Nachruf

Recht im Namen der Opfer

Heinz Düx (1924–2017) Foto: dpa

Nachruf

Recht im Namen der Opfer

Zum Tod des Juristen Heinz Düx, Untersuchungsrichter im Frankfurter Auschwitz-Prozess

von Werner Renz  14.02.2017 10:20 Uhr

Der am 3. Februar im Alter von 92 Jahren verstorbene Heinz Düx war ein ungewöhnlicher Justizjurist. Anders als nahezu alle seiner Kollegen in Bund und Ländern war er bei seinem Eintritt in den Staatsdienst Anfang der 50er-Jahre unbelastet.

Der Nazi-Gegner hatte die NS-Herrschaft mit Geschick und Mut überstanden. Als Ende 1944 das Regime die letzten Kräfte für den »Volkssturm« rekrutierte, entzog er sich und überlebte im Versteck.

Politisch ließ sich Düx von Anfang an nicht festlegen. Der unorthodoxe Geist stand links, war aber zeitlebens zu sperrig und zu autonom, als dass er sich einem Parteiprogramm verschrieben hätte. Eine Konstante wies er jedoch auf, sowohl als Jurist als auch als Publizist: Düx stand auf der Seite der Opfer des Nationalsozialismus und war immer bestrebt, das bestehende und von ihm oft als unzulänglich erachtete Recht zugunsten der Überlebenden der NS-Verfolgungspolitik anzuwenden.

NS-Verbrecher Im Gegensatz zu vielen seiner Richterkollegen am Landgericht Frankfurt am Main begrüßte er die Bestrebungen des im April 1956 ins Amt des Generalstaatsanwalts berufenen Fritz Bauer, NS-Täter zu verfolgen und vor Gericht zu stellen. Als es Bauer gelang, Verfahren gegen NS-Verbrecher an die Frankfurter Staatsanwaltschaft zu ziehen, bot sich dem Landgerichtsrat Düx ein Arbeitsfeld, das seinem Streben nach Recht und Gerechtigkeit für die NS-Opfer entsprach.

Im Frühjahr 1959 hatte Bauer eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs herbeigeführt, durch die die Zuständigkeit des Frankfurter Landgerichts für die Untersuchung und Entscheidung in Sachen Auschwitz bestimmt wurde. Mit Bauer war Düx der Auffassung, dass Komplexverfahren gegen möglichst viele Angeklagte anzustrengen sind, in denen das gesamte Vernichtungsgeschehen aufzuklären war. Zwei Jah- re lang ermittelten die von Bauer bestellten Staatsanwälte gegen Auschwitz-Täter.

Ihre Beschuldigtenliste umfasste bereits 1960 rund 1000 SS-Angehörige. Mitte 1961 war die Anklagebehörde so weit, beim Landgericht den Antrag auf Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung zu stellen. Düx, zum Untersuchungsrichter in Sachen Auschwitz bestellt, hatte die Aufgabe, die 52 Bände umfassenden Ermittlungsakten auszuwerten, die Beweismittel durch erneute Vernehmung der Beschuldigten zu sichern und weitere Beweise zu ermitteln.

Zeugen
Die Auswertung der Akten der Auschwitz-Verfahren zeigt, dass Düx ab Sommer 1961 bis Anfang 1964 gegen rund 50 SS-Männer (und Funktionshäftlinge) ermittelte und sie quer durch die Republik an ihren Wohnorten vernahm, sofern sie nicht bereits, was nur auf wenige zutraf, in Untersuchungshaft saßen. Darüber hinaus vernahm er rund 250 Zeugen, Überlebende und SS-Angehörige. Weder Mittel noch Zeit sparte der Untersuchungsrichter, gegen die beschuldigten SS-Männer sowie gegen Häftlinge, die sich als Handlanger der SS schuldig gemacht hatten, Beweise zu ermitteln.

Häufig wird in der historischen Forschung die Rolle der Untersuchungsrichter in Verfahren gegen NS-Täter verkannt. Sie konnten anhängige Verfahren beschleunigen und ausweiten, sie konnten sie aber auch verschleppen und im Sande verlaufen lassen. Düx gehörte zu den Richtern, die gegen Widerstände in der eigenen Behörde die von der Staatsanwaltschaft angestrebten Großverfahren tatkräftig vorbereiteten.

Verfahren Wie wenig geneigt das Frankfurter Landgericht war, die von Fritz Bauer geplanten Komplexverfahren zu ermöglichen, zeigen die »Geheimvermerke«, die Düx anlegte und wohlweislich nicht zu den Akten gab. Richterkollegen legten ihm nahe, das Verfahren aufzuspalten und die Zuständigkeit des Landgerichts zu verneinen. Der unerbetene Rat der aufklärungsunwilligen Juristen hatte den Zweck, das Großverfahren zu vermeiden und der Sachverhaltsaufklärung nicht dienliche Einzelverfahren herbeizuführen. Heinz Düx ließ sich aber nicht beirren.

An Juristen wie Düx hat es nicht gelegen, dass im Rückblick auf die justizielle Aufarbeitung der NS-Verbrechen vom Versagen der Justiz gesprochen werden muss. Ohne ihn und wenige andere sähe die Bilanz noch verheerender aus.

Der Autor ist Mitarbeiter und ehemaliger Archivleiter des Fritz Bauer Instituts.

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026