Ilse Aichinger

Misstraut euch!

Ilse Aichinger (1921–2016): Am 1. November wäre sie 100 Jahre alt geworden. Foto: picture-alliance / IMAGNO/Nachlass Otto Breicha

Ilse Aichinger

Misstraut euch!

Zum 100. Geburtstag: Die Schriftstellerin war eine der prägenden Figuren deutschsprachiger Nachkriegsliteratur

von Claudia Schülke  01.11.2021 10:46 Uhr

Es war das Trauma ihres Lebens: Ilse Aichinger (1921–2016) musste mit ansehen, wie die Nazis ihre geliebte Großmutter 1942 auf einem Lastwagen deportierten. Mit ihrem autobiografisch gefärbten Roman Die größere Hoffnung (1948) setzte die Wiener Schriftstellerin ihr ein Denkmal.

Ihre Mutter – eine jüdische Ärztin – konnte Aichinger retten, indem sie diese in einem Zimmer versteckte, das ihr selbst zugewiesen worden war. Mutter und Tochter überlebten, die Großmutter aber wurde von den Nazis ermordet.

roman Die größere Hoffnung war der einzige Roman Ilse Aichingers, die am 1. November 100 Jahre alt geworden wäre. In ihm hat sie sich die Qual von der Seele geschrieben, mit »halbjüdischer« Identität unter dem Naziregime zu leben. Sie stammt mütterlicherseits aus einer jüdischen Familie, war aber katholisch getauft.

Manche Rezensenten denunzierten das Werk als »Prosa für den Psychiater«. Es ist nicht leicht zugänglich. »Zu konsequent ist es gegen jede Form von Gefolgschaft und Einverständnis geschrieben. Zu unüberhörbar ist seine eigene Lautlosigkeit«, urteilt der Schweizer Philosoph und Literaturkritiker Samuel Moser in seinem Buch über »Leben und Werk« Aichingers.

Sie wollte die Stummheit des Sterbens, wie sie es im Wien der Nazis erlebt hatte, sprachlich präsent machen. »Die Stummheit immer wieder in das Schweigen zu übersetzen, das ist die Aufgabe des Schreibens«, sagte sie einmal. Solche Paradoxien sind typisch für Aichinger. Ihr Lebensmotto »Leben ist nicht nötig« machte sie immun gegen öffentliches »Geräusch«, wie sie formulierte.

gegenwart Das Werk der vielfach ausgezeichneten Autorin ist schmal, aber subtil, voller leiser, hermetischer Poesie. Nach Auskunft von Lektor Sascha Michel beim S. Fischer Verlag wird es immer noch an den Universitäten gelesen. Vor allem aber wird es rezipiert von nachgeborenen Autoren und Autorinnen wie Monika Rinck, Marion Poschmann und Ferdinand Schmalz. »Aichinger ist also sehr lebendig und wichtig für die Literatur der Gegenwart«, sagt Michel.

Als Tochter eines Lehrers und einer Ärztin am 1. November 1921 geboren, wuchs Ilse Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester Helga in Wien auf. Die Eltern ließen sich früh scheiden, Aichinger lebte danach vor allem bei ihrer jüdischen Großmutter. Nach dem nationalsozialistischen »Anschluss« Österreichs 1938 konnte Helga mit einem Kindertransport nach England entkommen. Ilse blieb in Wien, bewahrte so ihre Mutter als Erzieherin einer noch unmündigen »Halb-Arierin« vor der Deportation.

Nach dem Krieg studierte sie Medizin, brach das Studium aber nach fünf Semestern ab, um ihren Roman zu beenden. Verleger Gottfried Bermann Fischer wusste ihr Manuskript zu schätzen, behielt die Nachwuchsautorin als Lektorin im S. Fischer Verlag, wo der Germanist Richard Reichensperger 1991 ihre achtbändige Werk-Ausgabe herausgab.

gruppe 47 Eigentlich wollte Aichinger nach eigenem Bekunden immer »verschwinden« – wie die geliebte Großmutter. Aber sie blieb und schrieb. 1951 stieß sie zu den Schriftstellertreffen der legendären »Gruppe 47«. Dort lernte sie den Dichter Günter Eich kennen, den sie 1953 heiratete und mit dem sie die Kinder Clemens und Mirjam bekam.

1952 hatte Aichinger für ihre »Spiegelgeschichte« den Preis der »Gruppe 47« erhalten. Mit dieser Erzählung aus der rückblickenden Perspektive einer Sterbenden gelang ihr der Durchbruch auch bei den Lesern und Leserinnen. Die surrealen, gleichsam fließenden Übergänge kehren auch in ihrem Lyrikband Verschenkter Rat (1978) und in der späten Prosasammlung Kleist, Moos, Fasane (1987) wieder. Ihre Sprachkritik trieb sie unter dem Titel Schlechte Wörter (1976) auf die Spitze.

Ihr Mann starb 1972, ihre Mutter 1983. Im Jahr 1998 kam dann ihr Sohn Clemens bei einem Unfall ums Leben. Ilse Aichinger zog sich mehr und mehr zurück. Doch ihren Wiener Stammcafés, dem »Demel«, wo sie frühstückte, und dem »Imperial«, wo sie Zeitungen und Bierdeckel mit Notizen bekritzelte, blieb sie treu. Auch dem Kino: Noch im Alter besuchte sie manchmal täglich vier Vorstellungen. Ihre Kolumnen, die sie für die Wiener Tageszeitung »Der Standard« verfasste, erschienen 2011 unter dem Titel Film und Verhängnis – Blitzlichter auf ein Leben.

zeitungskolumnen Nun ist zu ihrem 100. Geburtstag der Band Aufruf zum Mißtrauen. Verstreute Publikationen 1946-2005 bei S. Fischer herausgekommen. Herausgeber Andreas Dittrich hatte 2015 das Ilse-Aichinger-Haus in Wien gegründet, eine Initiative, die in verschiedenen Projekten Aichingers Texte wiederaufleben lässt. »Im Rahmen der wöchentlichen Zeitungskolumnen scheint sie mir eine vom Misstrauen informierte Sprache gefunden zu haben, mit der sie den Unglaubwürdigkeiten der Geschichte nachzugehen versuchte«, urteilt der Literaturwissenschaftler.

»Aufruf zum Mißtrauen« ist auch der Titel eines Essays aus dem Jahr 1946, in dem Aichinger dazu aufruft, nicht zu verdrängen, sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. »Sich selbst müssen Sie mißtrauen! Ja? Haben Sie richtig verstanden? Uns selbst müssen wir mißtrauen. Der Klarheit unserer Absichten, der Tiefe unserer Gedanken, der Güte unserer Taten!« Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 in Wien, wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag.

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