Yaron Herman

»Rhythmus muss nicht hektisch sein«

»Jazzz gehört keinem«: Yaron Herman Foto: Grosse Geldermann

Yaron Herman

»Rhythmus muss nicht hektisch sein«

Der israelische Jazzpianist über Musik, Mathematik und Pop

von Oliver Hafke  04.01.2011 16:43 Uhr

Yaron Herman, was hat Jazz mit Mathematik zu tun?
Viele Mathematiker haben sich mit Musik beschäftigt. Einer war ein Lehrer von Gershwin. Nicht viele Leute wissen das, aber die gesamte Oper »Porgy and Bess« wurde als mathematische Übung geschrieben für diesen Lehrer. Sein Name war Joseph Schillinger, einer seiner Schüler war Nikolas Slonimsky, von dem viele Jazzmusiker gelernt haben, insbesondere John Coltrane.

Sie selbst sind auch über Mathematik zur Musik gekommen.
Ja, ich habe mit der Musik erst mit 16 Jahren angefangen und Jazz nicht an einem Konservatorium gelernt, sondern auf mathematische Weise. Es wurden dabei Zahlen benutzt und Möglichkeiten mittels mathematischer Modelle ausprobiert.

Ihr neues Album heißt »Follow the White Rabbit«. Was ist das Konzept dahinter?
Das Konzept war, die Musik so aufzunehmen, als ob wir live spielen würden. Wir waren während der gesamten Aufnahmen im selben Raum. Wir haben auch fast gar nichts geschnitten. Und wir haben Material aus sehr unterschiedlichen Quellen verwendet. Das meiste sind eigene Kompositionen von mir, aber es gibt auch Stücke von Nirvana und Radiohead, die wir auf unsere Art und Weise und durch viel Improvisation zu unseren eigenen Stücken machen.

Auch Popsongs von Sting, Britney Spears oder Kurt Cobain benutzen Sie. Wollen Sie damit eine Verbindung schaffen zu einem Publikum Ihres Alters?
Wenn ich das wollte, würde ich einfach beim Publikum anrufen. Es geht darum, die Musik zu spielen, die ich liebe. Natürlich hören junge Leute heute eher Radiohead als Thelonious Monk, aber ich kann Radiohead mit der gleichen improvisatorischen Haltung spielen, die Monk oder viele andere Jazzmusiker hatten. Jazz hat weniger junges Publikum, als er verdient. Ich finde es toll, wenn die Leute ihn durch die Popstücke in unserem Programm kennenlernen, wie bei unserer Version von Britney Spears’ »Toxic«.

Ihre Musik ist sehr lyrisch, melodiös und harmonisch. Wo ist die Wut, der Punk in Ihnen?
Ich sehe das nicht so. Eine gute Melodie existiert nicht ohne einen guten Rhythmus. Aber der Rhythmus muss nicht hektisch sein. Wir sind keine Schlagzeugmaschine.

Sie sind 1981 in Israel geboren, haben in den USA gearbeitet und leben jetzt in Frankreich. Warum dort?
Ich werde inzwischen sogar als Franzose betrachtet. Ich mag Frankreich. Kultur dort ist etwas Heiliges. Es gibt eine Politik der Kulturförderung, ein Musikexportbüro, das Künstler rund um die Welt schickt, französische Kulturzentren in der ganzen Welt. Ihre Hauptexportgüter sind Wein, gute Küche und Kultur. Das sind die Motoren der Zivilisation.

Gibt es auch eine französische Klangfarbe im Jazz? Oder eine europäische?
Nein, ich glaube nicht an europäische oder amerikanische Unterschiede. Das sind Kategorien für Marketingzwecke. Es gibt Leute in Europa, die Bebop spielen und Leute in den Staaten, die Free Jazz spielen, wie die Europäer. Niemand sagt, dass sie europäischen Jazz spielen. Inspiration und Talent werden nicht durch Geografie begrenzt. Es wäre ein Fehler Musik so zu bezeichnen.

Hätten Sie nicht auch in Israel Karriere machen können?
Wahrscheinlich nicht. Israel hat eine tolle Jazzszene. Aber die meisten Musiker gehen weg, vor allem nach New York. Israel hat andere Probleme, die wichtiger sind als Jazzgigs.

Israel ist ein schlechtes Biotop für Jazzer?
Nein, das glaube ich nicht. Wir Juden haben eine lange Geschichte des Lebens in Gefahr und in schwierigen Umständen, und wissen, dass man daraus Positives gewinnen kann. Eine Möglichkeit ist die Kunst. Das jüdische Volk hat nicht umsonst eine große Tradition in der Musik, auch im Jazz. Wohlgemerkt: Nicht jeder gute Musiker musste leiden. Aber man kann Leid in der Musik als universelle Emotion hören. Das ist nicht abhängig davon, wo man herkommt, aber es hilft sicher, wenn man einiges durchlebt hat, worüber man etwas zu sagen hat.

Fühlen Sie sich deshalb der jüdischen Jazztradition von Gershwin, Benny Goodman und anderen besonders verbunden?
Ich bin zwar jüdisch, aber ich sehe mich nicht permanent als Juden. Ich glaube nicht, dass das, was ich tue, daher kommt. Ich mache einfach, was ich kann. Ich versuche nicht, mich an eine historische Tradition zu hängen und muss mich auch nicht in eine lange Kette einreihen, in der ich das nächste Glied bin. Ich bin einfach Yaron Herman und mache Musik.

Dennoch: Wie jüdisch ist der Jazz? Oder ist er afroamerikanisch?
Jazz gehört niemandem. Jazz ist nicht schwarz, jüdisch, weiß, grün oder violett. Ich weiß, dass dieses Denken existiert, aber wie kann Musik, eine abstrakte Kunstform, Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder Rasse gehören? Sie gehört niemandem. Viele Menschen haben zum Jazz beigetragen, die einen mehr, die anderen weniger, aber deshalb gehört der Jazz nicht irgendwem. Es steckt keine Flagge im Jazz und Jazz hat keine Farbe. Im Gegenteil, ich finde, es ist rassistisch zu sagen, Jazz sei die Musik von diesen oder jenen. Das ist wie ein Schuss ins eigene Bein.

Das Gespräch führte Oliver Hafke.

Yaron Herman: »Follow The White Rabbit«, ACT Music 2010, 16,99 €

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026

Entgleisung

Kein Skandal ist der Skandal

Milo Rau macht aus Wagners »Fliegendem Holländer« an der Deutschen Oper Berlin eine groteske Abrechnung mit Israel – und erntet dafür kaum einen Buh­ruf

von Maria Ossowski  26.10.2026

Brüssel/Gütersloh

Lucky Luke wird in Jubiläums-Comic zum Heiligen

Ein Cowboy kann nach acht Jahrzehnten noch viel erleben. Zwischen Saloon und Prärie warten in dem lange von einem jüdischen Texter dominierten Comic häufig Gegenwartsthemen

von Shireen Broszies  26.10.2026

Sachbuch

Tee mit Groys

In einem neuen Gesprächsband erzählt der Philosoph Boris Groys aus seinem Leben und verliert kein Wort über den Krieg. Warum unser Rezensent das Buch trotzdem zufrieden zuklappte: eine sehr persönliche Lektüre

von Dmitrij Belkin  25.10.2026

Aufgegabelt

Fenchel-Tarte-Tatin mit Trauben und Oliven

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  25.10.2026