert