Prix de l’Académie de Berlin

»Literatur ist meine Heimat«

Frau Wajsbrot, in diesem Jahr erhalten Sie den Prix de l’Académie de Berlin für Ihr publizistisches Werk. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Der Preis ist eine große Ehre für mich. Ich verstehe die Auszeichnung auch als eine Anerkennung der Kraft und Wichtigkeit von Literatur, speziell des Genres der Fiktion. Nach dem Essayisten Georges-Arthur Goldschmidt bin ich die erste Schriftstellerin, die den Preis erhält. Vor mir hat die Akademie noch keinen Kollegen für das Schreiben fiktiver Erzählungen ausgezeichnet. Es ist mir wichtig, das an dieser Stelle zu betonen: Die Fiktion ist ein Teil der Literatur und hat ihre schriftstellerische Berechtigung. In Frankreich gelten Romane häufig als Trivialliteratur. Mit fiktiven Erzählungen kann man sich aber auf seine ganz eigene Art komplexen und schwierigen Themen widmen. Einen Roman zu schreiben, ist wie eine Gebirgswanderung. Der Aufstieg beschreibt den Prozess der Geschichtsentwicklung. Hier wird festgelegt, welche inhaltlichen Gesichtspunkte zum Klimax führen sollen.

Ihr 2008 erschienenes Buch »L’Île aux Musées« wird von der Akademie als ausschlaggebend für die jetzige Auszeichnung genannt. Worum geht es?

Das Buch ist der zweite Teil eines Zyklus, an dem ich seit nunmehr zehn Jahren arbeite. Ich wollte damit etwas Umfangreiches und inhaltlich Zusammenhängendes schreiben. In dem Zyklus beschäftige ich mich mit dem Thema der Kunst und deren Rezeption. Das Buch spielt zu einem Teil auf der Berliner Museumsinsel und zum anderen im Jardin de Tuileries in Paris. Die Museumsinsel hat mich schon immer besonders fasziniert. Jeder Besuch eines Museums ist ja praktisch wie der Besuch auf einer Insel. Man taucht in eine eigene Welt ein. Die Figuren in meinem Roman sind mit beiden Orten verbunden, genauso wie ich selbst. Das Hauptthema sind aber die Statuen. Als scheinbar stumme Augenzeugen der Zeit erzählen sie von der Vergangenheit und der wechselvollen Geschichte des jeweiligen Ortes.

Als Tochter einer vor den Nazis nach Frankreich geflohenen jüdischen Familie aus Polen sind Sie in Paris geboren und aufgewachsen. Im Frühjahr 2002 sind Sie nach Berlin gezogen. Seither pendeln Sie. Wie wirken sich die beiden Wohnorte auf Ihr Schreiben aus?

In Berlin habe ich neue Inspiration gefunden. Die Stadt hat meinen Horizont erweitert. Berlin ist ein Ort voller Kreativität, hier spüre ich Hoffnung und Lust auf Zukunft. In Paris dagegen habe ich oft das Gefühl von Enge, von einer Sehnsucht nach der Vergangenheit und einer gewissen Furcht vor Neuem. Ich bemühe gerne das Bild eines Theatersaals. In Paris ist der Saal schon rappelvoll, in Berlin finden sich noch viele freie Plätze. Wenn ich mich zum Schreiben in ein Café in Berlin setze, bekomme ich ein ganz neues Gefühl für die französische Sprache. Ich erlebe den Abstand von dem permanenten Umgebensein mit meiner Muttersprache als sehr hilfreich. Seitdem ich in Berlin lebe, übersetze ich auch viel mehr vom Deutschen ins Französische.

Fühlen Sie sich in Berlin genauso zu Hause wie in Paris?

Als ich 2002 nach Berlin kam, wollte ich für immer hier leben. Ich wollte hier begraben werden. Aufgrund familiärer Verpflichtungen konnte ich Paris aber nicht dauerhaft den Rücken kehren. Mit der Zeit habe ich dann gemerkt, dass es für mich nicht möglich ist, zwei Zentren und Lebensmittelpunkte zu haben. Von Berlin loslassen konnte ich aber auch nicht. Die Stadt hat mich – wie der Sirenengesang den Seemann – immer wieder zurückgerufen. In Berlin fühle ich mich immer ein wenig fremd. Das ist auch normal, ich bin ja gebürtige Pariserin. Aber auch in Frankreich fühle ich mich manchmal sehr fremd. Meine einzige wirkliche Heimat ist die Literatur.

Der deutsch-französische Historiker Etienne Francois hat Sie einmal als Grenzgängerin zwischen Deutschland und Frankreich und als eine Schriftstellerin beschrieben, die sich Stereotypen und einseitigen Zuschreibungen widersetzt. Sehen Sie sich als diese Grenzgängerin?
Ich bin eine Grenzgängerin, wenn ich literarische Genre-Grenzen überschreite. Darum geht es mir mit meinen Erzählungen. Ich will keinen »klassischen« Roman wie im 19. Jahrhundert schreiben, sondern viele Aspekte zu etwas ganz Neuem verbinden. Ich habe mich nie als »echte« Französin gefühlt. In diesem Sinne verstehe ich mich auch als eine Grenzgängerin. Das hat vor allem mit meiner Familiengeschichte zu tun.

Inwiefern?
In meiner Jugend lernten wir in der Schule von den heroischen Taten der Résistance. Das dunkle Kapitel der französischen Kollaboration schien es nie gegeben zu haben. Die Bösen waren immer nur die Deutschen. Mit diesem Narrativ konnte ich mich nie identifizieren. Mein Großvater war von französischen Gendarmen misshandelt und in ein Internierungslager gesteckt worden, bevor er nach Auschwitz deportiert wurde. Meine Mutter konnte sich nur knapp vor der Festnahme durch französische Polizisten retten. Und auch wenn die kritischen Kapitel der Geschichte in den letzten Jahren in Frankreich mehr thematisiert werden, kann ich mich von diesen Gefühlen nicht befreien.

Wie sehen Sie den derzeitigen Zustand des deutsch-französischen Verhältnisses?
Das lange Zeit überaus gute und enge Verhältnis hat sich etwas abgekühlt. In Deutschland ist das Bild von Frankreich in den vergangenen Jahren kritischer geworden. Die Franzosen haben stets kritisch auf Deutschland geschaut. Wenn die Politiker heute zu gemeinsamen Gedenkveranstaltungen wie in Verdun reisen, erlebe ich das als ritualisiertes Erinnern. Es steckt nicht mehr dasselbe Herzblut wie noch zu Zeiten von Mitterrand und Kohl dahinter. Die Europäische Union droht zu zerbrechen. Ich denke nur an den möglichen Austritt Großbritanniens und das unsolidarische Verhalten vieler Staaten in der Flüchtlingspolitik. Der Frieden, der durch den europäischen Einigungsprozess geschaffen wurde, gilt als selbstverständlich. Diese Selbstverständlichkeit ist sehr gefährlich.

Wie würden Sie die gegenwärtige Stimmung in Frankreich beschreiben?
Frankreich steckt in einer großen gesellschaftlichen und moralischen Krise. Und das seit gut 20 Jahren. Das Land hatte stets das Selbstbild der Grande Nation, doch das trifft schon seit Langem nicht mehr zu. Es ist wie in Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray«. Frankreich ist dem Wunsch nach ewiger Jugend verfallen und erkennt sein wahres Alter nicht an. Die Gesellschaft muss auf die drängenden Fragen Antworten finden: Warum fühlen sich so viele Menschen von der Politik nicht vertreten? Wieso hat die Integration muslimischer Einwanderer nicht geklappt? Wieso finden so viele junge Menschen der dritten Generation den Dschihad attraktiv?

Haben Sie schon Ideen für neue literarische Projekte?

Ich möchte den fünften und damit letzten Teil des Zyklus schreiben. Auch will ich endlich eine lange gehegte Idee verwirklichen. Zusammen mit einem zeitgenössischen Musikkünstler möchte ich einen meiner Texte vertonen. In meinen Texten sind Rhythmus und Klang der Sprache zentral, da bietet sich eine Vertonung geradezu an. So kann ein Text zur Basis für eine völlig neue Kunstform werden.

www.academie-de-berlin.de

Mit der Autorin sprach Jérôme Lombard.

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