Kulturkolumne

Bestseller sind Zeitverschwendung

Thomas Mann in einer nachträglich kolorierten Aufnahme von 1916. Im Jahr 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Foto: picture alliance / ullstein bild - ullstein bild

Man kann Florian Illies zugutehalten, dass sich sein Buch Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary leicht liest. Trotzdem finde ich, dass ich kostbare Lebenszeit damit verschwendet habe, mich zum Ende des Thomas-Mann-Jahres auf den neuesten Stand der Sachbuch-Bestseller-Liste zu bringen.

Damit will ich nicht sagen, dass ich unter der Lektüre gelitten hätte. Dass Thomas Mann im Sommer 1933 in seinem französischen Exilort Sanary-sur-Mer in panischer Angst um die in München zurückgelassenen Tagebücher war, die er später in Kalifornien eigenhändig verbrannte, oder wie wenig Mut der Nobelpreisträger anfangs zur eindeutigen Distanzierung von den Nazis aufbrachte, weil er den ersten Band von Joseph und seine Brüder (Die Geschichten Jaakobs) unbedingt noch 1933 in Deutschland gedruckt sehen wollte, sind vielleicht für Literaturwissenschaftler alte Kamellen.

Das Dilemma zwischen Anständig-Bleiben und Gedruckt-Werden-Wollen

Doch Illies schafft es, das Dilemma zwischen Anständig-Bleiben und Gedruckt-Werden-Wollen, das der Literat erst 1936 mit seinem Bekenntnis zur Emigration auflöste, für ein breites Publikum anschaulich aufzubereiten.

Marianne Krülls psychoanalytisches Vorgehen und die Schuldzuweisungen an den Vater haben mich nicht restlos überzeugt. Doch Florian Illies plaudert mir zu viel.

Trotzdem habe ich mich nach dem Konsum von Wenn die Sonne untergeht. Familie Mann in Sanary gefühlt, als hätte ich zu viel Popcorn gegessen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch den Sound von Marianne Krülls Im Netz der Zauberer. Eine andere Geschichte der Familie Mann im Ohr hatte, ein biografisches Psychogramm, das den Suizid von Klaus Mann zum Ausgangspunkt macht. Das Buch erschien 1991, damals waren Familienaufstellungen zum Glück noch nicht sehr in Mode. Was nicht bedeutet, dass mich Krülls psychoanalytisches Vorgehen und die Schuldzuweisungen an den Vater restlos überzeugt hätten – doch Florian Illies plaudert mir zu viel.

Eine kleine Kostprobe: »Wie ist eigentlich gerade das Wetter in Sanary? Golo Mann: ›Schön‹. Heinrich Mann: ›Schön‹. René Schickele: ›Schön‹. Sybille von Schoenebeck: ›Schön‹. Lion Feuchtwanger: ›Ganz schön‹. Und was sagt Tommy, der Zauberer? ›Die Wärme scheint jetzt doch im Wachsen begriffen.‹ Wie schön.«

Und um noch ein bisschen zu nörgeln: Zu den jüdischen Wurzeln von Katia Mann, geborene Pringsheim, hat Illies – im Gegensatz zu Viola Roggenkamp in ihrer Erika-Mann-Biografie von 2005 – keine neuen Ansätze zu bieten. Pingeligerweise könnte man auch anmerken, dass die Mutter von Hedwig Dohm (Katias Großmutter) nicht jüdisch war, aber geschenkt.

Es muss ja nicht gleich der »Zauberberg« sein

Zwei lange Zugfahrten habe ich also mit dem Buch von Florian Illies verbracht. Nun frage ich mich: Warum habe ich mich in dieser Zeit nicht der Literatur gewidmet? Es muss ja nicht gleich der Zauberberg sein.

Es gibt kürzere Texte: »Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig warʼs in den giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht Eis, nicht Schnee.« Der Anfang einer Erzählung von Thomas Mann, mit der ich einiges verbinde: Aus Tonio Kröger zitierte mein Mann vor fast 18 Jahren bei einem Date, bevor er mich endlich küsste.

Oder: »Er stand vom Schreibtisch auf, von seiner kleinen, gebrechlichen Schublade, stand auf wie ein Verzweifelter und ging mit hängendem Kopf in den entgegengesetzten Winkel des Zimmers zum Ofen, der lang und schlank war wie eine Säule.« Schwere Stunde, eine Schullektüre, die Jahrzehnte im Gedächtnis bleibt.

Bevor Sie also glauben, Sie müssten unbedingt dem Hype verfallen, nur weil es alle tun: Lesen Sie lieber Thomas Mann!

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Hamburg

Art Garfunkel kommt für ein Konzert nach Deutschland

Der Vorverkauf für den Auftritt in der Elbphilharmonie am 24. Oktober hat begonnen

 14.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 14.08.2026

ESC

Stiller Boykott?

Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue umstrittene Regel

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026