Raul Hilberg

Pionier der Holocaust-Forschung

Raul Hilberg 1998 Foto: dpa

Raul Hilberg

Pionier der Holocaust-Forschung

Eine Tagung beschäftigte sich mit Leben und Werk des Historikers und Politologen

von Jérôme Lombard  30.10.2017 14:22 Uhr

Die Schoa und damit das abgründigste aller Menschheitsverbrechen zu untersuchen, war die Lebensaufgabe Raul Hilbergs. Der am 2. Juni 1926 in Wien geborene jüdische Politologe und Publizist war einer der ersten Wissenschaftler weltweit, die sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Genozid an den Juden Europas beschäftigten.

Der langjährige Professor an der Universität von Vermont in Burlington gilt als der Pionier der historischen Holocaust-Forschung. Sein 1961 in den USA herausgegebenes dreibändiges Werk The Destruction of the European Jews (Die Vernichtung der europäischen Juden) ist als detaillierte Gesamtdarstellung des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordprozesses bis heute ein Meilenstein der Holocaust-Forschung.

Aus Anlass von Hilbergs zehntem Todestag in diesem Jahr hatte das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) in der vergangenen Woche Historiker und Interessierte in die Räume der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) nach Berlin-Mitte geladen. Ziel der dreitägigen Tagung war es, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Person Hilbergs und seinen geschichtswissenschaftlichen Thesen zu vertiefen und nach den Impulsen zu fragen, die sein Werk für die Holocaust-Forschung nach wie vor geben kann.

Vorreiter »Hilberg ist der große Vorreiter der Forschung über den Holocaust. Als Erster hat er den Massenmord an den europäischen Juden nicht als das Resultat eines Befehls von Hitler, sondern als einen radikalen Prozess des organisierten Chaos im NS-Staat beschrieben«, sagte FES-Geschäftsführer Roland Schmidt. Wer sich heute mit den Ursachen der Schoa beschäftige, leiste nicht nur historisch wichtige Arbeit, sondern zeige gleichzeitig auch aktives Engagement gegen aktuelle Erscheinungsformen von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, sagte Schmidt.

Die inhaltlichen Panels der Tagung waren personell hochkarätig besetzt. Mit Historikern wie Christopher Browning, Götz Aly und Saul Friedländer waren die Granden der Holocaust-Forschung nach Berlin gekommen. Entsprechend groß war das öffentliche Interesse. Der Veranstaltungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Der Historiker René Schlott vom ZZF wies in seiner Begrüßungsrede darauf hin, dass Hilbergs Leben und Werk trotz seiner herausragenden Bedeutung für die NS-Historiografie bislang nur äußerst sporadisch von der Forschung behandelt wurde. »Wir verdanken es Hilberg, dass die Holocaust-Forschung von einem Randthema zum Schwerpunkt der historischen NS-Forschung geworden ist«, sagte Schlott. Tagungen wie diese sollten dazu beitragen, sich eingehender mit diesem außergewöhnlichen Wissenschaftler und seiner Arbeit zu beschäftigen.

Bürokratie Als 13-Jähriger emigrierte Hilberg nach der Annexion Österreichs 1939 zusammen mit seiner Familie in die USA. Nach dem Studium der Politologie gehörte er zu den ersten Wissenschaftlern überhaupt, die mit den nach Amerika überführten deutschen Akten aus der NS-Zeit arbeiten konnten. Hilberg verwies in seinen Schriften darauf, dass die Schoa nicht das düstere Machwerk einer kleinen verschworenen Verbrecherclique gewesen war, sondern als prozessuales Ereignis durch breite Teile der akademisch gebildeten deutschen Elite getragen wurde. In diesem Sinne war die Schoa für Hilberg auch eine Art Negativbeispiel dafür, was der moderne technokratische Staat mit seiner präzisen Bürokratie in letzter abscheulicher Konsequenz zu vollbringen fähig ist.

»Hilbergs Konzeptualisierung des NS-Regimes mit ihrer sozialwissenschaftlichen Distanz wird auch in Zukunft wegweisend für die Holocaust-Forschung sein«, urteilte der israelische Historiker Dan Michmann in seinem Vortrag. Umso erstaunlicher ist es, dass Hilbergs Opus magnum Die Vernichtung der europäischen Juden erst 1982 und damit rund 20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in den USA in einer vollständigen deutschen Übersetzung in dem kleinen Verlag Olle und Wolter erschienen ist. Und das, obwohl der Verlag Droemer Knaur bereits 1963 die Rechte an dem Buch erworben hatte.

Angst Der fragwürdigen Publikationsgeschichte von Hilbergs Werk widmete sich der Berliner Historiker Götz Aly in seinem Beitrag. Er hat sich zeitgenössische Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) angesehen, die Hilbergs Buch negativ bewerteten und von einer Veröffentlichung unter anderem mit dem Argument abrieten, dass der Autor »die Frage, wie sich das Programm zur Endlösung durchsetzte, nur am Rande« behandeln würde.

Aly resümierte: »Die Angst vor den bei Hilberg geschilderten Details über den Holocaust war bei den zeitgenössischen Verlegern einfach zu groß.«

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Für den frischgebackenen Leiter des ARD-Studios Nairobi ist die »Jüdische Allgemeine« ein Propaganda-Sprachrohr der israelischen Regierung. Eine Entgegnung

von Michael Thaidigsmann  29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026

Sachbuch

Altern als Bühne

Der Schweizer Autor Roger Schawinski hält Boomern den Spiegel vor und plädiert für Genuss und Lebensfreude bis zum Schluss

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026