Frau Scherbakowa, der Beginn des großangelegten russischen Angriffs auf die Ukraine jährt sich zum vierten Mal. Hätten Sie sich im Februar 2022 vorstellen können, dass im Februar 2026 immer noch Krieg herrscht?
Ich hätte mir bis zum Februar 2022 nicht vorstellen können, dass Russlands Präsident Wladimir Putin sich tatsächlich zu einem solchen Krieg entschließt – obwohl das in gewisser Weise eine Form des Wegsehens war. Denn alle Anzeichen waren ja schon da: der Truppenaufmarsch an der Grenze oder die aggressive Propaganda gegen die Ukraine. Dass dieser Krieg jedoch nicht so schnell enden würde, das war mir von Anfang an klar. Denn anders als Putin war ich davon überzeugt, dass die Ukraine Widerstand leisten würde.
Hat man in Deutschland Ihrer Meinung nach mittlerweile verstanden, welche Gefahren von einem Russland unter Putin ausgehen können?
Ich denke, dass die Situation heute natürlich eine andere ist als zu Beginn des Krieges, als es noch viele merkwürdige Illusionen gab – leider auch bei zahlreichen deutschen Politikern. Deshalb wurden Entscheidungen darüber, ob und wie der Ukraine geholfen werden kann, sehr langsam getroffen. Wertvolle Zeit ging so verloren. Übrigens zeigte sich die Zivilgesellschaft deutlich solidarischer: Schon zu Beginn des Krieges wurde Geflüchteten aus der Ukraine umfassend geholfen. Heute sehe ich mehr Entschlossenheit, aber es gibt weiterhin viele, die in alten pazifistischen Denkmustern gefangen sind und sagen: Das ist nicht unser Krieg.
Es gibt hierzulande Politiker, die nach wie vor die Schuld an dem Konflikt beim Westen sehen und zu Verhandlungen und einem Ende der Sanktionen aufrufen. Wie erklären Sie sich diese Haltung?
Das sind häufig Politiker und Personen aus ganz unterschiedlichen politischen Lagern. Es gibt jene, die weiterhin – direkt oder indirekt – mit dem Putin’schen Regime verbunden sind oder waren, wirtschaftlich und sogar politisch. Ich spreche hier auch von Kräften, die hoffen, dass der Krieg endet und alles wieder irgendwie »wie früher« wird. Die Ukraine interessiert sie überhaupt nicht. Daneben gibt es Menschen, bei denen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sehr eigentümlich gebrochen ist: Schuldgefühle oder ein Pazifismus mögen dafür Erklärungen sein, vor allem aber eine Angst vor Russland, das sie für vollkommen unbesiegbar halten. Sie haben oft Illusionen und glauben, dass die Aufrüstung in Europa eine Vergrößerung der Kriegsgefahr bedeutet. Ich sehe das genau umgekehrt.
Was würden Sie jemandem wie Oskar Lafontaine sagen, der kürzlich meinte: »Der Russenhass ist ebenso verwerflich wie der Antisemitismus«?
Ich denke nicht, dass man solchen Menschen etwas erklären muss. Sie sind Populisten und wissen sehr genau, dass es sich dabei um eine bewusste Verdrehung und Manipulation handelt. Es geht nicht um Hass auf alle Russinnen und Russen, sondern um die Haltung gegenüber jenen, die Putin in diesem Krieg unterstützen. Niemand hasst die Russen, weil sie Russen sind. Niemand deportiert sie deswegen. Antisemitismus hat völlig andere historische Wurzeln – das wissen deutsche Politiker sehr genau. An diesem Punkt gibt es übrigens Schnittstellen zwischen linken und rechten Populisten.
Kann man in der offiziellen russischen Lesart des »Großen Vaterländischen Krieges« einen Grund dafür sehen, warum es in Russland so wenig Widerstand gegen den Krieg gibt?
Ich glaube nicht, dass der Zusammenhang so direkt ist. Die Verflechtungen sind komplexer. Ja, diese instrumentalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wurde von Putin genutzt, um militaristische und nationalistische Stimmungen anzuheizen und die Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen, in der angeblich »Nazis« in der Regierung säßen. Gleichzeitig gab und gibt es in Russland viele Menschen, die diesen Krieg nicht unterstützen. Doch Putin hat über viele Jahre hinweg einen riesigen Repressionsapparat aufgebaut, der Andersdenkende brutal verfolgt. Seit Beginn des Krieges mussten fast eine Million Menschen Russland verlassen. Über 20.000 Personen wurden politisch verfolgt – faktisch für jede antikriegsbezogene Äußerung. Darunter sind Menschen im Alter von über 70 Jahren ebenso wie Dutzende Minderjährige, sogar Schulkinder.
Was waren Ihre Arbeitsschwerpunkte bei »Memorial«?
Memorial International war ein 1989 gegründetes Netzwerk zahlreicher Organisationen, das kurz vor dem Krieg durch den Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation liquidiert wurde. Bei Memorial war ich für die historisch-pädagogische Arbeit zuständig: Ausstellungen, Publikationen, Jugendprojekte, Oral-History-Initiativen und vieles mehr. Heute sind noch Kolleginnen und Kollegen in Russland, die trotz enormen Drucks versuchen, diese Arbeit fortzusetzen.
Ab wann setzten die Repressalien gegen die Menschenrechtsorganisation ein?
Der Druck auf Memorial und andere unabhängige NGOs begann sehr früh, und zwar bereits nach 2004 und der sogenannten Orangenen Revolution in der Ukraine, vor der Putin enorme Angst hatte. Er verstärkte sich jedoch massiv nach der Annexion der Krim im Jahr 2014, gegen die Memorial öffentlich Stellung bezog. Festnahmen und Misshandlungen bei friedlichen Demonstrationen, die Ermordung unserer Kollegin Natalja Estemirowa in Tschetschenien, Hausdurchsuchungen – nicht nur in unseren Büros, sondern auch in den Privatwohnungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern –, das waren die Folgen. 2016 wurde Memorial als »ausländischer Agent« eingestuft. Es folgten Geldstrafen, eine Hetzkampagne in den staatlichen Medien, Einschüchterungen, das Verbot öffentlicher Veranstaltungen und schließlich die Liquidierung des Internationalen Memorial. Gegen mehrere Mitarbeiter wurden Strafverfahren eingeleitet. Unsere Räumlichkeiten in Moskau wurden uns entzogen, viele mussten das Land verlassen.
Wie kann man aus dem Exil heraus Informationen über die in Russland herrschenden Repressionen verbreiten?
Im Exil arbeiten heute Hunderte Medien, Bloggerinnen und Aktivisten, die kontinuierlich informieren. Sie erreichen Millionen Leserinnen und Zuhörer. Das ist nicht einfach, denn Russland führt faktisch einen Krieg gegen den freien Internetzugang – aber diese Arbeit ist von enormer Bedeutung.
Was hat es mit dem Projekt »Lanterna«, zu Deutsch »Laterne«, auf sich?
Lanterna soll eine internationale Medienplattform in drei Sprachen werden – Russisch, Deutsch und Englisch –, zur Vermittlung von Informationen über die historischen Erfahrungen mit der Erforschung von Diktaturen, die Beziehungen zwischen Individuum und Staatsmacht sowie politische Repressionen und Widerstand. Sie zielt darauf, die Ressourcen von Memorial – das Archiv, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Erfahrungen in der Bildungsarbeit – mit modernen digitalen Formaten und neuen Ansätzen für den Austausch über die schwierige Vergangenheit zu verbinden.
Kann Memorial heute noch Menschen in Russland erreichen?
Wir unterstützen unsere Kolleginnen und Kollegen, stehen in ständigem Kontakt und setzen alles daran, die historische Arbeit fortzuführen, die in Russland selbst kaum noch möglich ist.
Was könnte das Regime von Wladimir Putin Ihrer Meinung nach in Gefahr bringen?
Da gibt es ein ganzes Bündel von Faktoren: zunehmende wirtschaftliche Probleme durch die überhitzte Kriegswirtschaft, die Müdigkeit angesichts eines nicht gewonnenen Krieges oder die Erkenntnis, keine Zukunftsperspektiven zu haben. Entscheidend wäre jedoch, dass die Menschen – auch innerhalb der Eliten – das Vertrauen in das Regime verlieren. Davon ist bislang aber wenig zu sehen.
Wie beurteilen Sie die Möglichkeit einer Rückkehr nach Russland?
Was mich persönlich betrifft, glaube ich nicht daran. Aber ich hoffe, dass es für jüngere Menschen eines Tages möglich sein wird. Allerdings nicht, solange Putin an der Macht bleibt.
Die Fragen an die Historikerin stellte Ralf Balke.
Die 1949 in Moskau geborene, russisch-jüdische Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa gehört zu den Gründern der Menschenrechtsorganisation »Memorial«, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 verließ Scherbakowa, die ebenfalls zahlreiche Auszeichnungen wie den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik oder den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage erhielt, Russland in Richtung Israel. Im Juli 2022 zog sie weiter nach Berlin, wo sie heute noch im Exil lebt.