Oper

Ruf des Nibelungen

In Jeans und mit blondierter Sturmfrisur: Dan Ettinger entspricht nicht dem traditionellen Bild eines Dirigenten. Foto: AP

Nein, sagt Dan Ettinger. Er sei nicht eines Morgens aufgestanden und habe seinen Eltern verkündet, dass er nun ein berühmter Musiker werden wolle ...

Wir sitzen im Café des 1957 neu erbauten Nationaltheaters Mannheim. 1777 vom Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor gegründet, ist es seit 1839 in kommunaler Verantwortung und somit das älteste Stadttheater der Welt. Ein traditionsreiches – 1782 wurden Schillers Räuber hier uraufgeführt –und angesehenes Vierspartenhaus bestehend aus Oper, Schauspiel, Ballett, Kinder- und Jugendtheater. Dan Ettinger ist hier seit der Spielzeit 2009/10 Generalmusikdirektor, mit seinen »schon neununddreißig Jahren«, wie er kokettiert, einer der jüngsten an einer deutschen Oper. Gerade hat der Israeli seinen Vertrag verlängert. Etwas anderes wäre für das Publikum inakzeptabel gewesen. Denn die Mannheimer lieben und feiern ihren Generalmusikdirektor. Vierzehn Minuten anschwellenden Applaus gab es im Mai nach der von der Intendantin Regula Gerber inszenierten Premiere von Puccinis Turandot. So ist es immer, wenn Ettinger aus dem Orchestergraben auf die Bühne kommt.

deutsche wurzeln Ein Wunderkind war er nicht, fährt Ettinger fort, von sich zu erzählen. Aber mit fünf Jahren habe er angefangen, Klavier zu spielen. Und das ziemlich freiwillig. Er sei ein ganz normaler Junge gewesen, der allerdings schon früh wusste, dass Musik sein Leben sein würde. Seine Eltern waren keine Musiker. Aber eine Großmutter sei Geigerin gewesen. Die Familie hat deutsche und rumänische Wurzeln. Und als Kind hat Dan Ettinger mit seinen Eltern ein Jahr in Offenbach gelebt. Die Schoa spielte in seiner Familie natürlich eine Rolle. Aber weniger als Trauma, eher als ein Tabu, was indessen eng zusammengehöre, formuliert er nachdenklich. Deutsch habe er von den Großmüttern gelernt, sagt er geradezu liebevoll, eben sein »Großmutter-Deutsch«, mit dem er sich ziemlich gut verständigen kann. Dennoch bedient der Dirigent sich oft eines gehobenen »Denglisch«, das zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Bevor er ins Dirigentenfach wechselte, brillierte Ettinger in seiner Heimat als lyrischer Bariton. Damals sei er der einzige im »small country Israel« gewesen. Trotz aller Erfolge – in einem Land, das ständig in Kampfbereitschaft sein muss, galt »ein Boy, der singt, als feminin«. Als Bariton hat Ettinger wohl jene auffallende Sensibilität erlernt, mit der er heute als Dirigent Sängerinnen und Sänger führt.

gastdirigent Bereits seit 2005 ist Ettinger Chefdirigent des Israel Symphony Orchestra, mit dem er drei bis vier Mal im Jahr Konzerte gibt. Er bedauert, dass er in Israel keine Opern mehr dirigiert, aber dazu fehlt ihm einfach die nötige Zeit. Denn der Mannheimer Generalmusikdirektor ist international ein viel gefragter Dirigent. Eben weil er schon an vielen Opernhäusern und mit zahlreichen Orchestern gearbeitet habe – von Los Angeles bis Tokyo, von den Wiener Symphonikern bis zur New Yorker MET –, sei er Generalmusikdirektor geworden. Um mit Menschen dauerhaft zu arbeiten, aber auch, um Management zu lernen. Gastdirigate seien »Love Affairs«, bei denen man das Beste gibt und dann Tschüß sagt. Generalmusikdirektor zu sein, bedeute Kontinuität und vor allem, etwas aufzubauen.

Wie sehr die Mannheimer auch ihren Generalmusikdirektor feiern, weiß dieser doch, dass das innige Dreiecksverhältnis zwischen ihm, der Oper und dem Publikum eine gefährliche Liebschaft ist. Denn mit Erfolgen am Nationaltheater alleine wird es auf Dauer nicht getan sein. Internationale Tourneen, auf welche die Mannheimer Oper so lange verzichtet hat, CD- und DVD-Produktionen scheinen mit Ettinger in greifbare Nähe gerückt. Das musikbegeisterte Publikum glaubt an die große Zukunft seines Generalmusikdirektors, die auch eine des Nationaltheaters werden soll. »Natürlich, das mache ich gerne«, gibt sich Ettinger gelassen, doch das könne noch einige Spielzeiten dauern.

Popstar Überholte Internet-Fotos zeigen einen braven Jungen, ordentlich frisiert. Doch die Plakate, die für das Nationaltheater werben, präsentieren Ettinger energisch mit Taktstock und Armen rudernd. Mit seiner blondierten Sturmfrisur wirkt er eher wie ein Pop-Musiker. Der Israeli dirigiert mit dem ganzen Körper. Mit Händen und Füßen, mit Armen, Kopf und Beinen. Er tänzelt. Er springt. Er hat Freude an dem, was er tut und er verführt ganz ungezwungen das Orchester seinen Zeichen zu folgen.

Viel gelernt hat Ettinger bei Daniel Barenboim, dem Chef der Berliner Staatskapelle Unter den Linden. Dort war er seit 2003 Kapellmeister und Assistent des Maestros. Gelegentlich wird er für Barenboims Sohn gehalten. Das nerve ihn. »I’m not!«, sagt er bestimmt.

Wagner Ettingers Favoriten heißen Mozart, Puccini – und Richard Wagner. Nein, Wagner zu spielen, damit habe er persönlich kein Problem. Aber er verstehe, fügt er hinzu, dass es in Israel immer noch ein solches sei und wohl auch immer bleiben werde. Aber im Wagner-Verzicht seiner Heimat sieht der Israeli einen großen musikalischen Verlust. Doch er hält nichts davon, wie einst Barenboim in Jerusalem, Wagner in Mannheims Partnerstadt Haifa zu spielen. Das sei nur ein wirkungsloser Skandal, winkt er ab. Nachdem Ettinger 2009/2010 mit dem Tokyo Philharmonic Orchestra, dessen Chefdirigent er auch ist, den gesamten Ring des Nibelungen erfolgreich zelebriert hat, steht Wagners Opus Magnum jetzt auf dem Programm des Nationaltheaters Mannheim. Zum 200. Geburtstag des Komponisten 2013 soll das 16-stündige vierteilige Werk dort komplett in einer neuen Inszenierung zu sehen und zu hören sein. Regisseur des Mannheimer Rings ist der international renommierte Christof Nel. Der hatte 2002 an der Staatsoper Stuttgart die Walküre erfolgreich inszeniert. Nel und Ettinger könnten das Gespann sein, der legendären Stuttgarter Aufführung einen ebenbürtigen Mannheimer Nibelungen-Ring zur Seite zu stellen ...

... und danach wird Dan Ettinger vielleicht auch in Bayreuth als Wagner-Dirigent für Furore sorgen. Mannheimer Dirigenten im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel haben Tradition, seit 1882 Franz Fischer den Parsifal im Uraufführungsjahr dirigierte.

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