Kulturkolumne

Litwaks: Bin ich einer von ihnen?

Bin ich ein Litwak? Das frage ich mich, seitdem ich auf diesen jiddischen Begriff für die jüdische Bevölkerung auf dem Gebiet des einstigen neuzeitlichen polnisch-litauischen Staates stieß. Neben dem heutigen Litauen umfasst es auch weite Teile von Belarus, die nordöstlichen Regionen Polens sowie Teile Lettlands.

Die »YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe« beschreibt die Litwaks als kühl, rational, berechnend und skeptisch. Laut dem in New York ansässigen YIVO-Institut stehen sie damit im Kontrast zu den als »Galitsianer« bezeichneten, warmherzigeren, emotionaleren und auch naiveren Juden des südlichen Ost- und Mitteleuropa.

Es ist nicht nur die skeptische Grundstimmung im jüdischen Teil meiner aus Belarus stammenden Familie, die mich an die Litwaks denken lässt. Generell verbindet Belarus und Litauen eine jahrhundertelange gemeinsame, von vielen politischen Katastrophen und Kriegen durchzogene Geschichte.

Frappierend ähneln sich die Altstadtquartiere der beiden Hauptstädte Minsk und Vilnius.

Frappierend ähneln sich die Altstadtquartiere der beiden Hauptstädte Minsk und Vilnius. Beide Länder waren Teil von »Yiddishland«, eines Gebietes, in dem es bis zum Zweiten Weltkrieg zahlreiche kleinere und größere Städte mit einem sehr hohen jüdischen – und Jiddisch sprechenden – Bevölkerungsanteil gab.

Ebendiese Gebiete teilen auch das gemeinsame Schicksal der Besatzung durch NS-Deutschland seit 1941 mitsamt der massenhaften Ermordung weiter Teile der jüdischen Bevölkerung. Aber selbst die Schoa und die gegen ein selbstbestimmtes jüdisches Leben gerichtete Politik der Sowjetunion konnten die Spuren der einst allgegenwärtigen Litwak-Alltagskultur nicht vollständig tilgen. So erzählt mein Vater, dass seine Großeltern in der Nachkriegszeit regelmäßig ins Jiddische wechselten, wenn sie über etwas sprachen, das die Jüngeren nicht verstehen sollten.

Oft ging es wohl um traurige Dinge wie etwa die Schicksale der im Zweiten Weltkrieg ermordeten und verschollenen Verwandten. Irgendwann erinnerte sich mein Vater auch an »Zeppeliny« – Kartoffelklöße, die er aus seiner sowjetisch-belarussischen Kindheit gekannt habe. Ihren Namen erhielt das litauische Gericht laut Wikipedia im Ersten Weltkrieg, als Litauen vom Deutschen Reich besetzt war und von Zeppelin-Luftschiffen des deutschen Heeres überflogen wurde.

Heute sichert die in Litauen stationierte Bundeswehr-Panzerbrigade 45 die Ostflanke der NATO.

Und dann sind da meine Kindheitserinnerungen an Wochenendausflüge nach Molodetschno, eine Stadt nordwestlich von Minsk, in der damals mein Großvater lebte. Die ins nur etwa 130 Kilometer von Molodetschno entfernte Vilnius weisenden Straßenschilder sind mir ebenso präsent wie die direkte Zugverbindung in die litauische Hauptstadt. Heute sichert die in Litauen stationierte Bundeswehr-Panzerbrigade 45 die Ostflanke der NATO, während das benachbarte Belarus zunehmend zur Aufstellung schweren russischen Kriegsgerätes dient.

Wieder deutsche Truppen in Litauen also. Wie es aussieht, sind sie diesmal die Guten. Bei seinem Vilnius-Besuch am 22. Mai 2025 hat Bundeskanzler Friedrich Merz zwar mit Litauens Präsident Gitanas Nauseda gesprochen und die besagte Bundeswehr-Brigade besucht, sich jedoch in keinem der Museen und Mahnmale der jüdischen Geschichte Litauens blicken lassen. Die Menschheitstragödie Schoa ist noch lange nicht bewältigt, schon brauen sich in der einstigen Heimat der Litwaks die nächsten dunklen Wolken zusammen.

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