Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Ich gestehe: Ich bin ein Kaffee-Junkie. Ohne Kaffee bin ich einfach nicht ich selbst – ich funktioniere nicht, bin ein trostloser Morgenstunden-Zombie. Aber schon der erste Kaffee des Tages versetzt mich in eine Art Rauschzustand. Die zweite Tasse verwandelt mich in einen Duracell-Hasen – spritzig und energiegeladen –, und nach der dritten Tasse Kaffee kann ich noch stundenlang ultra-motiviert, kompetent und hyperproduktiv wirken, obwohl ich eigentlich nur untätig auf meinem Bürostuhl klebe.

Wieso eigentlich? Was passiert da genau in meinem Körper? Ich erklär’s Ihnen – willkommen im Neuro-Kaffee-Land. Oder in der wundersamen Welt meines Gehirns mit seinen Synapsen, den Übergängen zwischen den Nervenzellen und seinen Neurotransmitter-Botenstoffen. Wie in jeder Geschichte gibt es auch hier einen Helden und einen Underdog.

Der Held: Dopamin, der Feel-Good-Botenstoff und Wachmacher. Der Gegenspieler: der Unsympathler Adenosin, der Miesmacher-Botenstoff, der ständig im Gehirn umherschwappt und versucht, es mit Müdigkeit zu fluten. Ready? Und: Action! Es geht los! Der erste Schluck Kaffee – und schon flüstert mein Gehirn: »Adenosin? Noch nie gehört …«

Denn was macht das Koffein? Es hängt sich ganz cool an ein paar Synapsen, wo die Botenstoffe normalerweise andocken, und blockiert dort erst einmal die Docks für das Müdigkeits-Adenosin. Ein bisschen wie der Nachbar, der den Parkplatz reserviert, obwohl er gar kein Auto hat. Ergebnis: Das Gehirn denkt, es sei wach! Und glaubt das so felsenfest, wie ein Politiker an die eigene Unfehlbarkeit.

Und wenn das Adenosin erst einmal aus dem Weg geräumt ist, signalisiert das den Synapsen, den roten Teppich auszurollen für Stoffe wie Dopamin und Noradrenalin, die die Herzfrequenz erhöhen und für Antrieb und gute Laune sorgen.

Irgendwann sind die Synapsen dann so richtig in Partystimmung und feuern wie wild.

Irgendwann sind die Synapsen dann so richtig in Partystimmung und feuern wie wild. Ich fühle mich fantastisch und unschlagbar! Für alle, die meinen, all das wäre ja zu gut, um wahr zu sein: Ja, ihr habt richtig getippt, denn diese Story hat kein Happy End. Natürlich hat mein total enthemmter Koffein-Konsum seine Folgen: Wer jeden Morgen seine Synapsen mit Espresso weckt, braucht irgendwann die doppelte Lautstärke. Das nennt sich »Toleranz«.

Was passiert? Der Fiesling Adenosin zieht frustriert immer neue Rezeptoren hoch, weil er überall blockiert wird – quasi ein bürokratischer Gegenschlag der Biochemie. Lässt man den Kaffee dann weg, kippt das System: Die Gefäße weiten sich, der Kopf tut weh, die Laune geht baden. Die Synapsen stehen ratlos herum wie Konzertbesucher nach einem Stromausfall. Also muss man irgendwann immer mehr Kaffee trinken, um noch irgendwie zu funktionieren.

Dass dieser koffeinlastige Lifestyle auf die Dauer nicht sehr magenfreundlich ist, hat mir leider niemand rechtzeitig gesagt. Ich entwickelte daher ein Magenleiden, musste mich einigen sehr unangenehmen Untersuchungen unterziehen und mir schließlich sagen lassen, meine Magenschleimhaut sei im Eimer. Mit exzessivem Kaffeegenuss sei nun für immer Schluss!

Ab jetzt gibt es für mich morgens nur Schwarztee und Haferschleim, und sehnsüchtig denke ich an meine epischen Koffein-Highs von ehedem. Vielleicht sollte ich es einmal mit Koffein-Pillen probieren? Oder mit Matcha, Yerba Mate oder Guayusa? Falls Sie da irgendwelche positiven Erfahrungen gemacht haben und einem armen Koffein-Wrack etwas Gutes tun wollen – Sie wissen, ja, wo Sie mich finden.

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