Luxemburg/Frankfurt am Main

Kunstforum für Entdecker

Die Künstlerin Amy Louise Ernst blättert in einem Katalog ihres Großvaters Max Ernst. Foto: Dorothee Baer-Bogenschütz

Im Juli 2024 jährt sich die Ermordung von Louise Straus-Ernst in Auschwitz zum 80. Mal. »Lou«, die Kunsthistorikerin und Tochter eines jüdischen Hutfabrikanten, war die erste Ehefrau des Katholiken Max Ernst. Für einige ihrer Collagen heftete ihr der Dadaist und Surrealist den Titel »Rosa Bonheur von Dada« an. Beider Sohn war Hans-Ulrich Ernst – »Jimmy« –, der 1938 noch vor seinem Vater in die USA emigrierte, Peggy Guggenheims Galerie in New York führte und zugleich selbst ein Vertreter des Abstrakten Expressionismus wurde.

Von Louise Straus-Ernst besitzt »Die Galerie« in Frankfurt am Main kein Werk. Dafür aber zauberhafte, an Max Ernsts Kosmos anknüpfende Collagen ihrer Enkelin Amy Louise Ernst, die vor Kurzem 70 Jahre alt wurde. Die Galerie stellte als erste in Deutschland Amy Ernst schon 2019 aus. Am Messestand der Luxembourg Art Week zeigte man im November 2023 drei Generationen Ernst als Ouvertüre auf die aktuelle Schau in Frankfurt, die noch bis zum 7. Februar zu sehen ist.

Noch bis zum 7. Februar präsentiert »Die Galerie« in Frankfurt Collagen von Amy Ernst.

Verblüffend, wie viele Künstler mit jüdischen Themen oder Wurzeln die kleine Luxemburger Messe mit 80 Ausstellern versammelte, die mit der neuen Strategiechefin Caroline von Reden in eine internationale Phase eintreten will. Jüdische Kunst hätte auch vor dem Hintergrund des Hamas-Terrors zumindest in einem der zahlreichen Panels oder wenigstens einer Führung thematisiert werden können. Doch das hatte keiner auf dem Schirm.

Dafür legte die im nicht kommerziellen Sektor angesiedelte Kunsthalle Trier, die noch bis zum 28. Januar mit der Sonderschau Sarah Schumann – Ikone Frau einer 2019 verstorbenen Vertreterin der Nachkriegsmoderne in Deutschland gedenkt, in Luxemburg ihren Ausstellungskatalog Israelische Künstler:innen in Deutschland aus. Herausgegeben wurde er 2021 von der Europäischen Kunstakademie Trier zur 1700-Jahrfeier des Judentums in Deutschland. Im Jahr 321 n.d.Z. dokumentierte das Edikt von Kaiser Konstantin die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Louise Straus-Ernsts Geburtsstadt Köln.

Künstler mit jüdischem Hintergrund

Insbesondere französische Galeristen waren bei der Art Week im Einsatz für Künstler mit jüdischem Hintergrund. Die Galerie Lazarew entzückte mit der One Man Show von Aharon Gluska aus Hadera. Seine vielschichtige farbreduzierte Malerei abstrahiert wüstenartige Landschaften zum kontemplativen Gebrauch, wird zum Erinnerungsspeicher.

Françoise Livinec zeigte ein eindrückliches Holocaust-Motiv von Rosemarie Koczÿ, die zwei Konzentrationslager überlebte. Galeriemitarbeiter Raphael Levy verlor eine junge Verwandte, die beim Musikfestival »Supernova« am 7. Oktober in Israel von Terroristen der Hamas ermordet wurde.

In der Kunsthalle Trier läuft die Sonderschau zu Sarah Schumann bis zum 28. Januar.

Jörk Rothamel vertritt Raissa Venables, die Galerie Artbase Eve Bergman, deren Pinselstrich Sasha Waltz mit einer Tanzfigur verglich. Lee-Bauwens widmet sich Maurice Frydman, Guillaume Ingerts Engagement gilt Monique Frydman. Stéven Riff (Galerie East) repräsentiert neuerdings den Nachlass von Wolf Vostell.

Lockt die Europastadt Luxemburg aber genug Käufer und damit Interessenten für subtile jüdische Positionen – nutzt der Messe das Europa-Label?

Demnächst werden vier neue Turmbauten das »Quartier Européen« kolossal verändern. Dort erhält etwa 2025 die Europäische Kommission einen 526-Millionen-Euro-Neubau, der Baubeginn für den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) erfolgt 2024. Später könnte der Europäische Gerichtshof erweitert werden.

Unterdessen erlebt das nicht nur an EU-Institutionen reiche Großherzogtum eine Rezession ausgerechnet jetzt, wo kulturell Hochleistung vorgesehen ist: mit der 2015 vom Galeristen Alex Reding gegründeten Kunstmesse als zentralem Marketingbaustein.

»Druck der Daseinsberechtigung«

Das »Luxemburger Wort«, die führende Tageszeitung des Landes, erkennt den »Druck der Daseinsberechtigung« für alle Kunstinitiativen. »Ohne ein starkes Publikum geht es nicht«, so das Blatt, doch müsse es »ja nicht gleich der Erwerb eines Meisterwerks bei der Art Week sein«. Einspruch: Es muss vielleicht nicht gleich Max Ernst Ölgemälde »La Forêt« von 1925 für 450.000 Euro sein. Jungsammler erwartet reichlich meisterliche Kunst im niedrigen vierstelligen Bereich.

Kontraproduktiv nur, dass mitunter nicht nur die Preise, sondern sogar Künstlernamen erst auf Anfrage zu erfahren sind. »Das ist Konzept«, so von Reden. Für die Art Basel mag es funktionieren, der Niedrigschwelligkeit der Luxemburger Messe steht es im Weg. 2024 feiert sie zehnjähriges Bestehen. Allein schon die jüdischen Positionen werden die Reise wieder lohnen.

Einer der Konzeptkünstler, die bei der Art Week in Luxemburg erneut ausstellen dürften, ist Jan Kuck. Seine Neoninstallation »Never Again« auf dem Münchner Marienplatz erinnerte unlängst an die Deportation von Juden in die sogenannten Ostgebiete. Eine andere seiner Arbeiten, »Soap«, in Luxemburg gezeigt bei Galerie Bechter Kastowsky, dürfte umstrittener sein: aufgesockelte Beton-Abgüsse handelsüblicher Kunststoffbehälter von Körperpflegemitteln neben einem blauen Seifenspender aus echter Seife. Daneben liegt ein kleiner Totenkopf. Unvermeidlich: die Lager-Assoziation.

www.galerien-frankfurt.de/kalender/drei-generationen-einer-kuenstlerfamilie, www.kunsthalle-trier.de/2023/10/02/sarah-schumann, www.jankuck.com/never-again-is-now

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