Am 10. November 2023 verließ die israelische Künstlerin und Psychoanalytikerin Bracha Lichtenberg Ettinger das Gremium der Findungskommission zur documenta 16, die im Sommer 2027 stattfinden wird. Ihr Wunsch, die Findungskommission möge wegen der Ereignisse im Nahen Osten einen Moment innehalten, stieß nicht auf Resonanz. Ende Januar fand an der Kunstakademie Düsseldorf eine Veranstaltung mit der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif statt. Sie gilt als Sympathisantin der »Volksfront zur Befreiung Palästinas«.
Die Beispiele verdeutlichen exemplarisch, was sich seit dem 7. Oktober 2023 verschärft abzeichnet: Die vordergründige Solidarität mit den palästinensischen Opfern verschränkt sich mit der hintergründigen Ideologie des Postkolonialismus, die Israel zum Täter macht. In dieser Konstruktion wird die israelische Herrschaft als »Apartheidregime« der »Weißen« gebrandmarkt.
So geht die postkolonialistische Denkweise vieler Intellektuellen mit einer moralischen Überheblichkeit und einem ebensolchen Konsens einher: Israels Politik wird mit Staatsterror gleichgesetzt, was einem Rückfall in den imperialen Kolonialismus gleichkommt. Der deutsche Rechtswissenschaftler Karl-Heinz Ladeur hat die Rhetorik von Studentengruppen analysiert und eine strukturelle Analogie mit der Hamas offengelegt: Die totalitäre Kampfsprache ist bei beiden identisch und gipfelt in der Kampfparole gegen die »zionistischen Entität«. Eindeutiger lässt sich der Feind nicht benennen beziehungsweise beschimpfen.
Der Holocaust wird nicht geleugnet, aber in Bezug zur Dekolonisierung krude relativiert.
Erstaunlich ist daher, dass diese Sprache trotzdem wie wissenschaftliche Argumentation wirkt. Was vor über 100 Jahren im akademischen Milieu rassentheoretische Berechtigung erfuhr, gibt sich gegenwärtig fundamental antirassistisch. Das hat Kalkül: Israel wird als zionistisches Ganzes durch diese Art von Sprache des Rassismus bezichtigt.
Geburtsstunde des postkolonialen Antisemitismus
Es ist wenig verwunderlich, dass die erste Solidaritätsbekundung nach den Hamas-Massakern am 7. Oktober 2023 an der New Yorker Columbia University organisiert wurde: Diese Universität gilt durch die Lehre von Edward W. Said, der dort von 1963 bis 2003 als Professor tätig war, als der Gründungsort des Postkolonialismus. In dessen Schatten konnte ein akademisch salonfähiger Israelhass gedeihen.
Das Motiv liegt auf der Hand: Der »Jude« hat sich als antisemitisch karikierbare Projektionsfigur aufgelöst und sich im Soge scheinbar gerechtfertigter antirassistischer Wut in der Gestalt einer zionistischen Entität neu formiert. Das war die Geburtsstunde des postkolonialen Antisemitismus. Dieser scheut nicht davor zurück, schamlos ignorant der Schoa gegenüberzutreten: Der Holocaust wird zwar nicht geleugnet, aber vor der Kulisse der Dekolonisierung krude relativiert. So wird Kolonisation als schlimmste Form menschlicher Verbrechen gewertet und damit die israelische Regierung mit dem NS-Regime und seinen Gräueltaten auf gleiches Niveau gestellt.
Um auf Ladeur zurückzukommen: Er verbindet diesen Kurz- beziehungsweise Fehlschluss mit dem »Homo clausus«, ein soziologischer Begriff, den Norbert Elias prägte, um das moderne westliche Individuum zu beschreiben. Das Individuum verschanzt sich wortwörtlich in seiner absoluten und eigenen Unteilbarkeit.
Pluarlität am Beispiel Samuel Joseph Agnons
Vor diesem Hintergrund lässt sich die postkolonialistische Ideologie ableiten. Just der Zionismus ist es, der solche Geschichtsklitterung Lügen straft, da er ein äußerst heterogenes Phänomen und selbst für die Judaistik eine enorme Herausforderung darstellt. Die komplexe Unterscheidung zwischen politisch, kulturell, religiös oder militant geprägten, historisch gewachsenen Formen des Zionismus deutet bereits an, dass eine sinnvolle Bezeichnung eigentlich nur im Plural angemessen wäre: Zionismen. Diese Diversität findet sich bei Natan Sznaider in einem Buch, das er paradigmatisch Gesellschaften in Israel nennt.
Just der Zionismus ist es, der solche Geschichtsklitterung Lügen straft.
Darin spielt der israelische Soziologe geradezu mit dieser Pluralität und macht deutlich, in welcher Schwebe- und Gemengelage sich das multiple Projekt des Zionismus befindet. Sznaider veranschaulicht es beispielhaft am Lebenslauf des Schriftstellers Samuel Joseph Agnon, der 1888 als Sohn eines Rabbiners im Milieu traditioneller Gelehrsamkeit in Buczacz (heutige Westukraine) geboren wurde und in der Zeit der Zweiten Auswanderungswelle 1908 nach Palästina, das damals unter osmanischer Herrschaft stand, emigrierte. Agnon ist sein Künstlername und bedeutet »der Gebundene«.
Die hebräische Sprache ist daher nicht nur Ausdruck des Heiligen, sondern auch der Literatur und der Alltagssprache. Der neue Name ist ein Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat, wobei das Dazwischen so etwas wie eine eigene Schwingung und Befindlichkeit erzeugt. Gerade in den Verwerfungen, Brüchen und Widersprüchen liegt die unendliche Bandbreite israelischer Lebensgeschichten, die das Potenzial vieler Gegenerzählungen bergen.
Überwindung des Homo clausus
Es ist nur schwer nachzuvollziehen, warum die postkoloniale Linke diese grundlegende Diversität kaum erkennt, während ihr Fokus nahezu ausschließlich auf antizionistischen Annahmen liegt. Diese sehr einseitige Wahrnehmung »woker« Denkmuster hat der Journalist Jens Balzer nach dem 7. Oktober in aller Schärfe rekonstruiert und ebenfalls sehr kritisch auf ihre Unveränderbarkeit hin befragt.
Selbstverständlich warnt Balzer ebenso vor einem Umschlag ins rechte Lager, der reflexhaft – aber unreflektiert – gegen alles abzielt, was »woke« sein könnte. Um sich also weder in den Strickmustern des Postkolonialismus noch in jenen eines autokratischen Trumpismus zu verheddern, gilt es, die linke wie rechte Dummheit des Homo clausus zu überwinden. Oder etwas pragmatischer formuliert: Das würde auch die Überwindung jenes Homo clausus mitbedeuten, der sich in den Ideologien einer einseitigen Solidarität verstrickt hat.
Die ethische Lösung: Zulassen des Anderen
Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet der jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas (1906–1995). Er gilt als Denker des Anderen, indem er die Bedeutung der Antlitzhaftigkeit des Menschen als Zeichen der Transzendenz erklärte. Der ethische Sinn steht und fällt mit dem Hören des Anderen. Insofern steht sein Ansatz dem Homo clausus diametral gegenüber und eröffnet einen Raum moralischer Wachheit, der im Sinne Balzers als »postwoke« gelten könnte. 1974 verfasste Levinas den Aufsatz »Vom Bewusstsein zur Wachheit«. In Auseinandersetzung mit Edmund Husserl – dem Begründer der Phänomenologie, dessen Schüler er war – bricht er das intentionale Bewusstsein auf.
Die Beziehung zum Anderen ist in Wahrheit also keine Frage der Intentionalität, denn sie geht vom Anderen aus. Die ethische Wende lässt sich in diesem Entwirrungsversuch abschließend erhellend zuspitzen, wenn folgende hebräische Wortverbindung beachtet wird: So steht das Wort אור (Or; Licht) im Zusammenhang mit עור (Ur; aufwachen, wachrütteln).
Obwohl sich die hebräischen Wortwurzeln im Anfangsbuchstaben unterscheiden, ergibt sich eine phonetische Nähe, welche die Bedeutung eines Zustands des Hellwachen beleuchtet. In dieser »Wokeness« liegt der universelle Anspruch: gegenüber Pluralität und Differenz generell wachsam und offen zu sein, um die Fallstricke zu entwirren.
Der Autor ist Gymnasiallehrer, promovierte am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung in Luzern und wurde an der Luzerner Universität habilitiert.