»Jojo Rabbit«

Lachen ist eine Waffe

Auch Workaholics brauchen Pausen: Der neuseeländische Filmemacher Taika David Waititi während der Dreharbeiten zu »Jojo Rabbit« Foto: 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation

»Jojo Rabbit«

Lachen ist eine Waffe

Taika Waititi spricht über seine Nazikomödie, Filme, die Menschen verändern und sein Judentum

von Sophie Albers Ben Chamo  02.02.2020 07:22 Uhr

Der neuseeländische Comedian, Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Taika David Waititi hat das Talent von Charlie Chaplin, die Chuzpe von Groucho Marx und das Charisma eines Gregory Peck, falls noch jemand weiß, wer das war. Der Mann mit russisch-jüdischen, irischen und polynesischen Vorfahren und dem kantigen Kinn verströmt einen Old-School-Glamour, der in Hollywood längst verloren scheint.

Es ist zutiefst beeindruckend, mit welch unbändiger Spielfreude und scheinbarer Anstrengungslosigkeit der 44-Jährige in den vergangenen fünf Jahren ein internationales Publikum dazu gebracht hat, sich seinen Namen zu merken. Sein aktueller Film Jojo Rabbit wurde gerade sechsmal für den Oscar nominiert.

Balance Jojo Rabbit ist – wie alle Filme Waititis – eine Komödie, die wie alle guten Komödien einen düster-traurigen Kern in sich trägt, der hier gleich mal der düsterste Kern überhaupt ist: die Nazizeit. Der kleine Hitlerjunge Jojo versucht, ein guter Nazi zu sein, und beklagt sich bei seinem imaginären Freund Adolf Hitler, dass es nicht so richtig klappt.

Bis er auf dem Dachboden ein jüdisches Mädchen entdeckt, versteckt von seiner Mutter, die im Widerstand ist. Zukünftige Filmemacher werden anhand dieses Films lernen, wie die zerbrechliche Balance zwischen Komödie und Tragödie zu halten ist, ohne auch nur für eine Sekunde Menschlichkeit einzubüßen! Chapeau!

Seinen aktuellen Film nennt Taika Waititi eine »Anti-Hass-Satire«.

Waititi, der trotz seiner Freude an Slapstick und Dauer-Faxen – er spielt den kindischen Hitler selbst – genau weiß, was er da tut, sagt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen: »Humor hilft dabei, das Publikum zu entwaffnen und zu öffnen, sodass es neue Ideen und Botschaften überhaupt zulässt.« Er nennt seinen Film eine »Anti-Hass-Satire«. Denn das Lachen sei die ultimative Waffe.

»Es bringt das Problem auf den Punkt, bringt es ans Licht, mehr als es ein Drama je könnte. Die Komödie ist ein starkes und wichtiges Werkzeug im Umgang mit Intoleranz und Diktatoren. Wie Sie es ja gerade am Beispiel eines bestimmten ›Weltenlenkers‹ sehen können: Die ertragen es nicht, wenn man über sie lacht. Das zeigt, wie kindisch sie sind.«

Wahnsinn Jojo Rabbit zelebriert diese Bloßstellung des Wahnsinns, und Waititi erinnert an eine Anekdote von Groucho Marx aus dem Hollywood der 30er-Jahre, als dem Star und dessen kleiner Tochter der Zugang zu einem Swimmingpool verwehrt wurde, weil sie Juden waren. Marx’ Antwort damals lautete: »Sie ist Halbjüdin, darf sie bis zu den Knien rein?«

Die Frage, ob Filme Menschen ändern können, beantwortet der Filmemacher hoffnungsvoll: »Vielleicht kann ein Film den Anfang machen, der in Kombination mit anderen Dingen zu Veränderungen führt. Filme, Bücher, aber vor allem Gespräche zwischen Menschen.«

Von Jojo Rabbit wünsche er sich, »dass Menschen die Idee des Für-sich-selbst-Denkens mitnehmen, und den Gedanken, dass man aus diesem Gruppenzwang rauskommen muss«. Als er 2011 angefangen habe, das Skript zu schreiben, »gab es eigentlich keinen Anlass dazu. Hassrede, Hassverbrechen und Intoleranz waren nicht so verbreitet. Als wir 2018 mit dem Drehen begannen, sah das anders aus. Heute ist der Film relevant, und ich bin froh, dass wir gewartet haben.«

Die Familie seiner Mutter entkam einst Pogromen in Russland.

Waititi ist ein Extremsportler, wenn es um die Arbeit geht: Während er Mitte der 90er in Wellington Schauspiel studierte, feierte er mit einer Comedy-Truppe landesweit Erfolge, arbeitete als Schauspieler und begann bald, auch eigene Filme zu machen. 2004 wurde sein Kurzfilm Two Cars, One Night für einen Oscar nominiert. 2007 bis 2009 inszenierte er mehrere Folgen der Kult-TV-Serie Flight of the Conchords.

2010 wurde sein Film Boy zum größten Kinohit Neuseelands. 2013 gelang ihm mit der Vampirkomödie 5 Zimmer Küche Sarg der internationale Durchbruch. 2016 stellte er mit Wo die wilden Menschen jagen in der Heimat den eigenen Kinorekord ein. 2017 folgte die 180-Millionen-Dollar-Comicverfilmung Thor: Tag der Entscheidung, dann der Dreh von Jojo Rabbit und mehrerer Episoden der Star Wars-Serie The Mandalorian.

Dabei spielte er durchgehend diverse Nebenrollen in eigenen und anderen Werken. Ob Waititi auch mal schläft, ist unbekannt. Oh, und 2010 hat er geheiratet, 2012 und 2015 wurden seine beiden Töchter geboren.

Familie Auch wenn die religiöse Seite des Judentums in Waititis Leben bisher keine große Rolle gespielt hat, so doch die kulturelle: Die Geschichte der Familie seiner Mutter sei von Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit geprägt, hat er einmal gesagt. »Zuerst entkamen sie den Pogromen in Russland, landeten in England, und dann schafften sie es irgendwie, durch verrückte Wendungen des Schicksals, ausgerechnet nach Neuseeland.«

Die Arbeit an Jojo Rabbit habe ihn seiner jüdischen Seite nähergebracht: »Ich fühle mehr Stolz, mehr Kraft«, sagt Waititi. Er spüre seine Vorfahren hinter sich. Vielleicht so wie das jüdische Mädchen in Jojo Rabbit, das in einer Szene als Klein-Jojo sich dämlich-aufplusternd als arischer Übermensch geriert, stolz ausruft: »Mein Volk hat mit Engeln gerungen! Mein Volk hat Riesen besiegt!«

»Jojo Rabbit« läuft derzeit im Kino.

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026