Musik

Manfred Mann: Rockstar mit Gleichgewicht

Manfred Mann bei der Arbeit Foto: picture alliance / Fotostand

Musik

Manfred Mann: Rockstar mit Gleichgewicht

Manfred Mann steht seit sechs Jahrzehnten auf der Bühne. Nun kommt er erneut nach Deutschland

von Imanuel Marcus  22.04.2023 21:24 Uhr

Wer vor gut 82 Jahren in Südafrika auf die Welt kam, wurde mit der als Apartheid bekannten, rassistischen Politik des Regimes von Pretoria groß. So ging es Manfred Sepse Lubowitz, dessen Eltern David Lubowitz und Alma Cohen Juden aus Litauen waren. Weder sie noch er selbst ahnten, dass er schon bald die Welt mit eingängigen Rock-Hits erobern würde.

Die Grundlagen für sein zukünftiges Lebensprojekt eignete er sich während eines Musikstudiums an der University of the Witwatersrand an. Es gab jedoch ein Problem – den Rassismus. Im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen sagte Lubowitz: »Ich hasste Südafrika. Ich hasste, dass man die Vorstellung akzeptierte, andere Menschen seien minderwertig.«

Jahrzehntelang wurde in Südafrika die Mehrheit der Schwarzen diskriminiert, ausgeschlossen, unterdrückt, ausgebeutet und eingesperrt. »Dies akzeptierten damals fast alle Weißen, auch die jüdische Community«, so Lubowitz.

PSEUDONYM Im Jahr 1961 hatte er genug. Er verließ Südafrika und lebt seither in Großbritannien, wo er zunächst einen Job als Autor für eine Publikation namens »Jazz News« annahm. Und weil sein Name zu lang war, wählte er das Pseudonym Manfred Mann. Dieser Name wurde zu einer Marke, die für überzeugende Rock-Hits stand. Doch wer glaubt, Mann denke gern an die Anfänge zurück, liegt falsch.

»Ich habe absolut keine Nostalgie für die 60er-Jahre«, so der Musiker. »Natürlich weiß ich, dass es Leute gibt, die enttäuscht sind, das zu hören.« Doch Lubowitz hat seine Gründe: »Die Partys waren im Allgemeinen langweilig, da sich jeder der Berühmtheiten bewusst war, die dort waren. Musiker sind aber nicht wirklich interessanter als Gebrauchtwagenverkäufer. Wir sind lediglich in der Lage, Instrumente zu spielen, und hören die Dinge anders.«

In den 60ern, dem Jahrzehnt, in dem Mann als Band-Chef und Keyboarder große Hits wie »Mighty Quinn« von Bob Dylan aufnahm, gab es eine ganze Reihe weiterer Probleme: »Die Konzerte waren schlimm, die Soundsysteme grottenschlecht, und schreiende Mädchen übertönten die Musik, die wir spielten. Die Arbeitsbedingungen waren so mies.«

TRADITION Mann bezeichnet sich als säkularen Juden. »Ich habe nichts gegen ein Minimum an jüdischen Traditionen. Diese können gut sein, aber wenn man zu sehr an etwas glaubt, kann dies nach hinten losgehen.« Bei Mann, das ist offensichtlich, steht die Musik im Vordergrund.

Vor gut 60 Jahren gründete Mann mit dem Multiinstrumentalisten Mike Hugg die Mann-Hugg Blues Brothers. Die nächste Band hieß einfach nur Manfred Mann. Trotz ihrer Hits wurde sie schon 1969 von ihrem Gründer aufgelöst. Manfred Mann wäre aber nicht Manfred Mann, wenn er nicht sofort die nächste Gruppe auf die Beine gestellt hätte, nämlich Manfred Mann Chapter Three. Dieses Projekt war für experimentellen Jazz-Rock bekannt.

Improvisation ist der Aspekt, der es für den mittlerweile betagten Rockstar interessant macht, weiterhin seine vielen Hits zu spielen: »Ich spiele auf der Bühne Soli und improvisiere. Aber vielleicht ist dies nicht Jazz, sondern eher eine Art Crossover-Synthesizer-Spiel.«

popularität Später gründete der Rocker die Manfred Mann’s Earth Band. Auch mit dieser Combo landete er einen Hit nach dem anderen. Es handelte sich um Cover-Songs. »Spirit in the Night« und »Blinded by the Light« wurden von Bruce Springsteen komponiert, »Demolition Man« war von The Police und »Davy’s on the Road Again« von The Band. Dass wenig Eigenkompositionen auf Manns Hitliste standen und dass er in nur neun Liedern selbst sang, tat der Popularität der Gruppe keinen Abbruch.

Überall kam das Publikum in Massen. Auch in Deutschland gilt dies bis heute.

Wegen der Apartheid wanderte er 1961 nach England aus.

Sein deutsches Publikum unterscheide sich nicht sehr von Fans in anderen Ländern, sagt Manfred Mann. »Allerdings klatschen die Amerikaner auf zwei und vier, aber die Deutschen auf eins und drei. Die Amerikaner sind diejenigen, die es richtig machen.« Grundsätzlich sei das Pub­likum älter geworden, »wie wir alle«.

Israel Zu den unzähligen Ländern, in denen die Manfred Mann’s Earth Band in den vergangenen Jahrzehnten auftrat, gehört auch Israel. »Unser Publikum dort besteht hauptsächlich aus russischen Juden. Aber für mich ist ein Konzert ein Konzert. Ich fühle keine engere Verbindung, denn diese Konzerte unterschieden sich nicht von andernorts absolvierten Vorstellungen.« Es gehe um die Frage, ob die Band gut spiele und ob die Erwartungen des Publikums erfüllt würden. »Meine ›Stammesverbindung‹ war bei den Konzerten in Israel weitaus weniger wichtig als die Musik.«

Nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne gibt sich Manfred Mann weiterhin bescheiden: »Ich bin ein ungewöhnlicher Synthesizer-Spieler, nicht der beste, aber ich habe einen bestimmten Stil. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich jüngere Musikergenerationen beeinflusst habe.« Auf die Frage, wie er es schafft, noch mit 82 Jahren Rock und Action auf die Bühne zu bringen, antwortet Mann knapp: »Ich mache Gleichgewichtsübungen.«

Programm

Lebenswille, musikalische Soiree und Fußball unterm Hakenkreuz: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 14. Mai bis zum 21. Mai

 19.05.2026

Analyse

Warum Israel beim ESC so erfolgreich war

Gegen Israels Teilnahme am ESC gab es viele Proteste, doch die Zuschauer stimmten am Ende überaus oft für den Beitrag ab. Wie passt das zusammen? Eine Analyse zum Voting-System, zur Werbung und dem Beitrag selbst

von Daniel Zander  19.05.2026

Kultur

Wer ist »Michelle«? Das Geheimnis hinter Israels ESC-Song

Noam Bettans Lied klingt wie eine Trennungsgeschichte – doch viele interpretieren den Text anders: Als die komplizierte Beziehung des jüdischen Volkes zu Europa

von Sabine Brandes  19.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  19.05.2026

Berlin/Paris

Berliner Fotograf dokumentiert Pariser Juden-Deportation

Lange Zeit unbekannte Fotos zeigen, wie Pariser Juden 1941 ahnungslos einer Vorladung folgten – und in den Abgrund geführt wurden. Was der Harry Croner dabei dokumentierte

 19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Ehrung ohne Preisträgerin

Nach Knieverletzung: Barbra Streisand sagt Cannes-Besuch ab

In Frankreich wollte sie die Ehrenpalme entgegennehmen. Nun hört die Sängerin und Schauspielerin aber auf ihre Ärzte. Das Filmfestival will die Ikone trotzdem ehren

 18.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  18.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026