Berlinale

David Cunio: »Als ich nicht sprechen konnte, habt ihr mir eine Stimme gegeben«

Fast kein Auge blieb trocken, als am Freitagnachmittag im Berliner Babylon-Kino A Letter To David – The Complete Version von Tom Shoval gezeigt wurde. Der filmische Brief des israelischen Regisseurs an David Cunio, der am 7. Oktober 2023 mit seiner Familie aus dem Kibbuz Nir Oz im Süden Israels von Hamas-Terroristen nach Gaza entführt und dort mehr als zwei Jahre als Geisel gefangen gehalten wurde, hat jetzt, vier Monate nach der Freilassung des Israelis am 13. Oktober 2025, ein neues Ende bekommen.

Es sind etwa sieben Minuten, in denen Shoval die Familie Cunio zeigt, wie sie mit der grauenvollen Zeit umgeht, in der nicht nur David, sondern auch dessen jüngerer Bruder Ariel in Gaza gefangen war. Ein Ende, bei dem längst noch nicht alles gut ist. Sowohl die beiden Ex-Geiseln als auch David Cunios Zwillingsbruder Eitan Cunio, der den Hamas-Überfall am 7. Oktober knapp überlebte, wirken schwer gezeichnet von ihren Erfahrungen.

Zigaretten und absurder Humor

Und doch sieht man vor allem an der letzten Szene – ohne Details zu verraten, denn auch der neuen Version des Film ist ein großes Kinopublikum zu wünschen –, wie die Zwillingsbrüder, die mehr als 24 Monate voneinander getrennt waren, an gemeinsame Erfahrungen anknüpfen - mithilfe, soviel sei gesagt, von Zigaretten, absurdem Humor und einem sensiblen Filmemacher, der sich selbst nicht in den Vordergrund drängt.

Zur Vorführung waren Silvia und Luis Cunio sowie ihre Söhne David, Eitan und Ariel gekommen. Das Publikum in dem fast vollbesetzten Kino, darunter auch der israelische Botschafter Ron Prosor, begrüßte die Überlebenden und ihre Angehörigen mit minutenlangen Standing Ovations.

David Cunio, dessen hebräische Worte von Tom Shoval auf Englisch übersetzt wurden, erklärte: »Für mich ist ›A Letter To David‹ viel mehr als ein Film. Er ist ein Zeugnis der Liebe und der Hoffnung, und ein Zeugnis all der Menschen, die in den zwei Jahren, als ich in Gefangenschaft war, nicht aufgegeben haben.«

Über das Filmteam sagte die Ex-Geisel: »Als ich nicht sprechen konnte, habt ihr mir eine Stimme gegeben. Als ich nicht anwesend sein konnte, wart ihr für mich da.« Er bedankte sich auch bei Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle, die die Vorführung des kompletten Films angeregt hatte.

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»Bei der Berlinale ging und geht es immer um die Community und welche Gefühle wir zu unseren Filmemachern haben«, hatte Tuttle zuvor in einer kurzen Ansprache an das Publikum betont.

»Wir waren entsetzt, als David Cunio und viele Mitglieder seiner Familie von der Hamas entführt wurden. Während David Cunio in Geiselhaft war, hatten wir die kritische Ehre, Tom Shovals wunderbaren Film ›A Letter To David‹ (im Februar 2025) bei der Berlinale zu zeigen. Wir haben uns mit allen anderen gefreut, als David am 13. Oktober 2025 nach zwei quälenden Jahren wieder mit seiner Familie vereint war. Und es ist für uns sehr kostbar, den kompletten Film zu sehen, der jetzt in einer Weise endet, auf die Tom Shoval immer gehofft hat.«

Gegen Schluss des Abends, organisiert vom deutsch-israelischen Co-Producing-Netzwerk »FutureNARRATIVE Fund«, wurde Regisseur Shoval gefragt, was er sich wünsche – jetzt, wo sein Wunsch, mit dem Film einen Kreis zu schließen, in Erfüllung gegangen sei. »Ich wünsche mir Frieden«, antwortete der Israeli und sprach damit wohl vielen im Publikum aus dem Herzen – an einem Freitagabend kurz vor einem Wochenende, an dem besonders ungewiss war, ob dieser Wunsch mit der Realität in Einklang zu bringen sein wird.

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