Wirtschaft

Ron Sommer wird 70

Ron Sommer Foto: dpa

Mit 52 war Schluss. Ron Sommer, schillernder Branchenstar, musste Mitte Juli 2002 seinen Chefsessel räumen bei der Deutschen Telekom. Der teure Einstieg in den US-Markt war umstritten, der Schuldenberg hoch, der Aktienkurs im Keller. Danach verschwand Sommer aus der öffentlichen Wahrnehmung – seine Managerkarriere war früh beendet.

Zeit Im Rückblick sei der damalige Abgang »schmerzhaft« gewesen, sagt Sommer heute der dpa. »Das war eine emotionale Zeit.« Doch er ist mit sich im Reinen: »Wäre es damals nicht so gekommen, hätte ich nicht die spannende Zeit erlebt, die danach kam.« Am 29. Juli wird Sommer 70 Jahre alt.

Europa hinke beim Internet großen Teilen der Welt hinterher, sagt Sommer.

In drei Aufsichtsräten großer Konzerne saß er in den vergangenen Jahren: bei der Versicherung Münchner Rück, beim indischen Softwareunternehmen Tata Consultancy Services (TCS) und beim russischen Telekommunikationskonzern MTS. Dieser gehörte einst zum großen Teil der Deutschen Telekom, wurde nach Sommers Abgang aber verkauft. Mit dem Erlös wurden Schulden zurückgezahlt.

Gefühl In seiner Zeit als Aufsichtsrat bekam der in Wien Aufgewachsene ein Gefühl für die Größe des Marktes – und wie wichtig Wachstum ist. TCS beispielsweise habe inzwischen rund 400.000 Mitarbeiter und stelle pro Jahr 40.000 bis 60.000 neue Beschäftigte ein. Und MTS habe den Internetausbau in Russland vorangetrieben – schnelle Gigabit-Verbindungen seien in den Großstädten längst Standard.

Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Zwar rüstet Vodafone TV-Kabel auf Gigabit-Speed hoch, doch in den meisten Haushalten ist so ein Tempo längst noch nicht realisierbar. Auf den Zustand der inländischen Internetlandschaft angesprochen, winkt Sommer ab – als Ex-Telekom-Chef wolle er sich dazu nicht äußern.

Europa Zu Europa allerdings sagt er etwas: Der Markt sei zu kleinteilig und das Internet in der Regel viel zu langsam. »Im Jahr 2008 war ich in Hongkong und hatte dort Ein-Gigabit-Internet - also vor elf Jahren«, sagt Sommer. »Heute ist so ein Tempo in Europa die Ausnahme.«

Europa hinke beim Internet großen Teilen der Welt hinterher, sagt Sommer. Zu kleinteilig sei die hiesige Telekom-Branche, die in Europa aufgesplittert sei in etwa 100 verschiedene Firmen. »Drei, maximal vier Anbieter wären besser, damit Europa mithalten kann im globalen Digitalzeitalter.« Nach seiner Darstellung wäre dies gut, weil große Konzerne mehr Investitionskraft haben als kleinere Firmen.

Manager Der 1949 in Haifa als Aaron Lebowitsch geborene Manager – seine Mutter flüchtete 1943 aus Bessarabien nach Palästina, sein Vater flüchtete 1935 – promovierte schon mit Anfang im Fach Mathematik, und machte zunächst Karriere bei Nixdorf, später war er Sony-Europachef und von 1995 bis 2002 Telekom-Vorstandsvorsitzender.

In seiner Bonner Zeit entwickelte sich ein nationaler Staatsmonopolist zu einem internationalen börsennotierten Konzern. Sommer entschied sich für den Markteinstieg in den USA, dabei gab es Kritik an den hohen Kosten. Inzwischen gilt der Mobilfunkanbieter T-Mobile US aber als profitabler Konzernzweig.

Begeisterung löst sein Name aber nicht aus in Bonn.

Derzeit peilt die Telekom in den USA die Übernahme des Konkurrenten Sprint an – beide Firmen kommen zusammengerechnet auf 130 Millionen Mobilfunk-Kundenanschlüsse (davon 81 Millionen T-Mobile US) und damit mehr als die jetzigen Branchenführer Verizon (118 Millionen) und AT&T (100 Millionen).

USA »Wir sind auf dem besten Weg, in den USA die Nummer eins zu werden, ob mit oder ohne Sprint«, sagt Sommer. »Wir« sagt der Ex-Manager – 17 Jahre nach seinem Telekom-Abgang. »Vielleicht wird das, was ich damals gemacht habe, inzwischen mit anderen Augen gesehen.«

Begeisterung löst sein Name aber nicht aus in Bonn. Aus Konzernkreisen heißt es: »Der USA-Einstieg hat uns damals in Schwierigkeiten gebracht, wir haben das noch lange finanzieren müssen aus Deutschland.« Gegenüber der Belegschaft sei Sommer distanziert aufgetreten. »Als Wunderkind gab er sich wie ein Sonnenkönig.«

In seiner Amtszeit lag auch eine Achterbahnfahrt beim Telekom-Börsenkurs.

Experten Aus Sicht externer Experten gibt es in seiner Telekom-Zeit Licht und Schatten. »Der Börsengang 1996 ragte heraus, den hat er in einem schwierigen politischen Umfeld durchsetzen können«, sagt Torsten Gerpott von der Universität Duisburg-Essen. Sommer habe zudem daran mitgewirkt, dass die Telekom ihre verstaubte Behördenmentalität allmählich abgelegt habe, allein sein Verdienst sei das aber nicht. Eher negativ sieht Gerpott den Kauf von T-Mobile US, der überteuert gewesen sei. »Hätte die Telekom das Geld damals in ihr europäisches Netz investiert, stünde sie heute vermutlich besser da.«

In seiner Amtszeit lag auch eine Achterbahnfahrt beim Telekom-Börsenkurs – von anfangs umgerechnet 14,57 Euro kletterte der Wert auf 100 Euro und stürzte danach wieder ab. Heute ist die Aktie etwa wieder beim damaligen Ausgabewert angekommen. Manche Kleinanleger verloren viel Geld. »Ich habe mich nie wohlgefühlt, wie sich der Aktienkurs entwickelt hat«, sagt Sommer – sowohl als es aufwärts ging als auch als es abwärts ging. Die Talfahrt der Aktie habe am Platzen der »New Economy«-Blase im Jahr 2000 gelegen.

Sommer hat nach seinem Telekom-Abgang den Pilotenschein gemacht.

Aktien Mit eigenen Telekom-Aktien habe er damals ebenfalls die Folgen des Kurseinbruchs zu spüren bekommen. Er habe »all das mit durchlitten, was auch andere Aktionäre durchlitten haben«, sagt er. Noch heute halte er Telekom-Aktien. »Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Aktien verkaufen«, sagt Sommer. Vielmehr seien Aktien für ihn ein langfristiger Teil des Vermögensaufbaus. Telekom-Mobilfunkverträge habe er ebenfalls noch – als »treuer Kunde«, wie er sagt.

Nun also 70. Und dann? Seine drei Aufsichtsratsmandate hat er in den vergangenen Wochen abgegeben. Pläne für die Zukunft? Er lasse es auf sich zukommen. Er habe nun mehr Zeit für die Familie, sagt der zweifache Vater, der in der Nähe von Düsseldorf wohnt. Fliegen werde er weiterhin – Sommer hat nach seinem Telekom-Abgang den Pilotenschein gemacht. Das deutsche Wort Aufsichtsrat enthalte ja das Wort »Rat« – »wer meinen Rat will, kann ja weiterhin zu mir kommen.«

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