Kunstbiennale von Venedig

»Diskriminierung offenbar beendet«

Die internationale Jury der Kunstbiennale von Venedig - einer der weltweit wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst - hat wenige Tage vor Beginn der Ausstellung in der italienischen Lagunenstadt geschlossen ihren Rücktritt erklärt. Wegen der Beteiligung Russlands an der Biennale trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine gibt es seit Monaten Streit. Zudem geriet die Jury vergangene Woche in die Kritik, weil sie Russland und Israel von der Vergabe der Biennale-Preise ausschloss.

Der israelische Bildhauer Belu-Simion Fainaru, der den israelischen Pavillon in Venedig bespielt, sagte der Jüdischen Allgemeinen am Donnerstagabend, nachdem der Rücktritt der Jury bekannt wurde: »Ich werde mich erneut mit dem Präsidenten der Biennale treffen und ihm dafür danken, dass er die Diskriminierung offenbar beendet hat – und dass ich wie die anderen Künstler im Wettbewerb behandelt werde.«

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Die Ungleichbehandlung habe ihn emotional sehr verletzt, betonte Fainaru, der 1959 als Sohn von Schoa-Überlebenden in Rumänien geboren wurde, als Kind nach Israel kam und heute Professor an der Universität von Haifa, weiter in dem Gespräch. Er habe nicht geglaubt, dass ihm derartiges mehr als 80 Jahre nach der Verfolgung seiner Eltern durch die Nationalsozialisten widerfahren könne: »Ich möchte davor warnen und dagegen kämpfen.«

Belu-Simion Fainarus Installation dreht sich um das Motiv des Gedichts »Psalm« im Gedichtband »Die Niemandsrose« von Paul Celan

Belu-Simion Fainarus Installation dreht sich um das Motiv des Gedichts »Psalm« im Gedichtband Die Niemandsrose von Paul Celan und verwendet auch schwarzes Wasser in Anspielung auf das berühmte Poem »Todesfuge« des Lyrikers und die darin enthaltene Metapher der schwarzen Milch. Auch in früheren Ausstellungen hatte sich Fainaru mit Gedichten von Celan auseinandergesetzt.

In einer Erklärung teilte der Künstler am Donnerstagabend mit, für ihn sei Kunst» ein Raum für Dialog und Kommunikation - ein Ort, wo Unterschiede aufeinandertreffen und Verständigung möglich ist. Als Künstler bin ich der Inklusion verpflichtet und dem Auftrag, Menschen durch Kunst zusammenzubringen«. Er lehne »jede Art von Ausschluss oder Diskriminierung ab, ob politisch oder rassistisch«. Mehr als 30 Jahre habe er kontinuierlich daran gearbeitet, jüdische und arabische Künstler zusammenzubringen, unterstrich Belu-Simion Fainaru. Die Essenz von Kunst sei es, über die Politik hinauszureichen und als Brücke zwischen Kulturen zu dienen, nicht als Werkzeug der Spaltung.

Statt der üblichen Preise soll es nur zwei »Leoni dei Visitatori« (»Besucherlöwen«) geben. Dabei werden dann auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl stehen.

Die Erklärung der Biennale-Jury wurde von deren fünf Mitgliedern gemeinsam veröffentlicht. Unterzeichnet ist sie von deren Präsidentin Oliveira Farks, einer Kunsthistorikerin aus Brasilien, sowie Zoe Butt, Elvira Dyangani Ose, Marta Kuzma und Giovanna Zapperi. Eine nähere Begründung lieferte die Jury nicht. Offiziell eröffnet wird die sechsmonatige Ausstellung am Samstag nächster Woche. Zuvor sind die Pavillons, die von Künstlern aus verschiedenen Nationen gestaltet werden, bereits für die Fachwelt zu besichtigen.

Die italienische Regierung hatte am Dienstag sogenannte Inspektoren nach Venedig geschickt

Unklar war zunächst, ob die Jury zum Rücktritt gedrängt wurde. Die italienische Regierung hatte am Dienstag sogenannte Inspektoren nach Venedig geschickt. Zuvor schon hatten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Kulturminister Allesandro Giuli angekündigt, dass sie wegen der Beteiligung Russlands der Eröffnung fernbleiben. Meloni sagte zum Rücktritt der Jury: »Ich weiß nicht, ob dies mit der Entsendung der Inspektoren zusammenhängt. Was die Dynamik dieser Angelegenheit angeht, habe ich den Überblick etwas verloren.«

Nach dem Rücktritt der Jury kündigte die Biennale-Leitung an, die Goldenen Löwen nun erst am letzten Ausstellungstag im November zu vergeben. Statt der üblichen Preise soll es nur zwei »Leoni dei Visitatori« (»Besucherlöwen«) geben. Dabei werden dann auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl stehen. Israels Außenminister Gideon Saar begrüßte dies. »Die Botschaft ist klar: In der Kulturwelt ist kein Platz für Politik, Boykotte oder Antisemitismus.«

Vergangene Woche hatte die Jury mitgeteilt, dass bei der Preisvergabe keine Länder berücksichtigt würden, deren Staats- oder Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) mit Vorwürfen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit konfrontiert sind. Damit wären Russland und Israel wegen der Haftbefehle gegen Kremlchef Wladimir Putin und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ausgeschlossen gewesen.

Russland war seit Beginn seines Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 in Venedig nicht mehr dabei. In diesem Jahr soll der russische Pavillon nun von Künstlern gestaltet werden, die in Verbindung mit der Regierung gebracht werden. Die Entscheidung ist international sehr umstritten. Die EU droht deshalb mit der Streichung von Zuschüssen in Millionenhöhe.

Russland sieht die erste Teilnahme an der Biennale seit Beginn seines Angriffskriegs als Ende seiner kulturellen Isolation im Westen.

Russland sieht die erste Teilnahme an der Biennale seit Beginn seines Angriffskriegs als Ende seiner kulturellen Isolation im Westen. Noch 2022 warfen die russischen Künstler in Venedig aus Protest gegen den Krieg hin. 2024 überließ der russische Staat seinen Pavillon aus Zarenzeiten dem Land Bolivien. Im fünften Kriegsjahr ist die Zurückhaltung gefallen.

Am Start sind aber keine unabhängigen Künstler, die in ihrer Heimat oft Zensur und strafrechtliche Verfolgung fürchten müssen. Verantwortlich ist vielmehr die Kuratorin Anastassija Kornejewa mit einem Musik- und Performanceprojekt. Kornejewa ist Tochter eines Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals. In Moskau leitet sie mit Jekaterina Winokurowa, Tochter von Außenminister Sergej Lawrow, eine Galerie für moderne Kunst.

Für die Ukraine und andere Russland-Kritiker ist die Kulturoffensive Teil von Moskaus hybrider Kriegsführung. Tatsächlich meinte der Museumsdirektor der Eremitage in St. Petersburg, Michail Piotrowski, einmal, russische Ausstellungen im Ausland seien eine »Art der Spezialoperation«. So wird der Krieg gegen die Ukraine in Russland offiziell genannt.

In Venedig sind nächste Woche auch mehrere Demonstrationen geplant: Am Freitag soll gegen Israel protestiert werden, am Samstag gegen Russland. (mit dpa)

Lesen Sie bald das ausführliche Interview mit dem Künstler.

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