Literatur

Prophet im eigenen Land

Amos Oz mit Katze in seinem Haus in Tel Aviv: Im Dezember 2018, etwa drei Jahre nach Entstehen des Fotos, starb der Schriftsteller. Foto: picture alliance / AP Images

Amos Oz war 25 Jahre alt, als er zum ersten Mal vom Radiosender »Kol Israel« interviewt wurde. Da lebte er noch im Kibbuz Chulda, und kurz zuvor war sein Furore machender Erzählband Wenn die Schakale heulen erschienen. Befragt nach seiner Gestimmtheit, literarisch sowohl als politisch (diese Wechselbeziehung war tatsächlich von Anfang an präsent), antwortete der junge Mann: »Ich spreche nicht nur vom Recht auf Verlegenheit. Ich spreche von der Notwendigkeit der Verlegenheit. Ich spreche von der Tatsache, dass die Verlegenheit etwas Wesentliches ist.«

Allerdings ging es hier nicht um medial aufgepumpte Nichtigkeiten à la »Prominenter Jungschriftsteller fragt sich, was der Ruhm mit ihm macht«, sondern um etwas ungleich Wichtigeres: Wie gehen Menschen – ob nun jung oder alt, rechts oder links, Schriftsteller, Politiker, Militärs oder sogenannte einfache Leute – mit den oftmals dramatischen Herausforderungen ihres Lebens um? Befragen sie selbstreflexiv ihr Tun, oder betonieren sie sich ein in ihren jeweiligen Gewissheiten? Genau dies meinte der junge Amos Oz mit »Verlegenheit« – und trug dies dann jedoch keineswegs verlegen vor, sondern mit einer ruhigen Sachlichkeit, die noch heute beim Nachlesen staunen lässt.

Als Buch ein Ereignis - intellektuell, politisch, menschlich

Mit jenem Text aus dem Jahr 1964 beginnt der Essay- und Reden-Band Worte, den Amos Ozʼ Tochter Fania Oz-Salzberger zusammen mit der Redakteurin Gafni Lasri Kokia herausgegeben hat. Er versammelt Interviews, Reden und Texte, die bislang noch nicht oder lediglich an verstreuten Stellen publiziert waren – und ist als Buch ein Ereignis, intellektuell, politisch, menschlich. Denn noch einmal ersteht hier das Porträt eines Schriftstellers und Staatsbürgers, der sein Eretz Israel auf eine Weise geliebt hat, wie es jene rechten Extremisten, die ihm diese Liebe bis heute hämisch absprechen, wohl niemals vermögen.

Oz warnte bereits vor dem 7. Oktober 2023 vor der Gefahr, die im Gazastreifen lauert.

Der Abschlussbeitrag ist ein Vortrag, den Amos Oz im Sommer 2018 an der Universität Tel Aviv gehalten hat, kurz vor seinem Tod im Dezember desselben Jahres. Noch einmal sind hier all seine Themen präsent, und zwar nicht als routinierte Nummernrevue, sondern gleichsam als Frucht eines lebenslangen Nachdenkens und Schreibens, eines Debattierens mit Freunden und Gegnern, eines skrupulösen Schlüsse-Ziehens und der fortdauernden Skepsis vor Dogmen. Und dazu – wie in allen Texten dieses Buchs – grundiert mit einer feinen, nahe der Melancholie siedelnden menschenfreundlichen Ironie, die um unser aller Verletzlichkeit und Endlichkeit weiß.

Was klare Ansagen nicht ausschließt: Ozʼ fortdauerndes Plädoyer für eine praktikable, durch handfeste Sicherheitsinstrumentarien robust gemachte Völkertrennung und Zweistaatenlösung geht einher mit der Kritik, dass man sich bei der fortdauernden Besiedlung des Westjordanlandes nicht mehr hinreichend auf die Gefahr konzentriere, die im Gazastreifen lauert. Eine damals von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Mahnung, deren Realitätsgehalt sich am 7. Oktober 2023 grauenhaft bestätigen würde.

Mitnichten eine naive und isolierte »Friedenstaube«

Gegen ein letztlich desaströses Status-quo-Denken argumentierend, sagte damals Oz: »Nichts ist unumkehrbar. Es ist eine Frage der politischen Führung. Nur der Tod ist unumkehrbar, und auch das werde ich demnächst noch prüfen.« Überdies zeigen diese Beiträge, dass er mitnichten eine naive und isolierte »Friedenstaube« war. Seit Ende der 60er-Jahre diskutierte er zum Beispiel öffentlich mit Vertretern der Siedlerbewegung und argumentierte als Hardcore-Zionist und säkularer Religionskenner gegen messianistische Tunnelblicke und den offensichtlichen Rassismus der »Kach«-Bewegung.

Als Zionist argumentierte er gegen Messianismus und den Rassismus der »Kach«-Bewegung.

Ebenso seine Gespräche mit Top-Militärs des Landes, in denen Amos Oz ebenfalls nicht in die Falle der typischen Intellektuellen-Dichotomie »Geist versus Macht« ging, sondern dort modest, aber ohne alle falsche Bescheidenheit auftrat mit »der Autorität eines Oberfeldwebels der israelischen Verteidigungsstreitkräfte«.Wie weit ist all das auch entfernt vom hiesigen Bild eines quasi über allen Wassern schwebenden »Mahners und Warners«! Amos Oz wusste jedenfalls genau, wovon er sprach, und in seiner Verteidigung des Zionismus gegenüber auswärtig linken Verächtern und innerisraelisch rechten Verhunzern sind Ethik, Humanismus und Wehrbereitschaft keine Gegensätze.

Was er über die permanente Machtkritik der biblischen Propheten schrieb, gilt damit auch für ihn selbst, obwohl er eine solche Zuschreibung vermutlich auf seine ganz eigene Weise beantwortet hätte: mit seinem berühmten Lächeln, »in der Notwendigkeit der Verlegenheit«. What a man.

Amos Oz: »Worte. Essays und Reden«. Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafni Lasri Kokia. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. Suhrkamp, Berlin 2026, 304 S., 26 €

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