Kulturkolumne

Warum ich bei Fußball im Fernsehen besonders gut einschlafe

Foto: Getty Images

Eines Tages war die Eule der Familie verschwunden. Ein Fußballspiel hatte sie vertrieben. Und das kam so: Das Federvieh aus Keramik war eine (aus Griechenland immigrierte) Spar-Eule. In den Schlitz auf ihrem Rücken wanderte unser sogenanntes Hochdeutsch- und Manierengeld. Ein Groschen für ein »icke«, fuffzich Fennich für »kiek mal«. Ne Mark musste zahlen, wer bei Tisch Messer und Gabel in die Luft hielt oder schmatzte. Unsere Familieneule bekam wegen der Regeln meines Vaters ständig Futter.

Ihm, aus einem Berliner Arbeiterhaushalt stammend, waren als klassischem Aufsteiger ins Bildungsbürgertum berlinische Mundart und miese Essmanieren das Merkmal alles Ungehörigen. Ein geschliffenes Hochdeutsch, die Ellbogen bei Tisch fest am Körper, ausschließlich klassische Musik genießen und niemals Jeans in der Schule tragen: Sonst lieb und geduldig, kannte er bei Gesetzen der Etikette kein Pardon. Doch von einem Tag auf den nächsten musste unsere Eule fasten, dauerhaft.

Mein Vater sel. A., gekleidet immer mit zur Krawatte passendem Einstecktuch, ging – ein unvorstellbarer Tabubruch – in Trainingshose und Pullover aus dem Haus. Deshalb wollte ich unbedingt mit ins Olympiastadion zu einem Fußballspiel. Kannte ich nicht, begreife ich bis heute nicht, egal.

Buletten mit Senf und Mayo

Schon auf dem Weg dorthin verwandelte sich der Meister des guten Benehmens: »Ick weeß nich, ob die Jungs dette heute packen. Der Jegna is ooch nich von schlechte Eltan.« Hatte ich mich verhört? Das machte einen Groschen und sieben Fuffziger! Vor dem Stadion bot ein Imbiss Buletten mit Senf und Mayo. Mein Vater isst einen Fleischklops mit den Fingern? Der Senf tropft auf den Trainingsanzug? Drei Mark mindestens. Bierschlürfen aus dem Pappbecher? Ein Monat Taschengeld für den Keramikschlitz.

Im Stadion wäre unsere Eule geplatzt. Vaters sonst so kultivierte Radiomoderatorenstimme wurde zu einem heiseren Gebrüll: »Du Nappsülze, haste keene Bee­ne, schieß mit de Füße!« Vor uns sprang ein Jogginganzug auf. Vater empört: »Ey, Kleena, biste aus Glas? Ick will ooch kieken.« Und schließlich: »Tooooor, der Verteidjer hat jepennt, Pech, Junge, ausjeschlafen uff’m Platz jehört zum juten Ton.« Zum guten Ton?

Das Benimmgesetzbuch unserer Fami­lie löste sich dank des Fußballs in eine entspannte Wolke aus Gelächter und Dialekt auf. Über den Daumen gepeilt, hätte Vater nach diesem Ereignis Münzen für 30 Mark in die kleine Eule werfen müssen, ihr gewaltsames Ende. So hungerte sie und verzog sich hinter die Bücher. Bislang hatten wir Kinder auf dem Weg zur Schule heimlich im Park den Faltenrock gegen die Levi’s getauscht. Das hatte sich hiermit erledigt.

Vor über einem halben Jahrhundert: der endgültige Sieg

Und dann vor über einem halben Jahrhundert: der endgültige Sieg. Zum ersten Mal reiste ein deutsches Orchester nach Israel, das RIAS-Jugendorchester. Mein Vater hatte es gegründet. Teddy Kollek zeigte den jungen Musikern Jerusalem. Mein Vater trotzte der Hitze im Anzug, aber der Bürgermeister der israelischen Hauptstadt und das gesamte Orchester trugen Jeans. Mittendrin strahlte meine Mutter mit ihrer neuen Levi’s. Sie entwickelte später die entzückende Angewohnheit, jedes Mal, wenn mein Vater vor dem Fernseher lautstark Fußball kommentierte, sofort einzuschlafen.

Im Fußball, so der Philosoph Gunter Gebauer, offenbare sich die Unsicherheit unserer Existenz. In unserer Familie bedeutet Fußball hingegen: Berlinern dürfen, mit den Fingern essen und, was ich von meiner Mutter übernommen habe: dabei bestens einzuschlafen. Letzteres praktiziere ich bis heute.

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