Philipp Peyman Engel

Lisa Eckhart und die Judenwitze

Kennen Sie den schon? »Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Red-Bull-Gründer Mateschitz ein Red Bull auszugeben.« Oder den? »Die Erektion des schwarzen Glieds braucht alle sieben Liter Blut, über die ein Mensch verfügt.«

Beim Publikum, bei Fernsehsendern und Feuilletonisten ebenfalls hoch im Kurs: »Am meisten enttäuscht es von den Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld. Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? Die heilige Kuh hat BSE.«

REAKTION Großes Gelächter. Begeisterter Applaus. Nur hier und da verschämtes Räuspern, ein fragender Blick: Hat Lisa Eckhart wirklich gerade genau das gesagt? Derweil schaut die Kabarettistin triumphierend ins Publikum. Hohe Einschaltquoten, aufgeregte Debatten, ausverkaufte Programme sind ihr gewiss.

Die Form von Lisa Eckharts Auftritten ist so dicht am antisemitischen Original, dass man den doppelten Boden vergeblich sucht.

Nun hat die umjubelte Österreicherin – »präziser Wortwitz, schlitzohrige Boshaftigkeit, böse Reime und pointierte Provokation« (3sat) – unlängst noch einmal nachgelegt. Und auch diesmal wusste Eckhart ganz genau, welche Knöpfe sie drücken muss, um sich nach längerer Abstinenz wieder ins Gespräch zu bringen.

Am 9. November, dem Gedenktag für die bei den Novemberpogromen 1938 deportierten und ermordeten Juden – darunter macht Lisa Eckhart es nicht –, präsentierte sie im österreichischen Fernsehen ihren neuesten Judenwitz, diesmal über jüdische Nasen. Weiß ja schließlich jeder: Juden haben Hakennasen. Schon klar. Selten so gelacht. Das NS-Hetzblatt »Der Stürmer« lässt grüßen.

ENTWICKLUNG Es ist etwas ins Rutschen geraten in der Bundesrepublik. Noch bis vor Kurzem wäre es undenkbar gewesen, dass auf der Bühne unter dem Deckmantel der Satire Judenwitze erzählt werden, ohne dass es einen öffentlichen Aufschrei gegeben hätte. Der Künstler wäre zur Persona non grata geworden – und zwar völlig zu Recht.

Die Kabarettistin Lisa Eckhart dagegen ist mit ebensolchen antisemitischen Pointen innerhalb kurzer Zeit zur erfolgreichsten deutschsprachigen Künstlerin ihres Genres aufgestiegen. Große Teile des deutschen Feuilletons feiern in irrwitzigen geistigen Verrenkungen mit Bezug auf die Meta-Ebene der Meta-Ebene Eckharts antisemitische Pointen als »hintergründig«, »große Kunst« und »mutige Abrechnung« mit dem von der linken Identitätspolitik dominierten Zeitgeist.

Und mehr noch: Die Kritiker von Eckhart – bei ihnen handelt es sich überwiegend um Juden – werden als »engstirnig« und »humorlos« abgekanzelt, wie jüngst in der »WELT«.

MISSVERSTÄNDNIS? Eckharts Verteidiger sagen: Die Künstlerin werde missverstanden. Sie entlarve schonungslos die antisemitischen Einstellungen ihres Publikums. Sollte dies, das vermeintliche Spiegeln ihrer Zuschauer, tatsächlich Eckharts kabarettistisches Konzept sein, wäre dies ein weiterer Beleg für die Hoffnungslosigkeit des deutschen Humorbetriebs. Braucht es wirklich öffentlich aufgeführte Judenwitze, um auf das Problem des Judenhasses in diesem Land hinzuweisen?

Bei den Zuschauern kommt der Tabubruch gut an. Lisa Eckhart ist mittlerweile die erfolgreichste deutschsprachige Künstlerin ihres Genres.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass Lisa Eckhart schlichtweg eine eiskalt kalkulierende Kabarettistin ist, die ihr Geschäft auf dem Rücken der jüdischen Gemeinschaft betreibt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Lisa Eckhart ist, nach allem, was man weiß, sicher keine Antisemitin, wie gelegentlich vor allem in der linken Twitter-Bubble geraunt wird. Aber sie ergeht sich, und das ist schlimm genug, genüsslich in judenfeindlichen Pointen, ohne jegliche ironische oder andere künstlerische Brechung. Sie reproduziert judenfeindliche Bilder, die in unserer Gesellschaft ohnehin schon massenhaft zirkulieren, und trägt zu ihrer weiteren Verbreitung bei.

TABUBRUCH Die Form von Lisa Eckharts Auftritten ist so dicht am antisemitischen Original, dass man den doppelten Boden vergeblich sucht, wie der Historiker Michael Wolffsohn treffenderweise feststellte. Denn anders als oft behauptet, gibt es bei Eckhart eben keine intelligente Persiflage, kein Spielen mit Klischees, kein Demaskieren, sondern nur lupenreinen Antisemitismus.

Beim Publikum kommt der Tabubruch gut an. Ihre Shows sind allesamt ausverkauft und laufen zur besten Sendezeit im Fernsehen. Die Kritik überschlägt sich vor Lob. Den Schaden haben andere.

engel@juedische-allgemeine.de

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026