Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Neue Nationalgalerie Foto: picture alliance / Joko

Das quirlige Nebeneinander teils krasser Gegensätze gehört zur DNA der Metropole Berlin. Doch fast wirkt die Gegenwart zahm im Vergleich zu den wilden Aufbrüchen Berlins in den 1910er und 1920er Jahren. Die Erfolgsserie »Babylon Berlin« hat das besondere Lebensgefühl jener Zeit zwischen exzessivem Glamour und bitterem Elend eingefangen. Gleiches thematisiert die Sonderausstellung »Ruin und Rausch« ab Samstag in der Neuen Nationalgalerie Berlin mit Werken der Klassischen Moderne.

Der Besucher sieht sich als Erstes Ernst Ludwig Kirchners großformatigem Gemälde »Potsdamer Platz« gegenüber. Es gilt als Ikone des deutschen Großstadt-Expressionismus. Zwei überlange, elegant gekleidete Frauen stehen auf einer schmalen Verkehrsinsel, isoliert und unnahbar, mit maskenhaften Gesichtern. »Das Bild setzte bereits 1914 das zerrissene Lebensgefühl der Zeit ins Bild - Flüchtigkeit, Käuflichkeit und Einsamkeit vor Großstadtkulisse«, erläutert Kuratorin Irina Hiebert Grun.

Dynamik der explodierenden Metropole

Das erste von drei Ausstellungskapiteln widmet sich der Dynamik der wachsenden Metropole mit internationaler Strahlkraft. Mit der Gründung von Groß-Berlin 1920 war die Stadt plötzlich eine Metropole mit rund vier Millionen Einwohnern und nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt.

Filmplakat »Metropolis« Foto: picture alliance / World History Archive

Neue Fortbewegungsmittel wie Straßenbahnen, U-Bahnen und Automobile beschleunigten das Stadtleben extrem. Neue Architektur schoss empor, ebenso Kinos, Leuchtreklamen und Vergnügungspaläste. Die Schau zeigt Ausschnitte aus Fritz Langs Filmklassiker »Metropolis« (1927). »Darin verkörpert der erste humanoide Roboter der Kinogeschichte die zerstörerische Seite der Technologie«, erläutert Kuratorin Hiebert Grun.

Der Dadaismus scheint als Kunstform besonders geeignet, die Gegensätze der Zeit einzufangen. So ist eine 1919 entstandene Foto-Collage von Hannah Höch zu sehen. Sie verwebt politische Ereignisse wie die Straßenschlachten der Novemberrevolution von 1918, die den Sturz des deutschen Kaiserreichs brachten, mit Technik-Symbolen der modernen Zeit.

Inmitten dieses Getümmels platzierte Höch prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst, verfremdet und in neuem, ironischem Zusammenhang. So erscheint Paul von Hindenburg, der kaisertreue Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs, als Bauchtänzerin.

Soziale Ungerechtigkeiten

Das zweite Kapitel blickt auf die Schattenseiten der Zeit: extreme soziale Not, Kriegstraumata, politische Radikalisierung. George Grosz‘ Gemälde »Grauer Tag« (1921) etwa klagt die sozialen Ungerechtigkeiten der frühen Weimarer Republik an. Es zeigt einen Beamten mit schielendem Blick, steifem Schnurrbart und Aktentasche, der einem einarmigen, verarmten Kriegsveteranen den Rücken kehrt - obwohl er eigentlich für dessen Fürsorge zuständig wäre. Historische Fotos dokumentieren, wie Kinder und Erwachsene in Abfällen nach Essen suchen.

Der Maler Otto Nagel, selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, porträtierte einfühlsam Benachteiligte oder Ausgegrenzte in Moabit und im Wedding. Direkt neben seinem Bild »Weddinger Jungen« kann sich der Besucher zum Kontrast das eingesprochene Gedicht von Mascha Kaleko »Kinder reicher Leute« (1930) anhören.

Werke von Gustav Wunderwald zeigen mit nüchternem Blick trostlose Straßen und Hinterhofszenen der Industriestadt Berlin. Ergänzt durch Ausschnitte aus Walther Ruttmanns experimentellem Dokumentarfilm »Berlin - Die Sinfonie der Großstadt« (1927), für den er eindrückliche Szenen des Alltags voller Not und Entbehrungen filmte.

Weibliche Emanzipation

Das dritte Ausstellungskapitel titelt »Die urbane Frau« und widmet sich der Emanzipation. Das neue weibliche Selbstverständnis führte zum Erscheinen der sogenannten »Neuen Frau«: Sie trug Kurzhaarschnitt, Hosenanzug, Krawatte und Hut. Zugleich waren Frauen in den 1920er Jahren, als Berlin zu einem europäischen Zentrum der sexuellen Freizügigkeit avancierte, wesentlicher Bestandteil der Unterhaltungsszene - und dabei aber weiter patriarchalen Strukturen ausgesetzt, wie in der Ausstellung erklärt wird.

Einige wenige standen im Rampenlicht, wie die US-Amerikanerin Josephine Baker, die den Charleston nach Berlin brachte, oder die skandalumwitterte Tänzerin Anita Berber. Die Schau zeigt ein von Otto Dix gemaltes Porträt von ihr.

Abend über Potsdam, Lotte Laserstein, 1930, Berlin Neue Nationalgalerie, Foto: picture alliance / Photoshot

Die kleine, aber höchst sehenswerte Ausstellung schließt mit dem Gemälde »Abend über Potsdam« (1930) von Lotte Laserstein. Fünf moderne Großstadtmenschen sitzen am Tisch auf einer Dachterrasse und verharren in melancholischer Stimmung angesichts einer ungewissen Zukunft. Die Weltwirtschaftskrise hat die sozialen Spannungen verstärkt, die Nationalsozialisten gewinnen an Einfluss. Im Hintergrund ziehen dunkle Wolken auf - die »Goldenen Zwanziger« werden alsbald einer neuen Realität weichen.

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026