Die Dämonen sind los – immer noch. Das erzählt Ute Cohen in ihrem neuen Roman »Willents Brut« mit schonungsloser Schärfe und Sprachschönheit. Im Mittelpunkt steht das Schicksal von Arne Willent, der mit seinen Geschwistern Volkhart, Franz und Hanne dem väterlichen Schatten zu entrinnen versucht.
Als Kinder der 1960er Jahre erleben sie den Aufstieg der fränkischen Familien-Gastwirtschaft hautnah mit – die Unterordnung der Mutter, die aus falsch verstandener Religiosität schweigt und alles erduldet, sowie den väterlichen Despotismus, dessen autoritär-braune Einfärbung unübersehbar ist. »Das Rauchwerk kannte er vom Vater«, heißt es im Roman. »Der alte Willent hatte ihm, als er das Reh zerwirkte, von Pelzhändlern erzählt, die er in seiner Kindheit kennengelernt hatte. ›Jüdische Aasgeier‹, hatte er sie genannt und sich mit einem schiefen Lächeln über den bösen Witz gefreut.«
Jeder der Geschwister versucht auf seine Weise dem dumpfen Fluch und Sog der Schuldlinie zu entkommen. Arne Willent scheint dafür am wenigsten prädestiniert zu sein. Sensibel und mit zwei verschiedenfarbigen Augen ausgestattet, wie der Kultstar David Bowie, entspricht er keinesfalls der väterlichen Reinheits- und Leistungsnorm. Doch echte Auswege scheintes keine zu geben – nur falsche Hoffnungen und falsche Propheten.
Wie zum Beispiel den vermeintlichen gesellschaftlichen Außenseiter Enno, der sich Franz und Arne als sanfter Mentor aufdrängt. »Enno kramte ein paar Räucherstäbchen aus einer Schublade hervor, steckte sie in einen Halter aus Ton und entzündete sie. Schwüler Patschuliduft breitete sich im Raum aus und kündigte den Joint an, den Enno im üblichen Ritus sogleich kreisen ließ.«
Wie in einem bösen pädophilen Märchenwald
Diese Rituale dienen in »Willents Brut« nicht nur der Betäubung von den seelischen Tiefausläufern der deutschen Geschichte – unter dem Mantel linker Reformpädagogik breiten sich neue Verführungs- und Missbrauchmechanismen aus, sodass den heranreifenden Kindern wie in einem bösen pädophilen Märchenwald nur die Flucht bleibt.
Doch wohin? Der Ausweg aus der provinziellen Enge Richtung Berlin oder mindestens Nürnberg bietet sich an – eine andere Möglichkeit ist der Griff zu einer maßgeschneiderten Protest-Identität: Hippie, Punk, Popper, Ted. Ohne destruktiven Drogenrausch und sexuelle Gewalt scheint dies alles aber nicht möglich zu sein. Womit Cohen dem aufwühlenden Muster ihrer früheren Werke treu bleibt: »Satans Spielfeld«, »Poor Dogs« – »Willents Brut« wirkt wie der dritte Teil einer »Trilogie der Gewalt«. Ende offen.
Zumal das Licht, das die Freunde der inzwischen jugendlichen Kinder spenden, entweder nicht richtig durchkommt aufgrund der familiären Verhärtungen oder selbst zu gebrochen ist. Arnes attraktive Freundin Ina steht für einen Ausweg durch Worte und Bildung. Doch alles hat Grenzen.
»Arnes Wahrnehmung schien ihm einen Streich zu spielen, als er Ina mit schweißnassen Händen und geballten Fäusten über knotige Narben und brutale Fausthiebe delirieren hörte. Gefräßige Pupillen lechzten nach Bildern der Vergeltung. Gelbliche Scheiße schmierte sie in offene Wunden.«
Wandelt Cohen mit derart drastischen Hässlichkeits-Bildern auf den Spuren von Baudelaire? Vielleicht. Doch es geht in diesem Roman nicht um Dekadenz-Ästhetik. Der eigentliche Motor, der die Figuren unbewusst antreibt, ist die verzweifelte Suche nach Erlösung von der deutschen Schuld. Repräsentiert durch den Übervater und das weiterhin im Untergrund der Bundesrepublik kontaminierte Gift des Nationalsozialismus.
Eine bedrängende Symbolik
Umso tragischer, dass die Kirchen ebenso davon befallen zu sein scheinen. Auch hier gelingt Cohen eine starke, bedrängende Symbolik: »Alles an diesem Ort war überdimensional oder aber zu klein geraten. Oben im Turm saßen sie unter dem eichenen Glockenstuhl und blickten von einem schaurigen Gefühl erfüllt in die Öffnungen der über ihnen hängenden Glocken. Die tonnenschweren Klangkörper aus Bronzeguss waren an einem Glockenjoch verschraubt, waagrechten Eichenbalken mit stählernen Lagerzapfen an den Enden. Ina war es, die es zuerst entdeckte: Knapp oberhalb des Wolms prangte ein Hakenkreuz, darüber die Inschrift Alles fürs Vaterland.«
Stimmig und tragisch authentisch ist auch eine andere Pointe. Der Berufsweg Volkharts führt ihn nach Syrien. Es geht um die Überführung eines alten Benz. »Das mit den Juden, na ja, das werden se schon noch begreifen. Das geht natürlich nicht.«Juden?»Na, den Brass, den die auf Juden haben. Palästina, Sechstagekrieg und so«, ratterte er, »ganz ehrlich: Die haben die aber auch echt abgezockt. Das heißt aber – hey, klar, sowieso – noch lange nicht, dass sie den Adolf so bejubeln sollen. Aber – das begreift ihr alle nicht – es geht denen doch auch nur um unser Ziel«, er machte eine Spannungspause, »nieder mit den Scheißkapitalisten!«»
Eine tiefere Beschäftigung mit dem Judentum ist für die Protagonisten von «Willents Brut» zu keinem Zeitpunkt eine Option. Dies, so zeigt Ute Cohen, könnte eine Ursache sein, wieso die «Brut» keinen Ausweg findet und dem Klammergriff der alten Dämonen im neuen Gewand erliegt. «Willents Brut» lässt sich somit als erschütternde Diagnose des bundesrepublikanischen Langzeit-Antisemitismus lesen.
Ute Cohen: Willents Brut. 216 Seiten, Septime Verlag, 2026. 25 Euro.