Redezeit

»Polyamore Beziehungen sind schwierig«

Let’s talk about sex: Ayo Oppenheimer Foto: Ingo Way

Frau Oppenheimer, Sie haben im Oktober die Website Jewrotica.org gegründet. Das Motto ist »Get Jewish, get sexy«. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich bin in einer sehr orthodoxen Familie in New Jersey aufgewachsen. Anders als viele andere habe ich aber nie gegen die Orthodoxie rebelliert. Ich hatte eine wundervolle Kindheit und eine liebevolle Familie. Bis heute halte ich sehr viel von diesem Lebensstil. Was mich aber irgendwann gestört hat, war, dass überhaupt keine Sexualerziehung stattfand. In der sechsten Klasse hatten wir ein kurzes Gespräch über Pubertät, und in der zwölften war taharat hamischpacha (Reinheit des Familienlebens) Unterrichtsstoff. Es gab einen Klassenausflug zu einer Mikwe, aber noch nicht einmal daran habe ich teilgenommen, weil ich am selben Tag bei einem Debattierwettbewerb dabei war. Das war alles. Danach habe ich ein Jahr lang in einem religiösen Seminar in Jerusalem gelernt, und als ich in die USA zurückkam, war ich sehr religiös, habe mehrmals am Tag gebetet, den Schabbat eingehalten und hatte niemals Dates.

Wann hat sich Ihre Einstellung geändert?
Im Erstsemesterkurs an der Uni haben wir Kondom-Bingo gespielt, ein Spiel, bei dem wir den Umgang mit Safer Sex lernen sollten. Ich war schockiert, das war anders als alles, womit ich aufgewachsen war. Nach dem Studium lebte ich weiterhin in meiner orthodoxen Gemeinde. Aber irgendwann wollte ich die Welt sehen. Also habe ich mir ein gebrauchtes Wohnmobil gekauft und bin zwei Jahre lang durch ganz Nordamerika gefahren. Da habe ich zum ersten Mal im Leben eine liberale Sexualkultur kennengelernt: das Burning-Man-Festival in Nevada, Hippie-Kommunen mit freier Liebe, polyamore Gemeinschaften, die BDSM-Szene, Lesbengruppen usw. Aber ich habe auch ganz normale heterosexuelle, monogame Vanilla-Leute kennengelernt, die dennoch nicht diese sexuellen Tabus kannten, mit denen ich aufgewachsen war.

Was hat Sie daran so beeindruckt?
Die Regel war: Alles, was alle Beteiligten freiwillig tun, ist etwas Gutes und Schönes. Diese Einstellung wollte ich in die jüdische Gemeinschaft hineintragen. Nicht um den Leuten vorzuschreiben, dass sie jetzt genauso leben sollen, sondern um erst einmal darüber zu reden.

Wann wurde die Idee für die Website spruchreif?
Irgendwann wollte ich einfach nur zum Spaß und für mich selbst ein solches Projekt starten. Im Juni dieses Jahres habe ich auf der ROI-Konferenz in Jerusalem meine Idee vorgestellt. Vor zwei Monaten sind wir online gegangen. Heute haben wir zwischen 2000 und 12.000 Zugriffe pro Tag.

Warum ist das Reden über Sexualität ein solches Tabu in der jüdischen Gemeinschaft? Man sollte doch meinen, das Judentum sei nicht so sexualfeindlich wie das Christentum.
Erstens hat das etwas mit kollektiver jüdischer Identität in der Diaspora zu tun. Wenn man so lange in einer sexualfeindlichen christlichen Umgebung lebt, die das Konzept der Erbsünde kennt, färbt das irgendwann ab. Zweitens gibt es, besonders in orthodoxen Gemeinden, eine Gegenreaktion gegen die immer liberalere und permissivere Sexualkultur der Mehrheitsgesellschaft, die bewirkt, dass man sich mehr auf sich selbst zurückzieht. Drittens gibt es im Judentum den Begriff tzniut (Sittsamkeit), also die Regeln des Umgangs zwischen den Geschlechtern und Bekleidungsvorschriften vor allem für Frauen. Das wird oft so weit getrieben, dass es gar kein Gespräch über Sexualität gibt.

Wie wollen Sie das ändern?
Jewrotica möchte mit erotischen Geschichten, Gedichten, Essays und Bekenntnissen auch solchen Leuten etwas an die Hand geben, die normale Erotikseiten niemals besuchen würden. Der Umstand, dass es eine jüdische Seite ist, senkt hoffentlich die Hemmschwelle.

Wie viele Autoren gibt es derzeit?
Die Kernredaktion besteht aus acht Leuten. Bisher haben etwa 40 bis 50 Autoren für uns geschrieben.

Was sind die Kriterien für die eingesandten Texte?
Es gibt zwei Hauptkriterien. Erstens: Sie müssen einen irgendwie jüdischen Bezug haben – egal, ob es um Religion, Tradition, Kultur, Israel oder säkulares Judentum geht. Zweitens – darauf lege ich großen Wert –: Laschon hara (Klatsch und üble Nachrede) ist zu vermeiden. Das heißt, wenn man über reale Personen schreibt, dürfen keine Klarnamen verwendet werden. Wir bekamen einen Beitrag von einer Autorin aus Kalifornien, die schrieb, wie sie Sex mit ihrem Rabbi hatte. Da habe ich die Stadt geändert, in der die Geschichte spielte. Einmal habe ich einen Beitrag abgelehnt, der mir fast antisemitisch schien, und ich gebrauche das Wort nicht leichtfertig. Es ging um eine Frau, die es als erniedrigend empfand, mit einem jüdischen Mann zu schlafen. Wäre er wenigstens gut geschrieben gewesen, hätte ich ihn vielleicht veröffentlicht, aber er war noch nicht einmal das.

Was sind Ihre weiteren Pläne für Jewrotica.org?
Phase eins ist der Aufbau einer Online-Community. Phase zwei sind Workshops und Vorträge. Und Phase drei ist eine Anthologie mit Texten von unserer Website. Wir haben ein Angebot von einem Verleger in Jerusalem bekommen, der ein Buch mit uns herausgeben will. Ich hoffe, das ist ein Anreiz für unsere Leser, eigene Geschichten einzusenden.

Welche Workshops wollen Sie anbieten?
Ich habe gerade eine Einladung der Yale-Universität zur »Sex week at Yale« bekommen. Dort werde ich einen Kreativworkshop anbieten: »How to write erotica«. Ein weiterer Workshop dreht sich um Liebe und Sexualität in der Bibel. Dann gibt es einen Abend, an dem Studenten selbst geschriebene Geschichten vorlesen können. Das Publikum kann anschließend anonyme erotische Bekenntnisse auf Karten schreiben, die dann verlesen werden.

Wie funktioniert die Online-Community? Gibt es ein Diskussionsforum auf der Seite?
Es gibt kein eigenes Forum, aber man kann die einzelnen Beiträge kommentieren. Die meisten Diskussionen finden aber auf unserer Facebook-Seite statt. Manche möchten nur anonym kommentieren, das können sie auf unserer Website tun.

Über welche Themen wird am meisten diskutiert?
Wir haben einige kontroverse Beiträge veröffentlicht, die heiß diskutiert werden. Orthodoxe Leser debattieren vor allem über vorehelichen Sex oder die Regeln der negiah, der Annäherung. Es gab auch eine Debatte über Pornografie. Dann gab es ein Stück mit dem Titel »Jewish girl seeks goy!«, das sehr stark diskutiert wurde.

Es geht also meistens um heterosexuelle Beziehungen – oder gibt es auch Diskussionen über Polyamorie, BDSM, Schwule und Lesben?
All diese Gruppen sind auf der Seite repräsentiert, es gibt auch Beiträge über Bisexualität, interreligiöse Beziehungen und die Fetish-Community. Diese Themen stehen nicht im Mittelpunkt von Jewrotica, aber sie sind präsent. Ich würde mich freuen, wenn Menschen aus diesen Szenen mehr für uns schreiben würden. Der Inhalt wird schließlich von den Nutzern bestimmt. Jeder kann Geschichten und Beiträge einsenden. Und zwar von überall auf der Welt.

Ist es schwierig, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft sein Coming-out zu haben?
Liberale und konservative Gemeinden sind grundsätzlich sehr offen gegenüber Schwulen und Lesben. Das sieht bei Orthodoxen natürlich anders aus. Ein schwierigeres Thema sind polyamore Beziehungen. Da muss man schon eine sehr, sehr progressive Gemeinde finden. Im jüdischen Mainstream wissen die wenigsten, was das ist. Und bei den Themen Fetish und BDSM herrscht selbst in den liberalsten Gemeinden das Denken vor: Tu im Privaten, was du willst, aber rede nicht öffentlich darüber.

Sind jüdische Gemeinden konservativer als die amerikanische Mehrheitsgesellschaft?
Das kommt darauf an. Im Vergleich mit evangelikalen Christen sind jüdische Gemeinden geradezu irrsinnig liberal. Aber im Vergleich zur San Francisco Bay Area sind sie natürlich sehr konservativ.

Und wie sieht es in Israel aus?
Wir haben mehrere Mitarbeiter in Israel, wollen vielleicht demnächst auch Beiträge auf Hebräisch bringen. Unsere israelischen Autoren wollen aber meist anonym bleiben. Wir haben mehrere orthodoxe Autorinnen, die ihr Haar bedecken und fünf Kinder haben, aber sehr heiße erotische Geschichten für uns schreiben.

Mit der Website-Betreiberin sprach Ingo Way.

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