Theodor W. Adorno

Medienstar der Intellektuellen

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen«: Theodor W. Adorno (1903–1969) Foto: dpa

Theodor W. Adorno

Medienstar der Intellektuellen

Vor 50 Jahren starb der legendäre Frankfurter Philosoph, Soziologe und Kunsttheoretiker

von Sandra Trauner  05.08.2019 12:01 Uhr

Auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität steht ein Schreibtisch in einem Glaskasten. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Lampe, ein Metronom, ein Buch – das Denkmal erinnert an den Philosophen Theodor W. Adorno, der am 6. August vor 50 Jahren starb.

Auch wenn es nicht der historische Schreibtisch ist, hält das Kunstwerk doch die Erinnerung wach: an einen Denker, der im Nachkriegsdeutschland überragende Bedeutung hatte und in manchem bis heute aktuell ist, wie Adorno-Biograf Stefan Müller-Doohm sagt.

Mitte Juli publizierte der Suhrkamp-Verlag einen unveröffentlichten Vortrag Adornos über »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«. Der emeritierte Oldenburger Soziologie-Professor hält die Analyse aus dem Jahr 1967 für »durchaus übertragbar auf den Rechtspopulismus unserer Tage«. Auch um den Erfolg Donald Trumps zu verstehen, wurde Adorno postum schon herangezogen.

Der hochbegabte Junge übersprang zwei Klassen und machte als Jahrgangsbester Abitur.

familie Geboren wurde Adorno 1903 als Theodor Ludwig Wiesengrund in Frankfurt. Sein jüdischer Vater hatte einen Weingroßhandel, die Mutter war Sängerin, Adorno ihr Mädchenname. In der behüteten Kindheit spielte Musik eine große Rolle. Der hochbegabte Junge übersprang zwei Klassen und machte als Jahrgangsbester Abitur.

Er freundete sich mit dem viel älteren Gelehrten Siegfried Kracauer an und arbeitete mit ihm die Werke Immanuel Kants durch. Ab 1921 studierte er in seiner Heimatstadt Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie und schrieb nebenbei Musikkritiken. Auch das Studium zog er in Rekordzeit durch, schon mit 21 hatte er mit einer Dissertation über den Philosophen Edmund Husserl den Doktor-Titel.

Nach dem Studium zog er nach Wien, wo er bei Alban Berg Komposition studierte und flammende Plädoyers für Zwölftonmusik schrieb. Zurück in Frankfurt arbeitete er an seiner Habilitationsschrift über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard und komponierte. Im bis heute existierenden Café Laumer traf er sich mit Max Horkheimer und anderen linken Intellektuellen.

antrittsvorlesung 1931 hielt er seine Antrittsvorlesung als Privatdozent für Philosophie, aber schon 1933 entzogen ihm die Nazis wegen seines jüdischen Vaters die Lehrbefugnis. Nicht sein zum Protestantismus konvertierter Vater, erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, sagte Adorno später.

1931 hielt er seine Antrittsvorlesung als Privatdozent für Philosophie, aber schon 1933 entzogen ihm die Nazis die Lehrbefugnis.

Nach einigen Jahren im britischen Oxford emigrierte er mit seiner Frau Gretel in die USA. Hier entstanden seine Hauptwerke Dialektik der Aufklärung und Minima Moralia mit seinem wohl berühmtesten Satz: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«

1953 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde Professor für Philosophie und Soziologie am Institut für Sozialforschung, der Geburtsstätte der Frankfurter Schule. Sein Einfluss auf die aufbegehrenden Studenten der 68er-Generation war enorm. Trotz konservativer Erscheinung sei er »ein Rebell« gewesen, erinnert sich der Frankfurter Philosophie-Professor Matthias Lutz-Bachmann.

argument Auf manche habe er sogar »wie ein Prophet« gewirkt. »Drei Jahrzehnte lang war Adorno kanonisch: Wer in meiner Generation sagen konnte: ›Bei Adorno steht ...‹, hatte immer das bessere Argument.«

Sein Verhältnis zur Studentenbewegung war problematisch. Die einen beriefen sich auf ihn, während andere ihn als reaktionär und als Repräsentanten des Staates beschimpften. Adorno gab den Protagonisten der Studentenbewegung in vielem recht, hatte aber kein Verständnis für plakative Aktionen oder gar Gewalt. Legendär wurde eine Vorlesung im Jahr 1969, in der Aktivistinnen ihm ihre nackten Brüste vors Gesicht hielten. Als Studenten das Institut besetzen, rief der Direktor – ein Gegner staatlicher Gewalt – die Polizei.

Adornos Tod war ein nationales Ereignis. Fast wöchentlich war er im Radio zu hören gewesen.

Kurz nach dem Eklat starb er im Urlaub in der Schweiz. Sein Tod war ein nationales Ereignis. Fast wöchentlich war er im Radio zu hören gewesen. Seine schriftlichen Werke galten und gelten wegen ihres Stils selbst Kollegen als schwer verständlich, in Vorlesungen, Artikeln und Reden aber konnte er Zuhörer packen. Er sei »der Medienstar unter den Intellektuellen des westlichen Nachkriegsdeutschland« gewesen, schrieb Emil Walter-Busch in seiner Geschichte der Frankfurter Schule.

erbe Heute würden seine Gesellschaftstheorie wie auch seine Philosophie »kritisch gelesen«, sagt Lutz-Bachmann. Ein Kongress in den 80er-Jahren über Adornos Erbe sei einer »Abrechnung« gleichgekommen. »Eine Art Restautorität« bleibe ihm allein auf dem Gebiet der Kunsttheorie. Dennoch sei er zu Recht nicht vergessen: Für die »Erziehung nach Auschwitz« habe er Großes geleistet.

Müller-Doohm findet Adornos Denken »nicht verstaubt«. Vor allem aber habe er es riskiert, »den Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft zu verlassen, um die tabuisierten Themen im Land der Täter aufzugreifen«. Lebenslang habe er versucht, sich »allen Übeln der Welt mit den Mitteln kritischer Reflexion zu stellen«. Seine Analysen tragen bis heute dazu bei, »uns für das Unwahre zu sensibilisieren«, ist der Adorno-Biograf überzeugt.

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