Journalismus

»Kontexte schaffen«

Gisela Dachs Foto: Hebräische Universität Jerusalem

Frau Dachs, Ihr Gastvortrag an der FU in Berlin trug den Titel »Herausforderungen der Auslandsberichterstattung: Das Israel-Bild in den deutschen Medien«. Wie sehen diese Herausforderungen aus?
Die klaren Herausforderungen lauten: Kontexte schaffen, Komplexität einfangen und Lebenswirklichkeiten für Leser übersetzen, die Tausende von Kilometern entfernt in einer völlig anderen strategischen Realität leben. Sonst würde es ja ausreichen, die auch hierzulande in Redaktionen gern gelesene englische Ausgabe von Haaretz eins zu eins zu übersetzen. Aber diese ist nun einmal für Israelis mit ganz eigenen Erfahrungshorizonten geschrieben.

In den Beiträgen über Israel finden sich immer wieder die gleichen Metaphern. Dann ist etwa die Rede von der »Gewaltspirale« oder »David gegen Goliath«. Findet auf diese Weise eine Komplexitätsreduzierung statt?
Journalisten greifen gerne unreflektiert auf ein abgegriffenes Repertoire zurück, das nicht selten problematisch ist. Oft finden sie in den Überschriften Verwendung, die allerdings selten von Korrespondenten selbst stammen, sondern von den Redaktionen. Was allerdings gar nicht geht, sind Phrasen wie »Auge um Auge«, die einen Rachegedanken transportieren sollen, was aber den eigentlichen Bezug dieser Metapher entstellt.

Wie hat sich in den vergangenen 20 Jahren Ihrer Einschätzung zufolge die Israelberichterstattung verändert?
Durch Medienkrise und Digitalisierung wurden die Karten neu gemischt. Auslandsberichterstattung ist teuer, weshalb Korrespondenten mehr denn je in der Pflicht sind, viel zu produzieren und Anknüpfungspunkte zu finden, die das Interesse wachhalten. Gleichzeitig aber ist die Relevanz des israelisch-palästinensischen Konflikts angesichts anderer Entwicklungen in der Region geringer als früher. Das macht es den Journalisten vor Ort nicht einfacher.

Wie groß ist die Gefahr, dass Journalisten bereits bestehende Meinungen einfach nur verfestigen?
Diese Gefahr zeigt sich vor allem in der Wahl des Bildmaterials, die vom Wunsch nach dem vermeintlich Identifizierbaren geleitet ist. Konkret heißt dies, dass eine normale Straßenszene, wie sie überall auf der Welt zu sehen wäre, kaum vorhanden ist. Dafür um so mehr erkennbar sind orthodoxe Juden oder Soldaten in Uniform.

Schreiben amerikanische oder französische Korrespondenten anders über Israel als ihre deutschen Kollegen?
Mehr denn je spielt das eigene nationale Narrativ in der Berichterstattung ein wichtige Rolle. Franzosen blicken auf Israel und haben dabei bewusst oder unbewusst den Algerienkonflikt als Resonanzboden im Kopf. Ein Beispiel: Oft wurde in den französischen Medien gefragt, ob Ariel Scharon sich zu einem zweiten Charles de Gaulle entwickeln könnte. In Deutschland dominiert natürlich die Schoa, weshalb Israel fast schon ein innenpolitisches Thema ist. In den Vereinigten Staaten dagegen liegt der Schwerpunkt auf der Betonung gemeinsamer Werte.

Gewalt und Terror sind die zentralen Themen in der Berichterstattung. Kommt der Alltag von Israelis dabei zu kurz?
Es gibt auch in der Berichterstattung Konjunkturen. Wenn Israel wegen einer Gewaltwelle wieder oben auf der Agenda steht, sind Geschichten über den Durchschnittsisraeli einfach nicht gefragt. Und wenn nichts passiert, ist für ihn oft kein Platz im Blatt oder kein Geld vorhanden.

Immer wieder machen Meldungen die Runde, die sich bei näherem Betrachten als falsch herausstellen. Jüngstes Beispiel ist der Bericht auf »Bento« über vom israelischen Staat bezahlte »Bürgerwehren«, die »Jagd auf Flüchtlinge« machen sollen und dafür angeblich Prämien erhalten. Sind das nur Ausrutscher?

Hier muss man unterscheiden zwischen Journalisten, die vor Ort arbeiten, und all den anderen, die glauben, sie könnten aus der Entfernung ohne Vorkenntnisse etwas Meinungsstarkes zu Israel produzieren. Dann geschehen solche Falschmeldungen.

Mit der Journalistin und Dozentin der Hebräischen Universität Jerusalem sprach Ralf Balke.

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