Debatte

Ist Karl May rassistisch?

Ikone der 60er-Jahre: Pierre Brice als Winnetou Foto: ddp

Debatte

Ist Karl May rassistisch?

110 Jahre nach dem Tod von Karl May ist Deutschland im Bann einer Winnetou-Debatte

von Christoph Driessen  30.08.2022 16:06 Uhr

Nach der Documenta gibt es jetzt schon wieder eine Debatte, in der Kulturstaatsministerin Claudia Roth höllisch aufpassen muss, was sie sagt. Und diesmal ist sie auch noch befangen: Ihre erste Liebe sei Winnetou gewesen, gestand die Grünen-Politikerin vor Jahren in einem Interview.

Als sie im dritten Band der »Winnetou«-Trilogie seinen dramatischen Tod nachgelesen habe, sei sie »regelrecht krank« geworden. »Ich habe das ganze Bett nass geweint.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

In der derzeitigen Diskussion hat sich Roth noch nicht zu Wort gemeldet, aber dafür zum Beispiel Sigmar Gabriel. »Als Kind habe ich Karl Mays Bücher geliebt, besonders #Winnetou«, twitterte der ehemalige SPD-Chef und Bundesaußenminister. Zum Rassisten habe ihn das nicht gemacht. »Und deshalb bleibt Winnetou im Bücherregal für meine Kinder. Und den Film schauen wir uns auch an.«

Anderswo in den sozialen Netzwerken ist der Ton noch ein wenig rauer. Die Kontrahenten beschimpfen sich gegenseitig als Rassisten und »woke« Winnetou-Killer. Das Karl-May-Museum in Radebeul sprach von einer »Winnetou-Cancellation«. Dem einen oder anderen würde man mit Karl May gerne zurufen wollen: »Das Bleichgesicht hüte seine Zunge!«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Dabei ging es doch eigentlich nur um einen Kinderfilm mit dem unschuldigen Namen »Der junge Häuptling Winnetou«. Begleitend dazu wollte die Firma Ravensburger zwei Bücher auf den Markt bringen, zog diese dann aber zurück, als ihr klar wurde, »dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben«. Seitdem steht der Vorwurf der kulturellen Aneignung im Raum. Und schlimmer noch: der des Rassismus.

Unter kultureller Aneignung versteht man die Übernahme von Ausdrucksformen aus einer anderen Kultur, meist der einer Minderheit. Carmen Kwasny, die Vorsitzende der »Native American Association of Germany«, kritisiert in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur, dass »Der junge Häuptling Winnetou« zahlreiche Klischees transportiere, zum Beispiel bei den Requisiten mit Tierschädeln und Federn.

»Bei uns sieht man immer nur Tipis, Lederkleidung, Federschmuck und dieses fürchterliche Indianergeheul«, beklagt sie. »Jedesmal aufs Neue: «Woowoowoowoo!» Uns sind da Dinge passiert, dass wir Gäste hatten aus den Vereinigten Staaten, und die hatten ihre Tracht an, und Erwachsene sind an uns vorbeigelaufen mit: «Woowoowoowoo!» Das Geräusch gibt es gar nicht.«

Dass die amerikanischen Ureinwohner bei Karl May alles andere als realistisch dargestellt werden, ist unstrittig.

Dass die amerikanischen Ureinwohner bei Karl May alles andere als realistisch dargestellt werden, ist unstrittig. Das geht schon bei Winnetou selbst los: Von der Beschreibung her würde man ihn bei den bisonjagenden Sioux in den Weiten der nordamerikanischen Prärie verorten. Doch bekanntlich ist er der Häuptling der Apachen. Die aber lebten in einer ganz anderen Klimazone an der Grenze zu Mexiko.

Nun war Karl May allerdings kein Wissenschaftler, sondern ein Romanschriftsteller. Seine größte Gabe war seine Fantasie. Als einer der ersten erfand er sich als Kunstfigur neu, schuf ein mediales Ich - den mythischen Old Shatterhand, der immer wieder in den Wilden Westen reist, um dort mit seinem Blutsbruder Winnetou Abenteuer zu bestehen.

Das Publikum hing an seinen Lippen, wenn er erzählte, wie er dort neulich wieder 35.000 indianische Krieger befehligt habe - »Kriecher«, wie er als echter Sachse wohl gesagt haben dürfte. Seine Bücher waren vielleicht weniger ein Abbild Amerikas als ein Spiegel deutscher Sehnsüchte im Zeitalter der Eisenbahnen und Dampfschiffe.

»Kritik kann man an Karl May ausüben. Doch die, die diese Kritik üben, müssen diese Bücher und den Film aushalten.«

Man kann Karl May also durchaus vorwerfen, dass er Halbwahrheiten über fremde Völker verbreitete, um selbst groß rauszukommen. Aber ist das im Ergebnis so schlimm? Kultur sei letztlich immer kulturelle Aneignung, »und zwar bestimmt nie auf der Ebene der Wirklichkeit, die es ja so sowieso kaum gibt, sondern immer im Sinne der Stilisierung, der Verformung«, kommentiert der Literaturkritiker Ijoma Mangold im Micky-Beisenherz-Podcast »Apokalypse & Filterkaffee«. »Und dann kann man als nächstes diese Klischees wieder in Frage stellen.«

Als Folge von Mays märchenhaftem Erfolg - die Gesamtauflage wird heute auf 200 Millionen geschätzt - wurden die amerikanischen Ureinwohner in kaum einem anderen Land der Welt so verehrt wie in Deutschland. Der Held ganzer Generationen von Lesern - und Leserinnen - war kein Biodeutscher, sondern der Mann im cremefarbenen Fransenanzug, ein Ausländer von ganz weit weg. Das Land der Indianer war für den Durchschnittsdeutschen des Wilhelminischen Kaiserreichs fast so fern wie für heutige Medienkonsumenten die »endlosen Weiten« des Star-Trek-Universums.

»Man muss sich doch auch anschauen: Was sind die Werte, die in Karl Mays Büchern vermittelt werden?«, meint Michael Petzel, Geschäftsführer des Karl-May-Archivs in Göttingen. »Das sind Freundschaft, Gerechtigkeit, auch Widerstand gegen Unterdrückung. Friedensliebe. Ich habe oft genug mit Menschen fortgeschrittenen Alters gesprochen, die mir gesagt haben: «Karl May hat mir nicht nur ein riesiges emotionales Erlebnis vermittelt, indem ich durch ihn in eine andere Welt eingetaucht bin, sondern er hat mir ein moralisches Gerüst gegeben, das mich mein ganzes Leben begleitet hat.» Das hat mich immer schwer beeindruckt.«

Ebenso sieht es Hella Brice, die Witwe des legendären französischen Winnetou-Darstellers Pierre Brice (1929-2015). »Wäre Karl May rassistisch gewesen, hätte er Winnetou und Old Shatterhand wohl kaum Blutsbrüderschaft schließen und Seite an Seite für das Gute kämpfen lassen«, teilt die 73-Jährige der Deutschen Presse-Agentur mit. Pierres Wunsch sei es immer gewesen, den Menschen die Kultur der Indianer näher zu bringen.

Edel sei der Apache, hilfreich und gut. Doch auch ein positives Bild kann ein Stereotyp sein, das einer ganzen Bevölkerungsgruppe pauschal bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Tyrone White, ein im Rheinland lebender Indigener, wirft den Deutschen vor, dass bei ihnen nur Platz ist für die von Karl May entworfene Fantasie - die Realität werde davon komplett überlagert.

In einem interview mit dem Deutschlandfunk sagt White, die Macher von »Der junge Häuptling Winnetou« trivialisierten die Geschichte der indigenen Völker Amerikas zu Unterhaltungszwecken. »Das ermöglicht den nicht indigenen Menschen, uns weiterhin als Fantasiefiguren zu betrachten.«

Ähnlich sieht es der Ethnologe Markus Lindner: »Was hindert denn heute einen Drehbuchautor, einen Buchautor, daran, fiktionale Bücher oder Filme zu machen, bei denen sorgfältig recherchiert wird?«, fragt der Wissenschaftler im Deutschlandfunk Kultur. Das gelte ja auch für jeden Krimiautor.

Ach du lieber Manitu - wie kommt man da nur wieder raus? Der Autor Hasnain Kazim - kein Winnetou-Fan, wie er betont - empfiehlt folgende Linie: »Kritik kann man an den Büchern, an «Winnetou», an dem Wort «Indianer», an Karl May ausüben. Doch die, die diese Kritik üben, müssen diese Bücher und den Film aushalten.«

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Hollywood

Scarlett Johansson: Rollen für Frauen heute besser

Wenn sie auf ihre Zwanziger zurückblickt, spricht die jüdische Schauspielerin von einer harten Zeit. Frauen hätten viel weniger interessante Rollenangebote bekommen als heute. Was ihr Ausweg war

 14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026