Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Scheut auch die Kontroverse nicht: Noga Erez (hier im Juli beim Lollapalooza Festival in Berlin) Foto: picture alliance / Daniel Lakomski

Weltweit ist es für Künstlerinnen und Künstler eng geworden. Zumindest was die Positionierung im Israel-Palästina-Konflikt angeht. Jede Äußerung, aber auch jede Nichtäußerung kann zum medialen »Shitstorm« führen oder gleich zum Untergang unter dem Banner der Cancel-Culture. Das trifft umso mehr zu, wenn die Kunstschaffenden aus Israel und dabei oft aus einem liberalen, politisch engagierten Milieu stammen - einer Szene, die sich eigentlich gegen den Demokratieabbau unter Netanjahu und für die Rechte der Palästinenser in einer friedlichen Zwei-Staaten-Lösung einsetzte.

Das alles trifft auf Noga Erez, Jahrgang 1989, zu, eine der weltweit erfolgreichsten Sängerinnen aus Israel. Mit ihrem Partner Ori Rousso kreierte sie in den letzten Jahren eine ganz eigene Mischung aus treibenden Elektro-Rhythmen, Rap und Pop. Billie Eilish, Robbie Williams, Missy Elliott sind Fans - die Konzerthallen sind ausverkauft, die Charts gestürmt.

Noga Erez ist Star, Headliner, Trendsetter, Vorbild und eben auch Projektionsfläche dafür, in welch komplizierte Lage der Terror-Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 mitsamt seinen schlimmen Folgen im Gazastreifen nicht nur eine gesamte Region, sondern auch deren Künstlerinnen und Künstler brachte. Seitdem steht Noga nicht nur auf den größten Bühnen der Welt. Sie sitzt auch zwischen den Stühlen.

Die Spaltung ist allgegenwärtig

Die Spaltung ist auch in der Filmstruktur der Dokumentation »Noga« allgegenwärtig: In neun, nach Song-Titeln benannten Kapiteln wird das Musikerinnen-Dasein seit dem Jahr 2021 in ein »Davor« und »Danach« unterteilt. Wie auf einer Schallplatte sind die unaufhaltsam auf den 7. Oktober 2023 zusteuernden Karriere-Etappen der Musikerin mit »A« unterteilt. Die Stationen nach dem Terroranschlag werden mit »B« gekennzeichnet. Dazwischen zeichnen die Filmemacher Jono und Benji Bergmann allerdings mitnichten sklavisch die Stationen einer unnachahmlichen Karriere nach.

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»Noga« ist keine klassische Musikdoku, in der Bandkollegen oder Familie vor die Kamera geholt werden, versetzt mit den größten Konzert- und TV-Show-Auftritten. Vielmehr entfaltet sich aus der sehr persönlichen Begleitung des Filmemacher-Teams ein Porträt der Unsicherheit, wenn Noga anfangs bei den Vorbereitungen eines Konzerts gesteht, sich »komisch, wie bei einem Meltdown« zu fühlen. Die folgenden Konzertausschnitte selbst sind denn auch stumm. Der verzweifelte Schrei, den Noga kurz darauf in die nächtliche Skyline von Tel Aviv schickt, ist dafür umso lauter.

Persönlich und tendenziös zugleich

Hier, das wird gleich zu Beginn klar, geht es nicht um eine steil nach oben gerichtete Karriere. Hier geht es um waagerecht ausbremsende Momente der Verunsicherung. Gleichzeitig kann ein derart angelegtes Porträt immer nur das zeigen, was Noga Erez von sich, vor allem auch als öffentliche Person, zu zeigen bereit ist.

Das Resultat ist persönlich und tendenziös zugleich, was die Eigeninszenierung der schillernden Popfigur Erez angeht, die sich der haargenauen Beobachtung durch die Öffentlichkeit durchaus bewusst ist. Zu schmerzhaft wird der Shitstorm gewesen sein, als sich Erez vor vielen Jahren einmal missverständlich über die zum Israel-Boykott aufhetzende BDS-Bewegung geäußert hatte.

Auf den internationalen Bühnen und in Interviews wirbt sie in austarierten kleinen Ansprachen um Verständigung und Frieden - und wird dann doch von zahlreichen Festivals gecancelt.

Der Film zeigt Noga im ständigen Ringen: Um ihre Beziehung zu Ori, um die Frage, ob sie jetzt ein Kind bekommen sollte, und letztlich um die richtige politische Positionierung, um nirgendwo schädlich anzuecken, und um die Frage, was dieses »politisch« überhaupt bedeutet. In ihrer Heimat Israel trifft Noga Überlebende des Massakers und nimmt an Demonstrationen zur Geiselfreilassung mit einem Auftritt teil. Auf den internationalen Bühnen und in Interviews wirbt sie in austarierten kleinen Ansprachen um Verständigung und Frieden - und wird dann doch von zahlreichen Festivals gecancelt.

Ob deswegen, weil sie aus Israel stammt, wie sie selbst sagt, oder weil sie sich »nicht klar genug« von Israels Gaza-Politik distanziert, so ihre Kritiker, wird nicht ganz klar. Ein bisschen wirkt »Noga« an diesen Stellen wie der Versuch einer in Film gegossenen Apologetik - irgendwo zwischen Rechtfertigung und Rehabilitation.

Eine Ausnahmeerscheinung

Die nicht immer leichte Beziehungsebene mit Ori, eine Teilzeit-Trennung, der Druck des Alterns auf Karriereträume und Eizellen-Einfrieren - dass sich während der Dreharbeiten der Hamas-Überfall ereignete, ist ein Zufall, den der Film publikumswirksam als Zentrum seiner Geschichte nimmt, der aber fast ein wenig untergeht im Vergleich zu den persönlichen Etappen, mit denen sich Noga Erez als Frau von Anfang/Mitte 30 konfrontiert sieht.

Aber vielleicht ist das auch genau die richtige Spiegelung der gesellschaftlichen Reaktion auf dieses einschneidende Ereignis und seine ebenso schrecklichen Folgen, die im medialen Rauschen hinter den persönlichen Schicksalsentscheidungen immer in den Hintergrund treten werden. Noga Erez zumindest verweigert sich dem Abstempeln, dem »In-die-Schublade-Stecken«.

Und die Gefahr, gecancelt zu werden, ob wegen falscher Positionierung oder aus antisemitischen Ressentiments, scheint angesichts der Qualität von Erez‘ Musik und der Mitmenschlichkeit, die sie ins Zentrum ihrer Kunst stellt, ohnehin auf längere Sicht gebannt. Gerade hat Noga Erez das Coachella-Festival in Kalifornien gerockt - mit Kunstblut an der Nase, mit Mann und Kind an der Seite, in einem triumphalen Schlussakt auf der Bühne. Noga ist eine Ausnahmeerscheinung, auf Platte, live, in der Begegnung. Und allein das ist schon ein Grund, sich diesen Film anzusehen.

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