Fotografie

Liebeserklärung an die Catskills

»Es war im Sommer ’63, alle nannten mich Baby« – mit diesem Satz beginnt einer der wohl einflussreichsten Filme der 80er-Jahre: Dirty Dancing. Der Kultfilm um Baby, Johnny und den Mambo, der vor 30 Jahren in die Kinos kam, hat aber noch einen heimlichen anderen Star: den »Borscht Belt« und die Catskill Mountains.

Das Mittelgebirge im Bundesstaat New York war beliebt bei jüdischen Touristen und hatte seine Blütezeit von den 20er- bis zu den frühen 70er-Jahren. Resorts wie das »Hotel Zeiger«, das »Brown’s Hotel« oder das bekannte »Grossinger’s« waren Refugien für jüdische Touristen. Aufwendig gestaltete Pools, etwas kitschige Ballsäle und Kombinationen von Wandfarben, wie es sie wohl nur in den 60ern geben durfte, prägten jahrelang das Bild der Ferien-Domizile.

Ballsäle
Heute ist die blaue Farbe der Pools längst abgeblättert, sind die Fenster der Ballsäle herausgebrochen, hat die Natur ihre Arme ausgestreckt und ist in die einstigen Ferienunterkünfte eingezogen. Keine durchtanzten Nächte, keine Nachmittage auf den Terrassen. Wie diese Einsamkeit aussieht, hat die New Yorker Fotografin Marisa Scheinfeld festgeahlten. In ihrem Buch The Borscht Belt erzählt sie die Geschichte der Catskill Mountains. Für Scheinfeld war es nicht nur ein Buchprojekt. Es war eine Reise zu ihren Wurzeln.

Aufgewachsen in Kiamesha Lake, in der Stadt Thompson, hörte sie schon von Kindesbeinen an die Wörter »Mountains« und »Country«, die, wie Scheinfeld in ihrem Vorwort schreibt, in ihrer Familie mit einer gewissen Bestimmtheit benutzt wurden und sich eigentlich nur auf diese eine Region, den Borscht Belt, beziehen konnten. Der Borscht Belt stand für Erholung und für Begegnungen. Scheinfelds Großeltern verbrachten ihre Sommer in »Walter’s« oder dem »Irvington Hotel«, ihre Eltern machten dort als Kinder Urlaub, und Marisa selbst ging im »Kutsher’s« spazieren.

»Concord’s« Die Gerüche des Chlors, der Geschmack des gegrillten Käse-Sandwiches oder die Aufregung, »einen Quarter nach dem anderen in die Videospiel-Konsole zu stecken«, werden bei den vielen persönlichen Bildern von Scheinfeld, deren erster Job übrigens Rettungsschwimmering im »Concord’s« war, lebendig. Bilder von ihrem Großvater Jack, ihren Eltern, der ganzen Familie und den Freunden, sind das, was The Borscht Belt fast zu einem Tagebuch werden lässt.

»Die Catskills waren für mich immer ein Zuhause«, schreibt Scheinfeld. Die Bilder erzählen davon. Und wenn man genaug hinsieht, kann es sein, dass man noch ein wenig von diesem anderen berühmten Satz hört, den Baby in Dirty Dancing sagt. Diesen Satz, der abseits der Ballsäle fiel und der Anfang vom Ende der braven Frances Houseman war: »I carried a Watermelon – Ich habe eine Wassermelone getragen.«

Marisa Scheinfeld: »The Borscht Belt: Revisiting the Remains of America’s Jewish Vacationland«, Cornell University Press 2016, $29,90

www.cornellpress.cornell.edu/book/?GCOI=80140100698700

www.marisascheinfeld.com

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Gesangswettbewerb

Hat neue ESC-Vorschrift Auswirkungen auf drohenden Israel-Boykott?

Diese Debatte lässt den Eurovision Song Contest nicht los: Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue Regel - sorgt diese nun für Ruhe?

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026