Kulturkolumne

Make Judaism cool again!

Foto: Screenshot

Während Israels Regierung den PR-Krieg gegen die Terrororganisation Hamas und deren vielfältige Anhänger verloren hat und das quasireligiöse Gebaren recht­s­­extremer Knessetmitglieder das halbe Land und die Diaspora in Dauerkrisen stürzt, sorgt der Blick nach Tel Aviv, oder wenn man gerade nicht hin kann, ins Netz, für kühlenden Eskapismus, wenn nicht sogar dafür, wieder Zukunft zu wagen.

Dort ist es derzeit die Mode, die em­powert. Natürlich auf und rund um die Shenkin Street finden sich Shops, die eine neue Coolness zelebrieren, die mal wieder an die 80er-Jahre erinnert, aber das eben mit hyperaktuellem Twist, sei es Künstliche Intelligenz, die K-Pop-Affinität der Gen Z oder – das kommt unerwartet – eine kräftige Portion zivile Religion. Authentisch und kompromisslos.

Weniger fromm, aber dafür Aufsehen erregend

»Toda« ist eine kleine Marke, die weniger fromm, aber dafür Aufsehen erregend zwischen Goth und Jogginghosen oszillierend eine neue Sprache gefunden hat. Mein Favorit war eine kleine schwarze Lederjacke im Bikerstil, auf der das hebräische Wort »Toda« Vampirzahn-artig in weißer Farbe die Vorderseite herunterfließt. Danke! Von Ariks Laden »The Kippots« wiederum war ich so begeistert, dass ich bereit war, für ein T-Shirt mehr als 50 Euro auszugeben.

In gedeckten Farben und eindeutigem Schwarz und Weiß spielt das Design mit großen Marken, schenkt ihnen ein bisschen Glauben und ordentlich jüdischen Witz: »Bottega Judaica« statt Veneta, »Hot Wheels« heißt jetzt »Nanah«, und man sagt übrigens »Tzadik & Voltaire«. Die weißen Wände des Geschäfts schmücken Dutzende Kippot, die sich in bunten Farben über Brands lustig machen. Und alles »Made in Israel«.

Uuups, da muss ich aber warten, bis der extrastarke Schekelkurs sich wieder etwas normalisiert hat.

Das seriöse Gegenteil bietet »Kameart«, wo Zizit-Shirts im Missoni-Muster aus Kimono-Stoffen oder Punkrock-Flanell im Schaufenster hängen. Daneben liegt bedeutungsschwerer Silberschmuck. Oder wie wäre es mit einem Tallit ganz in Schwarz oder dieser wunderschönen Wildledertasche mit einem fetten eingestickten Magen David und Am-Jisrael-Chai-Schriftzug? Uuups, da muss ich aber warten, bis der extrastarke Schekelkurs sich wieder etwas normalisiert hat.

Andererseits ist gerade Winterschlussverkauf, und deshalb gibt es bei den Onlineshops »Beber&Co« und »Holyland Civilians« Sale-Angebote. Während Letzterer gute Laune verbreitende Streetwear mit dem Design-Anspruch »Glaube trifft Rebellion« verkauft, also entspannte Shirts und Hoodies mit Aufdrucken wie »Made in the Middle East«, einem dicken Chai oder einfach nur »Holy«, kommt »Beber&Co« mit elaborierter Kunst-Stand-Up um die Ecke.

Mischwesen à la Monsieur Tati und Wes Anderson

KI-unterstützte Videos zeigen, wie die Hauptfigur Beber (beliebter, vor allem in Marokko verbreiteter sefardischer Spitzname) aberwitzig vom Pferd fällt und immer wieder aufsteigt, wie er als Mischwesen à la Monsieur Tati und Wes Anderson durch die Wüste irrt, oder wie seine kleinen Neffen und Nichten in riesigen Beber-Sweat­shirts (Kindergrößen gibt es noch nicht, so die Ansage) sehr cool tanzen. Ein Papagei, ein Äffchen und die französisch-hebräische Stimme im Off sorgen für schreiend komische Absurdität – und eine postmoderne Tanzaufführung vor drei alten Kibbuzniks im Speisesaal für ein warmes Herz.

Mein Lieblingsshirt zeigt in Blau auf Grau die Worte »Bsorotovot. Me’ata ve ad olam«. Gute Nachrichten. Von heute bis in alle Ewigkeit. Darüber freuen sich Juden in der Diaspora gerade besonders!

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