Klassik

Neun CDs für Beethoven

Der Pianist Igor Levit 2019 in Köln Foto: imago images / Future Image

Ein ganzes Leben reiche nicht aus, um nur eine Klaviersonate von Ludwig van Beethoven (1770-1827) zu erfassen, soll der Komponist Ferruccio Busoni gesagt haben.

Das mag übertrieben klingen. Für Igor Levit ist es jedenfalls so weit: Mit 32 Jahren legt der Pianist, der zu den Jungen unter den internationalen Klavierstars gehört, gleich Beethovens 32 Sonaten für Klavier als Gesamteinspielung vor. Pünktlich zum 250. Geburtstag des Komponisten im kommenden Jahr erscheint nun aus seinen Händen ein Schlüsselwerk der klassischen Musik – Beethoven pur auf neun CDs.

Opus Dass er ein solches Opus bereits in jungen Jahren stemmt, ist für Levit unwesentlich. »Die Altersfrage ist nicht wichtig«, sagt er. Auf dem Cover blickt er im braunen Pulli in die Kamera, zum Interview erscheint er im T-Shirt. Levit, der etwa auf dem Europa-Parteitag der Grünen Beethovens »Ode an die Freude« auf dem Klavier aufführte, ist alles andere als ein entrückter Piano-Nerd. Die »New York Times« nannte ihn einen Musiker für »polarisierte Zeiten«.

Igor Levit hält sich mit seinen Ansichten zum Leben und der Politik nicht zurück.

»Die Gesamtaufnahme war im Grunde immer mein Wunsch. Das ist die Musik, bei der ich mich am besten verstanden fühle. Beethoven habe sich über die Konventionen seiner Zeit hinweggesetzt, sein Werk sei immer auch «Zukunftsmusik», sagt Levit im Booklet zu der CD-Box.

Puzzle Wie in einem Puzzle hat Levit die Aufnahmen der vergangenen Jahre im Historischen Reitstadel im oberpfälzischen Neumarkt, im Leibniz-Saal in Hannover und in der Berliner Siemens-Villa zusammengetragen.

Von Daniel Barenboim, Alfred Brendel oder Friedrich Gulda - an Zyklen der Beethoven-Sonaten fehlt es nicht. Ob romantisch gefärbt wie bei Barenboim, streng durchgezogen wie bei Brendel oder mit Guldas schwungvoller Lesart - das «Neue Testament» der Klaviermusik, wie es der Klaviervirtuose und Dirigent Hans von Bülow (1830-1894) nannte (das alte war für ihn Bachs «Wohltemperiertes Klavier»), fordert die Pianisten-Generationen immer wieder neu heraus.

Handschrift Levit verleiht dem Riesenwerk seine eigene Handschrift. Er blickt auf Beethoven wie auf einen Zeitgenossen. «Es sind alles sehr, sehr schwere Stücke, aber es ist meine Sicherheitszone, die Musik, von der ich mit verstanden und getragen fühle», sagt er. Beethoven habe einen Zyklus geschaffen, «der soviel über uns Menschen erzählt, wie kein anderer».

Levit tauchte als Jugendlicher in das Beethoven-Universum ein - mit dessen früher A-Dur-Sonate Opus 2/2. «Mein Lehrer Karl-Heinz Kämmerling hat mich - Gott sei Dank - damit nicht in Ruhe gelassen». Immer wieder habe er daran arbeiten müssen, in jeder Unterrichtsstunde. «Ich kenne keinen 13-Jährigen, der Lust hat, jahrelang ein und dieselbe Sonate zu spielen. Doch dann geht es immer tiefer, je älter du wirst.»

Nischni Nowgorod Der im russischen Nischni Nowgorod geborene Pianist zog als Achtjähriger wegen seines musikalischen Talents mit seiner Familie nach Hannover. Bald eilte ihm der Ruf des Wunderkinds voraus, erste Lehrerin war seine Mutter Jelena Levit, eine Opern-Korrepetitorin. Sein Studium an der Hochschule in Hannover schloss er mit der höchsten Punktzahl ab, die dort jemals erreicht wurde.

Levit tauchte als Jugendlicher in das Beethoven-Universum ein.

Durchbruch Ein Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» verhalf ihm 2010 zum Durchbruch. Dort stand, dass Levit nicht nur das Zeug habe «einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts zu werden» - er sei es bereits. Auch international blieb das Lob nicht aus. Levit verbinde in seinem Klavierspiel «klanglichen Charme, intellektuellen Antrieb und technische Brillanz», schrieb das US-Magazin «The New Yorker».

Große Musiker zeichne aus, «dass sie etwas vom Leben verstehen», stand auch in dem «FAZ»-Artikel. Levit jedenfalls hält sich mit seinen Ansichten zum Leben und der Politik nicht zurück.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Immer wieder bezieht er Stellung. «Bürger, Europäer, Pianist», steht auf seiner Webseite. Der Pianist gehörte zu den ersten, die nach dem Antisemitismusskandal beim Echo-Preis um die Rapper Kollegah und Farid Bang die Auszeichnung zurückgab.

Der «Opus» dürfe weder Rassisten noch Sexualstraftäter auszeichnen, sagt Levit.

Echo-Debakel Er sei nun froh, dass die Klassik-Branche mit dem Opus-Preis, der am 13. Oktober in Berlin zum zweiten Mal verliehen wurde, die Konsequenzen aus dem Echo-Debakel gezogen hatten. Unabhängig vom Bundesverband Musikindustrie haben Plattenfirmen, Verlage und Veranstalter eine eigene Auszeichnung ins Leben gerufen. Doch auch der Opus dürfe weder Rassisten noch Sexualstraftäter auszeichnen, sagt Levit. «Da gibt es absolute Ausschlusskriterien.»

Levit weiß allerdings auch, dass nicht nur Rapper daneben greifen können - auch Klassikkünstler. «Wir sind auch nur Menschen, wir sind aber nicht besser, weil wir Beethoven lieben und sollten uns auch nicht so aufführen.»

Zeitgeschichte

Entebbe und kein Ende

Der Historiker Jan Gerber zeigt in seinem neuen Buch, wie aus dem Antizionismus der 68er-Generation radikale antisemitische Praxis wurde

von Ralf Balke  01.07.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. Juli bis zum 9. Juli

 01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Fußball

Länderspiel verlegt: Irland verzichtet auf Israel-Boykott

Irlands Fußballverband FAI will das UEFA-Nations-League-Spiel gegen Israel nun in Serbien austragen - auch, um einen Abstieg zu vermeiden

 01.07.2026

Berlin

Jüdische Kunstschule und UdK wollen kooperieren

Auch die Universität der Künste war nach dem 7. Oktober 2023 mehrfach Schauplatz »propalästinensischer« Aktionen. Nun will sie jüdischen Künstlern einen geschützten Raum bieten

 01.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Burkhard C. Kosminski

»Ich würde das Stück gerne im Osten spielen«

Der Intendant am Schauspiel Stuttgart über »Die Ermittlung« von Peter Weiss, die Existenzberechtigung Israels in der Kunst und seine Auszeichnung mit der Otto-Hirsch-Medaille

von Nicole Golombek  30.06.2026

Interview

»Der Oscar öffnete mir neue Türen«

Daniel Roher über seinen ersten Spielfilm »The Piano Tuner« und den Dreh mit Dustin Hoffman und Lior Raz

von Patrick Heidmann  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026