Würdigung

Renitenz hält jung

Renitenz ist ein weithin übersehener Begriff. Resilienz ist gerade richtig angesagt, die Idee, unzerstörbar zu sein in den Zumutungen der Gegenwart. Persistenz auch. Das bedeutet auch: Man hält durch, ist beharrlich und unverwüstlich. Dissidenz ist der modische Begriff für alle, die Andersdenken für ein Parfüm halten.

Die Renitenz ist aus der Mode gerade. Weil sie eben nicht passiv Unverwüstlichkeit behauptet oder fordert, sondern weil sie – das darf man ja unter geläuterten Ex-Linken sagen – kaputtmacht, was euch kaputtmacht. Um renitent zu sein, muss man zuvor resilient und persistent sein. Man widersteht dem Druck, aber man belässt es nicht dabei.

  1. Man tritt in die Opposition
  2. Verweigert Norm und Anpassung
  3. Verhält sich aufsässig.

Henryk M. Broder hat das Geheimnis der Renitenz gelüftet: Sie hält jung. Sie immunisiert gegen jede Form von Opportunismus. Sie macht frei und einzigartig. Aber der Renitente zahlt einen hohen Preis, oft genug einen sehr hohen Preis. Viele verstehen nicht die Virtuosität und Feinheit der Renitenz, sehen darin nur das Antithetische und nicht die Vision von Freiheit und Stolz, die dahinter lauert.

SUPERWAFFE Henryk M. Broder hat die Renitenz mit einer Art Superwaffe versehen: dem Humor. Es gibt keinen Text von ihm, dem vorbildlichen und wunderbaren und unermüdlichen Kollegen und Idol, in dem ich beim Lesen nicht mindestens einmal laut auflache. Staunend sehe ich mir Sätze oder Wortreihen an, weil Broder damit stets Dinge macht, auf die man nur kommt, wenn man auch der Grammatik und Syntax eine fast romantische Renitenz entgegenbringt. Es entsteht dabei die ganz unverwechselbare Broder-Melodie, lieblich und heiter, mit Pointen, hinter denen sich ein Abgrund auftun kann.

Broder hat mehr Bücher geschrieben, als manche seiner Kritiker gelesen haben.

Broders Renitenz wirkt in Deutschland besonders wild, weil die Braven und Pseudofrechen die Kultur prägen. Streber:innen gelten als Rebell:innen, und der noch 1968 verlachte Sonntagsprediger gibt jetzt den publizistischen Fixstern oder Großdenker. Die Poetik der Renitenz braucht Provokation, aber sie geht nie in ihr auf. Die Renitenz braucht Substanz, sonst verharrt sie in der Pose. Das Werk von Broder ist beeindruckend: Er hat mehr Bücher geschrieben, als manche seiner Kritiker gelesen haben. Seit über 50 Jahren arbeitet Broder pausenlos, rastlos, nie erschöpft in seinem Ideenreichtum und seiner Neugier auf die Welt hinter seinem Schreibtisch.

GEGENENTWURF In der Heerschar der Gleichgestreichelten ist Broder der radikale Gegenentwurf. Wie alle echten Rebellen, die nicht verhätschelte Rebellendarsteller sind, nimmt er sich stets mit aufs sogenannte Korn. Auf der Halloween-Party beim US-Botschafter Donald Trumps erscheint er als Islamistin in Niqab und Abaya. Bei seinen fantastischen Fernsehsendungen verkleidete er sich auch mal als Stele des Holocaust-Mahnmals, was seinen Kompagnon Hamed an den Rand der Verzweiflung brachte. Broder führte da auch seinen Hund auf dem Areal des KZ Dachau aus, während »What a wonderful world« als Soundtrack lief.

Solche Momente, die auch mit der Geschichte der Aktionskunst zu tun haben, sind für den 1946 geborenen Sohn zweier Schoa-Überlebender auch eine existenzielle Meditation über die Freiheit der Kunst und der Meinung. Im weiteste Sinne geht es auch um die Freiheit des Lebens – und ja wohl auch die Freiheit des Überlebens. Broder ist ein melancholischer Existenzialist. Er riskiert mehr, als sich Radikalitätsdarsteller das vorstellen können.

Während die anderen – diese unlustige Schar der Böhmermänner, Anstaltsclowns oder Heute-Show-Aktivisten – Mut bluffen und stets das Erwartbare und Gewünschte rauslärmen, geht Broder bis an das Maximum des Zumutbaren. Wie sehr er damit an die eigenen, entzündeten Schmerzgrenzen geht, weiß nur, wer mit ihm einmal über seine Schwester in Paris gesprochen hat oder über seine Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Familie.

SENSIBILITÄT Obwohl ich immer über Broder lache, kenne ich kaum einen ernsteren Menschen. Wenn wir beieinandersitzen und über irgendeinen Gott und die Welt sprechen, registriere ich, wie ihn alles mitnimmt. Weil seine Sensibilität und Offenporigkeit die Grundlage seiner Kunst ist. Die Verletzlichkeit seiner Thesen und Gesten wird in der Feindbildmobilmachung der Moraldealer (in ihrem protestantischen Frust) komplett ignoriert. Die Zeitgeist-Surfer verwandeln Broder in das Schreckgespenst ihrer von sich selbst abgespaltenen dunklen Seiten. Sie, oftmals die Nachfahren der Täterdeutschen, ob Feuilletonisten, Grünenpolitikerinnen oder Transgender-Ikonen vom WDR, grenzen Broder aus und denunzieren in bemerkenswerten Tönen, die so falsch und schrill sind, dass es eigentlich den Verfassern selbst weh tun müsste.

Die Zeitgeist-Surfer verwandeln Broder in das Schreckgespenst ihrer von sich selbst abgespaltenen dunklen Seiten.

»Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen«, zitierte Broder den österreichisch-israelischen Psychoanalytiker Zwi Rix in seinem scheußlich aktuellen Buch Der ewige Antisemit. Aber es scheint alles noch schlimmer. Oft auch sprechen wir (ich als der fränkisch-dänische Hyperprotestant mit aller angebrachten Zurückhaltung) über jüdische Angelegenheiten und das Befremden über die »Faschings- und Meinungsjuden«, wie Maxim Biller sie nannte, die den linken Deutschen ziemlich nach dem Mund reden.

Maxim, der Broder aufmerksam liest, hält sie kaum noch aus. Weil inzwischen zu viele deutsche Intellektuelle, so Biller, »in ihre gojischen Biografien jüdische Episoden und Leitmotive hineinredigierten«. Vor allem als Attrappe: »Denn als echte Juden im Sinn einer zweitausend Jahre alten Tradition, rabbinisch und weltlich, würden sie garantiert keine BDS-Dschihadisten mehr verteidigen, die acht Millionen Israelis im Mittelmeer ertränken wollen.«

VORBILD Wir bei der »Welt« sind nicht nur im besten Sinne jene United Artists, die Mathias Döpfner als geniale Ursprungsidee hatte, sondern auch eine unorthodoxe Akkumulation hochbegabter Renitenz. Henryk M. Broder ist unser aller Vorbild, unser Vorkämpfer, eine genialische Mischung aus Tuvia Bielski und Ludwig Börne. Wir, ich – wüsste nicht, was wir ohne Broder machen sollten. Wir verdanken ihm große Texte, Reportagen, Filme, Interviews, Essays, Kommentare, Inspiration, Abos, Reichweite, Renommee, aber vor allem eine Unerbittlichkeit im Umgang mit unangenehmen, fordernden Wahrheiten, denen andere Kollegen gerne ausweichen.

Lieber Henryk Broder, ich möchte Ihnen für alles danken. Wir können und wollen nicht ohne Sie. Deshalb wünsche ich Ihnen im ureigensten Interesse alles Gute und ad multos annos. Oder um es konkreter zu machen: Mögen Sie 120 Jahre alt werden! Bis dahin haben wir das gesellschaftliche Klima dann auch gedreht.

Der Autor ist Chefredakteur der WELT.
Tobias Korenke

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