Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, hält erneute antisemitische Vorfälle bei der in einem Jahr anstehenden documenta 16 für möglich. Das lasse sich »nicht grundsätzlich verhindern«, sagte Zimmermann dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Wenn man es vollständig verhindern wollte, müsste man die Kunstfreiheit einschränken oder Zensur einführen – und das wollen wir ja nicht«, erklärte der Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Dachverbands der Kulturbranche.
Unter Verweis auf die jüngste documenta 15 im Jahr 2022, die mit judenfeindlichen Bildmotiven Schlagzeilen gemacht hatte, sagte Zimmermann, die »entscheidendere Frage ist für mich deshalb nicht, ob so etwas noch einmal vorkommen kann, sondern: Wie geht man dann damit um?« Nach der Ausgabe 2022 haben die documenta-Verantwortlichen nach seinen Worten reagiert. »Ich glaube, da wird schon einiges getan, und das ist positiv«, unterstrich der Kulturexperte.
»In letzter Konsequenz bedeutet das: Wer sich nicht daran hält, kann entlassen werden. Mehr kann man kaum machen.«
Zimmermann hob vor allem einen »Code of Conduct« genannten Verhaltenskodex hervor, der vorsieht, »Antisemitismus, Rassismus und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiv entgegenzutreten«. Er gelte für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit Ausnahme der künstlerischen Leitung und des kuratorischen Teams. »Für diese gilt uneingeschränkt die Kunstfreiheit, wie es auch im Grundgesetz festgelegt ist.«
Für alle anderen sei klar geregelt, dass Verstöße arbeitsrechtliche Konsequenzen haben können. »In letzter Konsequenz bedeutet das: Wer sich nicht daran hält, kann entlassen werden. Mehr kann man kaum machen«, hob Zimmermann hervor.
Er räumte aber ein, es sei »ein schwieriger Balanceakt«, Antisemitismus zu bekämpfen, ohne die Kunstfreiheit einzuschränken. Der Verhaltenskodex selbst könne »keine Räume für Diskussion und Streit schaffen, das ist Aufgabe der künstlerischen Leitung«. Auch das sei 2022 falsch gelaufen: Zum einen sei damals antisemitische Kunst gezeigt worden. »Zum anderen - und das halte ich für fast ebenso schwerwiegend – konnte man in diesen 100 Tagen nicht vernünftig darüber diskutieren.«
documenta als Debattenraum
Der Geschäftsführer des Kulturrats unterstrich rückblickend, die
verantwortliche indonesische Kuratorengruppe »hat sich verweigert: Ruangrupa hat einen Stein ins Wasser geworfen, aber als sich die Wellen ausbreiteten, wollte sie nicht darüber diskutieren«.
Normalerweise hätten sich teilnehmende Künstlerinnen und Künstler bei früheren documenta-Ausgaben solchen Diskussionen gestellt. Er gehe davon aus, dass das mit der in der Zwischenzeit erneuerten künstlerischen Leitung wieder möglich sein werde.
Nussbaum-Zentrum: »Wichtige Konsequenz«
Das Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben in Kassel
bewertet die Konsequenzen, die aus dem Antisemitismus-Skandal bei der
documenta fifteen vor vier Jahren gezogen wurden, positiv. Die
Einführung eines Verhaltenskodex (»Code of Conduct«) wie auch eines
wissenschaftlichen Beirats »betrachten wir als wichtige und richtige
Konsequenzen aus den antisemitischen Vorfällen der documenta 2022«,
teilte Referentin Gabriela Katz dem Evangelischen Pressedienst (epd)
mit.
»Gleichzeitig halten wir die Vorstellung, antisemitische Vorfälle
pauschal verhindern zu können, für wenig realistisch«, erklärte sie.
Entscheidend werde »vielmehr sein, einzelne künstlerische Positionen,
Werke und Beteiligte differenziert und verantwortungsvoll zu
betrachten«.
Eine Findungskommission hatte im Dezember 2024 die Wahl der
US-amerikanischen Chefkuratorin am Solomon R. Guggenheim Museum in New York, Naomi Beckwith, zur Künstlerischen Leiterin der documenta
16 bekanntgegeben. Die internationale Ausstellung zeitgenössischer
Kunst wird vom 12. Juni bis 19. September 2027 in Kassel stattfinden.