Musik

Rammstein provoziert mit KZ-Anspielungen

Rammstein-Frontmann Till Lindemann Foto: picture alliance / Gonzales Photo/Lasse Lagoni

Ein Video der Band Rammstein mit Anspielungen auf deutsche Konzentrationslager hat scharfe Kritik ausgelöst. Auf dem Trailer zu ihrer neuen Single sind vier Band-Mitglieder zu sehen, deren Kleidung an die von KZ-Gefangenen erinnert. Sie stehen dabei am Galgen. Auf dem Revers eines Musikers ist ein gelber Stern zu sehen, ähnlich dem, den Juden während der NS-Zeit tragen mussten.

Am Ende des 35 Sekunden langen Videos, das Rammstein auch auf ihrer Webseite veröffentlichte, ist das Wort »Deutschland« in frakturähnlicher Schrift zu sehen, in lateinischen Buchstaben steht darunter das Datum 28.3.2019. Zunächst hatte die »Bild«-Zeitung berichtet.

GERMANEN Die Band stellte am Abend das komplette Video ins Netz. In mehr als neun Minuten vollziehen Rammstein unter dem Titel »Deutschland« dabei eine Reise durch die deutsche Geschichte – von den alten Germanen bis zur Gegenwart. Dabei werden die Bilder aus dem Trailer erst während des Abspanns gezeigt.

Das Video zeigt allerdings auch, wie sich Häftlinge an ihren Peinigern in NS-ähnlichen Uniformen rächen. »Du hast viel geweint, im Geist getrennt, im Herz vereint«, singt Frontmann Till Lindemann über Deutschland. »Meine Liebe kann ich dir nicht geben«, heißt es dort weiter.

https://twitter.com/antisemitismus_/status/1111189974215462912

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte nach der Veröffentlichung des Trailers am Donnerstagmittag erklärt, es gebe zahlreiche Künstler, die sich in ihren Kunstwerken auf eine würdevolle Art mit der Schoa auseinandersetzen. »Wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch«, betonte Schuster.

GESCHMACKLOS »Sollte Rammstein mit dem neuen Musikvideo aus dem Holocaust Profit schlagen wollen, wäre das geschmacklos und würde die Millionen von Menschen verhöhnen, die während der Schoa unsäglich gelitten haben und auf grausamste Weise ermordet wurden.«

»Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch«, sagt Josef Schuster.

Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums nannte den Rammstein-Clip mit Anspielung auf den Holocaust »beschämend«. »Wir schließen uns jenen an, die eine sofortige Löschung fordern«, schrieb er auf Twitter.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

YAD VASHEM Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem kritisierte nicht generell den künstlerischen Umgang mit dem Holocaust. Solche Arbeiten dürften aber nicht die Erinnerung an die Schoa verhöhnen und nur der öffentliche Aufmerksamkeit dienen, erklärte ein Sprecher. Künstler sollten respektvoll mit der Erinnerung der Überlebenden umgehen.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, erklärte, prinzipiell sei gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nichts einzuwenden. »Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten.«

Dies wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit, so Klein weiter. Man müsse abwarten, was die Band in ihrem neuen Album aufgenommen hat. »Sollten es Lieder gegen den Judenhass sein, wäre ich positiv überrascht«, sagte Klein der Deutschen Presse-Agentur. Von der Band war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Karl Freller lädt Rammstein zu einem Besuch in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein.

»Wie kommt Rammstein dazu, sich die Rolle der Opfer anzumaßen«, fragte Christoph Heubner, Geschäftsführer des Internationalen Auschwitz Komitees. »Geschmacklos« und ohne jede Empathie für die Holocaust-Überlebenden sei eine solche Form der Darstellung, getrieben von Sensationsgier und dem Schielen nach Verkaufszahlen.

GEDENKSTÄTTE Unterdessen lud der Stiftungsdirektor für die beiden bayerischen KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg, Karl Freller, die Mitglieder von Rammstein zu einem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Dachau ein. Der CSU-Landtagsabgeordnete Freller betonte, Leid und Unmenschlichkeit des Holocausts verböten sich »für Werbezwecke oder Effekthascherei zur Bekanntmachung von Produkten ganz gleich welcher Art«.

Rammstein sei eine international bekannte Band und erreiche viele, gerade auch jüngere Menschen. Angesichts dessen würde er sich wünschen, dass die Band nach Veröffentlichung des umstrittenen Clips »etwas Sinnvolles zur Aufarbeitung« der geschichtlichen Verantwortung beitragen wolle, so Freller.

Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller (CSU), lud die Band in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein. »Das Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust verbieten sich für Werbezwecke oder Effekthascherei zur Bekanntmachung von Produkten ganz gleich welcher Art - in diesem Fall wohl ein neues Musikalbum«, erklärte er.

HINTERGRUND Die Berliner Band hat in der Vergangenheit mit brachialem Rock und martialischen Klängen immer wieder mit Nazi-Ästhetik gespielt. Für das Video zum Song »Stripped« etwa waren Ausschnitte aus Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm über die Olympischen Sommerspiele von 1936 zu sehen.

Frontman Till Lindemann wies damals Nazi-Vorwürfe zurück. »Wir kommen aus dem Osten und sind als Sozialisten aufgewachsen. Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!«, sagte er dem Magazin »Rolling Stone«.  ja/dpa/epd

Stuttgart

Startschuss für die Jewrovision

Der jüdische Jugend-Musikwettbewerb hat begonnen. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt treten heute 13 Teams aus ganz Deutschland auf

von Joshua Schultheis  15.05.2026 Aktualisiert

Jewrovision 2026

Die Nervosität steigt …

Schon bald gehen die Scheinwerfer an und 600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland werden ihre Showacts zum Besten geben

von Nicole Dreyfus  15.05.2026

Kino

»Palästina 36«

In ihrer Doku geht die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fahrlässig mit einem historischen Thema um

von Ralf Balke  15.05.2026

Gesangswettbewerb

ESC: Ein bisschen Aufregung in Wien

In Wien sollen Kaffeehäuser Patenschaften für die Teilnehmerländer übernehmen, doch ausgerechnet für Israel fand sich keines bereit

von Martin Krauss  15.05.2026

Wien

ESC-Finale: Noam Bettan tritt als Dritter auf

Unter ESC-Beobachtern gilt ein früher Startplatz traditionell als möglicher Nachteil im Rennen um den Sieg

 15.05.2026

Musik

Jay Beckenstein wird 75

Der jüdische Saxofonist aus Buffalo, der seine Jugend in Westdeutschland verbrachte, gründete eine der wichtigsten Fusion-Bands und bietet sanfte Klänge

von Imanuel Marcus  14.05.2026

Berlin

TU eröffnet neues Kompetenzzentrum für Antisemitismusforschung

Nach umfassendem Umbau stünden künftig rund 55.000 Bücher und Zeitschriften sowie etwa 11.000 visuelle Antisemitika für Forschung und Lehre zur Verfügung

 14.05.2026

Zahl der Woche

13 Gruppen

Fun Facts und Wissenswertes

 14.05.2026

Eurovision Song Contest

Die Leichtigkeit der anderen

Der Schoa-Überlebende Walter Andreas Schwarz vertrat Deutschland 1956 beim ersten Grand Prix Eurovision in Lugano. Seine Biografie prallte auf ein Publikum, das die Vergangenheit hinter sich lassen wollte

von Claudio Minardi  14.05.2026