Dmitrij Kapitelman

Kitt der Diaspora

Kam 1994 im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland: Dmitrij Kapitelman Foto: Stephan Pramme

Dmitrij Kapitelman

Kitt der Diaspora

Die Liebe zur russischen Sprache nimmt im neuen Roman eine zentrale Rolle ein – der Angriff auf die Ukraine ist stets als dunkler Schatten präsent

von Eugen El  27.03.2025 11:48 Uhr

Es sei sein dunkelstes Buch, sagt Dmitrij Kapitelman, »weil es von echtem Krieg erzählt«. Russische Spezialitäten heißt es und ist der neueste Roman des 1986 in Kyjv geborenen und in Berlin lebenden Autors. Genauso nennt sich aber auch der von den Eltern des Ich-Erzählers im Roman, der übrigens starke autobiografische Züge trägt, in Leipzig betriebene Gemischtwarenladen – obwohl seine Besitzer aus der Ukraine stammen, keine Russen beschäftigen und auch kaum russische Lebensmittel führen.

Lesen Sie auch

Gerade deshalb ist der »Magasin«, was auf Russisch so viel wie »Laden« heißt, für Kapitelman »eine Miniatur für das imperialistische Verständnis Osteuropas«. Die von außen herangetragene und bisweilen auch selbst gewählte Zuordnung als »russisch« werde von der postsowjetischen Diaspora nämlich kaum hinterfragt. Der elterliche Spezialitätenladen bildet die erzählerische Klammer im ersten Teil des Romans, in dem Kapitelman allerlei verschrobene Figuren auftreten lässt, die sich in der sächsischen Fremde nach dem verlorenen Geschmack ihrer Heimat sehnen.

Leipziger Migranten-Mikrokosmos

Der »Magasin« sei einerseits »ein Ort relativer Unschuld«, erklärt Kapitelman, zugleich aber »so politisch, wie ein Ort nur sein kann«. Denn die Zeitläufte gehen auch am Leipziger Migranten-Mikrokosmos nicht spurlos vorbei. Das wird vor allem an der Mutter des Ich-Erzählers sichtbar, die sich zunehmend der russischen Propaganda ausliefert und irgendwann sogar Putins Krieg gegen die Ukraine unterstützt.

Das Buch schließt an die autobiografisch gefärbten Romane an. Neu ist seine Härte und Dringlichkeit.

Mit einem liebevollen, Humor-unterfütterten und zugleich illusionslosen Blick versucht Kapitelman anhand dieser Mutterfigur die Mechanismen der auf Desinformation basierenden Putin-Herrschaft offenzulegen, die nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaften vergiftet.

»Diese Figur ist stellvertretend für ganz viele Familien«, betont der im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« nach Deutschland eingewanderte Autor. »Dass wir uns nicht mehr auf das Grundlegendste einigen können, ist einer der Antriebe für dieses Buch«, bekennt Kapitelman und spielt damit auf das wohl selbst erlebte Abdriften enger Verwandter in russische Propagandanarrative an.

Obwohl als Roman ausgewiesen, fügt sich Russische Spezialitäten nahtlos in Dmitrij Kapitelmans autobiografisch gefärbte Trilogie der postsowjetisch-jüdischen Irrungen und Wirrungen auf deutschem Wiedergutmachungsboden ein. So war bereits sein Debütroman Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters eine zärtlich-kritische Hommage an den eigenen Vater und eine Erforschung seiner jüdischen Identität. Eine Formalie in Kiew konnte wiederum als eine skeptisch-liebevolle Annäherung an die Geburtsstadt des Autors gelesen werden. All diese Motive sind auch im jüngsten Buch anzutreffen.

Neu dagegen ist die Härte und Dringlichkeit dieses Romans: Russlands Invasion der Ukraine scheint stets als dunkler Schatten präsent – und tritt im zweiten Teil, der von einem Besuch des Ich-Erzählers im kriegsversehrten Kyjv erzählt, ungefiltert in den Vordergrund. Kapitelman zeigt darin plastisch, was der seit mehr als drei Jahren andauernde Krieg mit den Menschen in der Ukraine macht und wie er ihr Leben verstümmelt hat – wie sie aber auch trotz allem weiterleben und nicht vollends verhärten.

Dass Kapitelman das Bittere, Harte und Gewaltvolle stets mit Zärtlichkeit, Liebe und einem nicht versiegenden Humor mischt, zählt zu den großen Stärken von Russische Spezialitäten. Mit bittersüßer Komik könnte es dem Autor erneut gelingen, die Leserherzen für sich zu gewinnen. In Zeiten der fortgeschrittenen Abstumpfung und des allgemeinen Verdrusses über den Ukrainekrieg ist das sehr viel wert. »Ich habe das Groteske gebraucht, um der Realität näherzukommen«, sagt Kapitelman denn auch. Überhaupt sei es für ihn »eine Frage des Respekts« gewesen, in die Ukraine zu reisen – statt einfach nur darüber zu schreiben, ohne dort gewesen zu sein.

Ein Mutterroman und ein Muttersprachenroman

Russische Spezialitäten ist ein Mutterroman und ein Muttersprachenroman. Er liebe die russische Sprache, betont Kapitelman. Sein Russisch ist, typisch für einen im Kindesalter aus dem ursprünglichen Sprachraum Ausgewanderten, eher mündlich geprägt. Sein unzureichendes Russisch reflektiert Kapitelmans Ich-Erzähler immer wieder augenzwinkernd. Über die mitunter grob falsche Schreibweise einiger russischer Wörter stolpert der sprachkundige Leser dennoch. Doch was bringt uns korrektes Russisch, wenn es vom Kreml als Propagandawaffe missbraucht wird?

Seiner Muttersprache räumt Dmitrij Kapitelman nicht zufällig einen zentralen Platz ein: »Es ist für mich ein Akt des politischen Protests zu sagen: Ich, der ukrainische Jude, der dieses Buch schreibt, liebe die russische Sprache mehr als ihr Mörder«, betont Kapitelman.

Zugleich weiß er, dass die russische Sprache in der Diaspora zu einem Kitt für die zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Teilen der (Ex-)Sowjetunion eingewanderten Menschen geworden ist. Denn was ist Muttersprache? Sie ist der Draht zur eigenen Jugend, zu den in alle Welt zerstreuten Verwandten – das einzig Verbindende. Die Militarisierung der russischen Sprache durch Putins Regime übersieht die Diaspora oft – oder sie will sie gar nicht wahrhaben, um diesen letzten Kitt nicht zu verlieren. Auch davon handelt dieses sehr ernste, tragische, komische und gegenwärtige Buch.

Dmitrij Kapitelman: »Russische Spezialitäten«, Hanser Berlin, 2025, 192 S., 23 €

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Chicago

Heavy-Metal-Auftritt: William Shatner geht mit 95 auf die Bühne

Mit seiner Gruppe The *uckers hat der jüdische Schauspieler und Musiker auch sein erstes Album aufgenommen. Der Titel: »What the F Is Heavy Metal«

 23.07.2026

Kulturkolumne

Kampf um eine schwarze Puppe

Erinnerungen an einen gar nicht idyllischen Sommerurlaub in Österreich in den 60er-Jahren

von Maria Ossowski  23.07.2026

Literatur

Zoff im PEN-Club

Wie erwünscht sind jüdische Schriftsteller heute noch in den USA?

von Hannes Stein  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Europatournee

Bob Dylan kommt im Herbst nach Deutschland

Der jüdische Sänger und Songschreiber wird sieben deutsche Bühnen in Beschlag nehmen. Heute beginnt der Vorverkauf

 22.07.2026