Pop

»König David war Songwriter«

Alex Clare, warum machen Sie Musik?
Ich liebe es, live zu performen. Studioarbeit ist großartig, aber wenn du diese empathische Verbindung mit den Menschen hast, die dir zuhören und deine Musik mögen, ist das das größte Vergnügen auf der Welt. Es geht nichts über eine Menschenmenge, die deine Songs mitsingt!

Bev0r Sie Musiker wurden, waren Sie Koch. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Kochen und Komponieren?

Sehr viele! Beides ist ein kreativer Prozess: Du beginnst mit deinen Grundzutaten, die du in Form bringen und verfeinern musst, um daraus etwas zu machen.

Hier eine Prise Reggae hinzufügen, dort 200 Gramm Popmusik?
(lacht) Und dann alles vermischen und hoffen, dass es gut schmeckt und nicht anbrennt. Genau!

Ist es Ihnen so auch gelungen, einen eigenen Sound zu erschaffen?
Wenn du verrückt bist, findest du dein eigenes Ding. Ich habe nicht, wie die meisten, Gitarrespielen gelernt, indem ich die Songs anderer Musiker gespielt habe. Bereits bei mei- nen musikalischen Anfängen als Teenager ging es mir schon darum, meine eigene Kreativität zu definieren und nicht die eines anderen auszubauen. Es gibt natürlich Songs, die ich covere, weil ich sie als Musikstücke liebe und meine eigene Geschichte daraus machen möchte. Aber im Großen und Ganzen will ich meine eigene Definition für meine Gestaltungskraft finden.

Begonnen haben Sie als Singer/Songwriter.

Ich glaube, dass ich mit dem Songwriting angefangen habe als eine Art Katharsis. Wenn ich gestresst war oder Kummer hatte, war das der beste Weg. Denn wenn du deine Meinung in einem Song äußerst, kann niemand mit dir diskutieren. Es ist kein Gespräch zwischen zwei Personen, es ist ein Monolog.

War es ein großer Schritt von dort zu der Musik, die Sie heute machen?
Nein. Ich denke, dass sich das Talent, Songs zu schreiben, grundsätzlich ja nicht ändert. Was die Produktion angeht, ist das anders. Heutzutage ist die entsprechende Software verfügbar, und jeder Singer/Songwriter ist bis zu einem gewissen Grad auch sein eigener Produzent. Ich habe mittlerweile durch die Arbeit an meinen eigenen Alben und durch die Mitwirkung auf Alben anderer Musiker sicherlich ein umfassendes Repertoire an Fähigkeiten. Das ist eine unschätzbare Erfahrung!

Sie arbeiten viel mit Soul-Elementen.
Ich denke, dass alle Künstler, die Musik lieben und die Definition von Pop nicht zu eng sehen, Soul-Einflüsse in ihrer Musik haben. Bei Marvin Gaye und den Beatles hört man immer auch Soul, selbst in kitschiger Popmusik aus den 60ern.

Aber viele junge Leute heutzutage hören weder Marvin Gaye noch die Beatles.
Ja, das ist traurig (lacht). Aber ich muss widersprechen: Als ich ein Kind war und Musik hören wollte, musste ich an die Plattensammlung meines Vaters gehen oder in meinen Plattenladen in South London. Heute habe ich im Internet in fünf Sekunden Zugang zu Musik aus allen Jahrhunderten, und wenn Menschen intelligent, wissbegierig und neugierig sind, können sie herausfinden, von wem sie ist. Als ich Teenager war, gab es noch diese Musiklager. Du hast entweder Punk, Hip-Hop, Metal oder Jazz ge-hört. Heutzutage haben die Leute einen sehr vielseitigeren Musikgeschmack. Niemand hat mehr dieses Genre-Denken. Naja, bis auf die Hardcore-Punk- und Hip-Hop-Szene.

Und die Heavy-Metal-Szene.
Oh ja! Die sind sehr engstirnig. Was eine Schande ist, denn die meisten ganz großen Heavy-Metal-Acts werden von sehr unterschiedlichen Quellen beeinflusst. Ich denke, dass Vielfalt gut ist und dass es der größte Kreativitätskiller ist, in Schubladen zu denken. Wenn man ein breites Verständnis für Musik haben will, muss man alles hören, was einem unterkommt.

Aber funktioniert jede Mischung? Oder ist es nicht eher wie beim Kochen? Es schmeckt nicht immer wirklich gut!
(lacht) Man weiß es nicht, wenn man es nicht versucht. Experimente sind wichtig. Offenheit ist wichtig. Auch Sampling ist et-was Großartiges, weil du Musik von jeder Quelle nehmen und sie in etwas anderes verwandeln kannst. Es lohnt sich immer zu experimentieren, denn man weiß nie, wo man damit landet.

Sie sind orthodoxer Jude. Inwieweit beeinflusst das Ihre Musik?
Ich bin stolz auf das jüdische Erbe. Eine Geschichte, die 4000 Jahre zurückgeht, ist definitiv nicht zu verachten (lacht). Das ist Teil meiner Identität. Jude zu sein ist eine Lebensart, in jeder Hinsicht. Also hat der Glaube einen großen Einfluss auf meine Kreativität, sowohl als Inspiration als auch als Begrenzung. Es gibt Themen, bei denen ich mich nicht unbedingt wohlfühle, wenn ich darüber singe. Und bestimmte Gefühle drücke ich etwas gewählter aus. Mein Glaube beeinflusst mich also schon, aber es ist eine sehr inspirierende Lebensführung!

Arbeiten Sie auch mit jüdischen Melodien?
Ja, natürlich! Wobei es sehr schwer ist, zu definieren, was eine jüdische Melodie ist. Das ist komplett regional abhängig. Meine Familie sind Aschkenasim aus Europa; wenn du aber ein Jude aus dem Jemen, aus Syrien oder dem Iran bist, ist dein musikalischer Hintergrund komplett anders. Der letzte jüdische Songwriter war wirklich König David. Und das ist sehr lange her (lacht). Alle andere Musik seitdem ist von der regionalen Umgebung inspiriert. Die Melodien von russischen Juden sind komplett anders als die spanischer Juden und transportieren ein vollkommen anderes Gefühl. Gemeinsam ist beiden, dass es generell viel Moll gibt.

Gibt es auf Ihrem neuen Album »Three Hearts« Songs mit jüdischen Wurzeln?
Ja. »Sparks« basiert auf dem Hohelied Salomos, dem hebräischen Schir ha-Schirim. Zumindest war ich davon inspiriert.

Alex Clare wurde 1985 im Norden Londons geboren. Er arbeitete zunächst als Koch und war zeitweilig mit Amy Winehouse liiert. 2011 erschien sein Debütalbum »The Lateness of the Hour«. Clares Song »Too Close« schaffte es 2012 in die amerikanischen und britischen Top Ten, in Deutschland sogar auf Platz eins der Charts. Sein neues Album »Three Hearts« ist vor zwei Wochen bei Universal erschienen. Alex Clare, der in einer, wie er sagt, »sehr, sehr säkularen« Familie aufwuchs, lebt mittlerweile orthodox. Er tritt an Schabbat und Feiertagen grundsätzlich nicht auf und geht nie ohne gekaschertes Geschirr auf Tournee.

Das Gespräch führte Ann Kathrin Bronner.

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