Musik

Mendelssohns Seelenverwandter

Das Programm beginnt an diesem Abend in der ausgebuchten Mendelssohn-Remise ohne den Pianisten. Mit einem Kurzfilm wird das Publikum auf den Mann eingestimmt, der gleich die Bühne betreten wird: Saleem Ashkar, Israeli, Weltklasse-Pianist, geboren in Nazareth, ausgebildet in Europa und in Berlin lebend.

Entdeckt hat Ashkar Zubin Mehta. Der christlich-arabische Israeli war gerade einmal 17 Jahre alt, als er unter dessen Leitung das Israel Philharmonic Orchestra bei der Aufführung des 1. Klavierkonzerts von Tschaikowski als Solist unterstützte. In der Folge spielte er häufig mit den großen Orchestern Israels, darunter mit dem Israel Chamber Orchestra sowie dem Jerusalem Symphony Orchestra. Mit 22 Jahren gab er sein Debüt in der New Yorker Carnegie Hall unter Daniel Barenboim. Seitdem spielt der Pianist in den größten Konzerthäusern und tritt mit den renommiertesten Orchestern und Dirigenten der Welt auf, darunter den Wiener Philharmonikern und der Staatskapelle Berlin.

Dabei war der arabisch-christliche Israeli aus Nazareth seinerzeit das einzige Kind seiner Stadt, das ein klassisches Musikinstrument erlernte. In kurzen filmischen Einblendungen berichtet Saleem Ashkar von seiner Herkunft und seiner Liebe zu dem jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn. Vor allem dessen Haltung im Umgang mit seiner christlichen Umgebung fasziniert den 41-Jährigen. Auch er habe, wie sein jüdischer Seelenverwandter Mendelssohn, lange eine »Dissonanz zwischen seiner inneren Welt und der äußeren Umgebung seiner Kindheit« in Nazareth empfunden, erzählt er im Film.

leidenschaft In einer Umgebung geboren, in der klassische Musik kaum eine Rolle spielte, sei seine Leidenschaft für sie »eine Reise ins Unbekannte« gewesen, sowohl geistig als auch praktisch. »Ich hatte einfach keinen Weg, dem ich folgen konnte«, beschreibt Ashkar seine ersten musikalischen Schritte. Die Leidenschaft hat er immer noch. Sie macht seinen besonderen Stil aus. »Ein Konzert soll etwas bedeuten, es soll in Erinnerung bleiben, etwas Subjektives vermitteln. Es geht nicht nur um perfekt gespielte Musik«, sagt der Wahlberliner aus Nazareth.

Gekonnt inszeniert sich der Pianist, bevor er den Konzertraum überhaupt betreten hat – der spannende Rahmen einer vielseitigen Persönlichkeit ist gesteckt. Der Pianist gibt viel Persönliches von sich preis. Das verwandelt seine Auftritte in eine tiefe Begegnung. Gerne zitiert er Artur Rubinstein, auch er einer von Ashkars Seelenverwandten: »Es soll ein bisschen Blut auf der Tastatur geben.«

Ashkars Stil ist durch ein intensives, körperliches Verhältnis zu seinem Instrument geprägt. Er beugt sich so stark nach vorne, dass seine Stirn die Tastenklappe fast berührt. Öfters schwebt er mehr über seinem Hocker, als dass er auf ihm sitzt. Ist seine linke Hand gerade frei, dann fasst er das schwarze Holz damit fest an. Bald tropfen Schweißperlen auf die Tasten. Nach jedem Stück steht er auf, schaut mit sprühend-funkelnden Augen ins tobende Publikum und verschwindet für einen kurzen Augenblick ins Hinterzimmer.

akademie In der vergangenen Saison hat er viele Beethoven-Konzerte gegeben, im Konzerthaus Berlin, in der Mendelssohn-Remise, im kürzlich eröffneten Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie. Mit seinem Beethoven-Zyklus lädt er ein zu einer Entdeckungsreise durch Beethovens Klaviersonaten, die der schöpferischen Entwicklung des Komponisten folgt und einige seiner bedeutendsten Werke mit weniger bekannten kombiniert.

Die acht Abende seiner Beethoven-Reihe verlaufen nach immer demselben Muster: zuerst der – immer neu – zum jeweiligen Abendthema passende Kurzfilm, dann vier Sonaten. Zum Schluss gibt es einen kurzweiligen Austausch vor dem Publikum mit einem Gesprächspartner. Ashkar moderiert selbst und offenbart dabei ein weiteres Talent – seine erstaunliche Fähigkeit zum sofortigen Umschalten: Nur wenige Minuten nach der intensiven Hingabe am Klavier unterhält er sich gelassen mit seinem Gast. Sein Deutsch ist fließend, manchmal fehlt ihm ein Fachbegriff, er greift dann auf das Englische zurück. Oder das bezauberte Publikum flüstert ihm die Übersetzung zu.

In seinen Fragen stecken meistens auch Botschaften über ihn selbst. Es sei für ihn zum Beispiel schmerzhaft, wenn er erlebe, wie die Stadt, aus der er komme, mit seiner Musik wenig anfangen kann. Für ihn ist dieser Widerspruch zwischen Herkunft und eigenem Erfolg ein starker Ansporn zum Handeln. Deswegen engagiert sich der Musiker für Bildungsprojekte in Nazareth.

stiftungen Anfangs habe er seine Ursprungsfamilie mit der Musik »infiziert«, sagt Ashkar lächelnd. Doch mittlerweile gehe die Initiative von seinem Vater und seinem Bruder, einem Violinisten, aus. Beide engagieren sich in zwei Stiftungen, »Orpheus« und »Polyphony« – sie veranstalten klassische Konzerte und bieten Kindern Musikunterricht an, in einem »ganzheitlichen mehrstufigen Ansatz«. So werde die Musik zum »Medium, durch das arabische und jüdische Kinder in Israel zusammenkommen, um eine integrative Gemeinschaft zu errichten«, beschreibt Ashkar das Konzept.

Seit 2012 betreut »Polyphony« zudem das Galilee Chamber Orchestra, in dem Juden und Araber gemeinsam musizieren. »Es sind Hunderte, die bald in der professionellen Musikwelt Geige, Cello oder Oboe spielen werden«, freut sich Ashkar, der mindestens viermal im Jahr nach Israel reist und mit den Schülern übt.

Musikalische Bildung zu geben, ist ihm wichtig. Er will den Jungen und Mädchen einen musikalischen Weg bieten, dem sie – anders als er selbst in deren Alter – folgen können. »Meine Arbeit mit diesen jungen Musikern ist ungeheuer lohnend und sinnvoll für mich – mit ihnen zu spielen, sie zu lehren und ihnen Erfahrungen weiterzugeben.« Ein Umdenken beginne, so Ashkar, wenn die Menschen neue Erfahrungen machen, gemeinsam auf neue Weise zusammenarbeiten und so über die Gräben hinweggehen, die sie trennen.

eintrittskarte Privat wohnt Ashkar seit 15 Jahren in Berlin. Gerne empfängt er Freunde in seiner großzügigen Altbauwohnung, einen Katzensprung von der Synagoge in der Oranienburger Straße entfernt. Dort lebt er mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Vom bunt bepflanzten Balkon im dritten Stock aus schaut man auf einen kleinen Park mit Spielplatz. Vergebens sucht man nach Orientalischem. In einer Ecke hängt ein selbst gemaltes Kinderbild etwas schräg, auf der Fensterbank liegen gebastelte Figuren aus Ton. Ashkar serviert wahlweise Kaffee oder Wasser, das er aus einer Osmose-Filteranlage in einer Extrakammer holt.

Die Zeit mit seiner Familie sei ihm »heilig«, betont er. Aber ein gemütlicher Berliner werde er sicher nicht. Er kann sich nicht vorstellen, »nur noch in der Philharmonie zu spielen«. Das »Handeln in der Welt« sei wichtiger – ganz im protestantischen Sinne seiner Eltern. Musik solle ihren rebellischen Spirit nie verlieren, sonst seien es »nur Noten auf dem Papier«.

Trotz der vielen Erfolge hat Ashkar noch immer mitunter das Gefühl, dass er nach einer Eintrittskarte sucht, wenn er die Welt der Musik betritt. Das Gefühl, angekommen zu sein, wäre sowieso gefährlich, fügt er schnell hinzu.

ethik Manchmal fühlt er sich wie damals, wie der kleine Junge aus Nazareth, der die heimliche Welt der Musik erahnte und zögerte, ob er es hineinschaffen würde. Bei bestimmten Stücken oder Sätzen hat er den Eindruck, sie niemals ganz entschlüsseln zu können. »Die Musik ist immer größer. Sie ist mein mystischer Anteil – als Kontrapunkt zu meinem ethischen Verantwortungsgefühl«, sagt er.

Alle Religionen könnten sich friedlich begegnen, findet er, wenn sie sich nur auf ihren ethischen Kern konzentrierten und die »theologisch-technische Ebene« beiseiteließen. Müßig findet er es außerdem zu überlegen, welche Kulturen wie und wann zu den verschiedenen Bausteinen seiner Identität beigetragen haben. »Palästinenser, Israeli, Israeli-Palästinenser, Palästinenser-Israeli, israelischer Christ, arabischer Christ« wurde er schon genannt. Alles richtig, kommentiert er diplomatisch.

Am liebsten bezeichnet er sich als »palästinensisch-israelischen« Pianisten. Auf seinen dritten, arabischen Namen Abboud verzichtet er seit fünf Jahren. »Das Leben ist schwer genug. Ich will es den Menschen einfacher machen«, sagt er. Einen klaren Einfluss Deutschlands auf seine orientalische Prägung sieht Ashkar immerhin ein: Er sei viel pünktlicher geworden.

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