»Tatort«

Mord am Jakobsplatz

Eine blutige Leiche liegt am Fuß einer Treppe. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches für die Münchener Kriminalkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachveitl). Nur, dass diese Treppe sich im Jüdischen Zentrum der bayerischen Hauptstadt am Jakobsplatz befindet und der Tote Jude ist, ebenso wie sämtliche Tatverdächtigen. Kein »ganz normaler Fall« also, wie der selbstironische Titel dieses Tatorts lautet, den das Erste am Sonntag, den 27. November, um 20.15 Uhr ausstrahlt. Nicht für die beiden Ermittler und nicht für die ARD.

Judenbild Denn mit Juden tut sich das deutsche Fernsehen traditionell schwer. Mit der rühmlichen Ausnahme von Dominik Grafs Krimiserie Im Angesicht des Verbrechens, in der jüdische Gangster und ein jüdischer Polizist auftraten, ohne dass darum viel Aufhebens gemacht wurde, fallen Juden in hiesigen TV-Produktionen meist unter die Kategorie Exotisches. Sie reden mit gutturalem Akzent, kleiden sich komisch und pflegen seltsame Rituale. Kurz gesagt: Sie sind fremdartig.

Von diesen gängigen Klischees, denen auch 2003 der Tatort Der Schächter mit Eva Matthes leider erlag, versucht diese Münchener Produktion sich abzusetzen. Drehbuch-Koautor Daniel Wolf, selbst Gemeindemitglied, schreibt im Presseheft: »Den meisten deutschen Nichtjuden scheint es immer noch schwerzufallen, uns wie normale Bürger zu behandeln. Wir wollen aber nicht wie rohe Eier behandelt werden.« So lässt er Batic und Leitmayr in der Gemeinde agieren wie bei jeder anderen Ermittlung: Zeugen werden befragt, Alibis überprüft, Tatverdächtige unter Druck gesetzt, gelegentlich auf ruppige Manier: Da fliegt bei einer gewaltsamen Festnahme am Schabbat auch schon mal eine Kippa vom Kopf.

motive Vor allem aber suchen die Kommissare nach möglichen Motiven. Der Tote, Rafael Berger (Oliver Nägele), war zahlendes, ansonsten wenig engagiertes Mitglied der Gemeinde. Mit dem Glauben hatte er es nicht so, lag in erbittertem Streit mit dem orthodoxen Gastrabbiner Grünberg (André Jung). Der hatte Bergers psychisch labile Tochter in seinen Kreis von Baalei Teschuwa – zum Glauben zurückfindenden Juden – aufgenommen. Kurze Zeit später brachte sich das Mädchen um. Die Obduktion ergab, dass sie im dritten Monat schwanger war. War der Rabbi der Vater? Und vielleicht auch der Mörder? Oder war es Jonathan Fränkel (Alexander Beyer), ein wegen Körperverletzung vorbestrafter Ex-Junkie, inzwischen clean und fromm, inklusive Bart und Pejes?

Der Plot ist spannend angelegt, man könnte ihn sich so auch in einer US-Serie wie Law and Order vorstellen. Bei der dramaturgischen Umsetzung jedoch hakt es. Denn der Film will sich offenbar nicht damit begnügen, »nur« ein Krimi zu sein, sondern hegt an etlichen Stellen volkspädagogische Ambitionen. Etwa wenn die Gemeindejustiziarin (Ulrike Knospe) den Kommissaren nicht nur erläutert, was es damit auf sich hat, dass neben der Leiche, mit dem Blut des Opfers, das Wort »Moser« geschrieben stand, sondern die Gelegenheit gleich nutzt zu einem langatmigen Kolleg über das Judentum in Theorie und Praxis, einschließlich Hintergründe des talmudischen Rechts. Da wird der Tatort zur Volkshochschule.

mängel Dabei kann der Film es besser. In seiner vielleicht gelungensten Szene entlarvt sich ein anfangs philosemitisch auftretender Staatsanwalt (»Bei unseren jüdischen Mitbürgern müssen wir besonderes Fingerspitzengefühl zeigen«) innerhalb weniger Sätze von selbst als banaler Antisemit (»Sie wissen doch, wie die sind«). Realitätsnah ist auch die Synagogenszene am Schabbat: Das Gotteshaus ist zu zwei Dritteln leer. Gepennt wurde dafür bei anderen Details, etwa der für einen Haredi etwas bunten Krawatte Jonathan Fränkels und seinem viel zu eleganten und zudem noch blauen Anzug. Ein paar talmudische Weisheiten weniger aus dem Mund des Rabbis hätten auch nicht ge-
schadet. Wo wir gerade am Mäkeln sind: Was soll der Gag, im Vorspann die Namen der Darsteller in pseudo-hebräische Lettern changieren zu lassen?

Trotzdem: Dieser Tatort ist zumindest der Versuch, beim Thema Juden weg von den üblichen Stereotypen zu kommen. Bis das wirklich gelingt, braucht es wahrscheinlich noch einige Übung. Das gilt in Deutschland nicht nur für Fernsehkrimis.

»Tatort: Ein ganz normaler Fall«. ARD, Sonntag, 27. November, 20.15 Uhr

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026

Bremen

Philosophin Lea Ypi erhält Hannah-Arendt-Preis 2026

Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi erhält den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken 2026. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Dezember im Bremer Rathaus verliehen

 26.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  26.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Nachruf

Wie Dolly Parton zur Ikone wurde

Die Country-Legende Dolly Parton ist tot. Dass sie zu einem weltweit verehrten Star wurde, lag auch an ihren jüdischen Freunden und Geschäftspartnern

von Sophie Albers Ben Chamo  26.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 26.08.2026 Aktualisiert

Kommentar

Unpolitisch war gestern

Der ESC unterliegt künftig neuen Regeln für Krisenstaaten, Israel kann nach wie vor am Wettbewerb teilnehmen. Noch ist das keine Lex Israel. Aber der Eindruck entsteht

von Nicole Dreyfus  26.08.2026