Wolf Biermann

»Mir lebn ejbik!«

Wolf Biermann beim Komponieren in seinem Haus in Hamburg. Am 15. November feiert er Geburtstag. Foto: Marco Limberg

Nach dem Gesetz der Juden, der Halacha, bin ich überhaupt kein Jude. Und religiös bin ich schon gar nicht. Doch der lebendige Stoffwechsel mit all diesen Juden hat mich im allerbesten Sinne mehr und mehr ›verjudet‹. Mir war, als würden diese Menschen das nachliefern, was mir meine ermordete jüdische Familie in Hamburg nicht hatte liefern können – egal mit oder ohne Gott: die Kultur der Jüdischkajt.»

Wolf Biermann, geboren 1936 in Hamburg, wird am 15. November 80 Jahre alt. Nicht zu glauben! Aber plausibel angesichts der immensen Geschichtenfülle, die er in seiner soeben erschienenen Autobiografie Warte nicht auf bessre Zeiten! seinen Lesern enthüllt. Und gleichzeitig eine Überraschung: Steht er doch am Beginn des neunten Lebensjahrzehntes und ist gleichzeitig so jubeljung weltneugierig, poetisch rotzfrech, verletzbar und auftrumpfend mit einer individuellen Würde, die in keiner Zeile etwas Forciertes hat.

All jenen, denen die Biermannsche Kommunikationsfreude mitunter auf den Nerv gegangen sein könnte und die womöglich gar vermuteten, sein (häufig zur Gitarre intoniertes) Lebensmotto «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu» sei längst zur routinierten Altherren-Rabulistik herabgesunken, sei dieses Lebensbuch an Hirn und Herz gelegt: der alte, junge Wolf in einer Nussschale durch die Welt schaukelnd und dabei nicht selten Machtgefüge durcheinander rüttelnd.

ausbürgerung Das Auftrittsverbot, das der 1953 als überzeugter idealistischer Kommunist in die DDR übergesiedelte Dichtersänger im Jahr 1965 im SED-Staat erhielt, klärte die ethischen und literarischen Fronten nämlich bereits lange vor der Ausbürgerung 1976: Biermanns Lieder und Gedichte stimulierten (mehr oder minder offensichtlich) Kollegen wie Christa Wolf, Stefan Heym, Volker Braun, Sarah Kirsch, Heiner Müller und Günter Kunert.

Manche von ihnen blieben nach der Zäsur von ’76 in der DDR, rechtfertigten auf verquere Weise bis in die Gegenwart eine nebulöse «sozialistische Utopie», andere verließen das Land – doch keine und keiner von ihnen, denen Biermann gleichgültig geblieben wäre. Und wer damals weder in Ostberlin wohnte noch der Kulturelite angehörte, besorgte sich die verbotenen Biermann-Lieder eben auf hundertfach heimlich abgespielten Kassetten – und kam dafür fallweise ins Gefängnis.

Den Bekannten und den Unbekannten hat Wolf Biermann nun in seiner Lebensbilanz ebenso empathische wie subtile Porträts gewidmet, manche nur ein paar Zeilen lang und doch von wundersamer Prägnanz. Man liest, staunt – und fragt sich, wie übelwollende Rezensenten darauf verfallen konnten, dieses Freundes- und Jahrhundertbuch mit der dünnlippigen Formulierung abzuqualifizieren, es wäre wohl besser mit Ich, Ich, Ich, Ich betitelt worden.

Selbstbewusstsein Denn das wäre Unsinn. Denn wenn Biermann von sich spricht – und es gibt fürwahr eine Menge Gründe, weshalb er das tun kann und soll –, dann geht es letztlich immer um etwas Universelles: der ewige Kampf gegen Unrecht und Schweigen, gegen den Zynismus der Herrschenden und die Lebenslügen der Beherrschten (denen er freilich ebenfalls mehr als gerecht wird, die in diesem Buch keineswegs moralistisch abgekanzelt werden).

Und was das Selbstbewusstsein von Wolf Biermann betrifft, Erbe seiner Familie proletarischer Hamburger Herzens-Linker und seines 1943 in Auschwitz als Jude und Kommunist ermordeten Vaters: «Mein Vater», sagte er unlängst in einem Interview, «braucht keinen Stolperstein auf irgendeinem Bürgersteig in Hamburg, denn er genießt ein Privileg: Der Kommunist Dagobert ›Israel‹ Biermann hat einen Sohn, der Lieder und Gedichte geschrieben hat, die an ihn erinnern.»

Zeitlebens – neben den zahlreichen Geliebten und Ehefrauen, bis er 1983 seine große Lebensliebe Pamela fand – gehörten väterliche Freunde und selbstkritische Linke zu seinen Vertrauten. Denn so viel Biermann in der DDR auch dem mit Berufsverbot und Hausarrest abgestraften Philosophen Robert Havemann zu verdanken hatte (dessen Engagement in Yad Vashem mit dem Titel eines «Gerechten unter den Völkern» geehrt wurde) – die geistige Weiterentwicklung erfolgte im Westen.

Und sie ist nicht zuletzt antitotalitären jüdischen Intellektuellen zu verdanken, etwa dem österreichisch-französischen Schriftsteller Manès Sperber, der ihm Anfang der 80er-Jahre in Paris «wie ein guter Zahnarzt die große Zange ansetzte, um mir meinen schlimmsten politischen Zahn aus dem Kieferknochen zu reißen» – nämlich die fortgesetzten Illusionen über einen möglicherweise doch noch reformierbaren Kommunismus. Sperber aber sprach: «Bedenken Sie meinen Lebensweg vom Schtetl in die Utopie des Kommunismus und dann zum Bruch mit diesem Kinderglauben.»

Israel Nicht zu vergessen der Historiker und Schoa-Überlebende Arno Lustiger, der Wolf Biermann auf den Gedanken brachte, Jizchak Katzenelsons «Lied vunem oisgehargetn jidischn folk» ins Deutsche zu übertragen und zu vertonen. Die Passagen, in denen Biermann von seinen Besuchen und Konzert-Erfahrungen in Israel berichtet, der Heimat von Katzenelsons Nachfahren, gehört zu den eindrucksvollsten seines Lebensbuchs: «Mir lebn ejbik!»

Und zum Schluss muss es doch noch sein: Da ich gebeten wurde, diesen Text als klassisches Porträt beziehungsweise Rezension zu schreiben, dies nun erst am Ende, doch unverzichtbar für den Autor dieser Zeilen: Lieber alter-junger Wolf Biermann, poetischer Kraftkerl und feiner Erspürer des Wesentlichen – Happy Birthday, Mazal Tov, und wie verdammt gut, dass es Sie gibt!

Wolf Biermann: «Warte nicht auf bessre Zeiten! Die Autobiographie». Propyläen, Berlin 2016, 576 S., 28 €

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