Sozialwissenschaft

Israel hat es schwer in Mainz

An der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz wird es vorerst keine Israel-Professur geben. Foto: dpa

Vorerst wird es an der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) in Mainz keine Israel-Professur geben. Das erste Auswahlverfahren zur Besetzung einer neuen Professur »Soziologie der Ethnizität und Migration mit dem Schwerpunkt Israel/Naher Osten« wurde kurz vor Fastnacht beendet, ohne dass eine der vier Kandidatinnen berufen wurde.

Vor knapp zwei Jahren hatte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer auf einer Konferenz zu »50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen« publikumswirksam angekündigt, das Land stelle Haushaltsmittel für eine W3-Professur zur Verfügung.

berufungsverfahren Von den jüngsten Entwicklungen zeigt sich Dreyer überrascht. »Ich bedaure sehr, dass es noch nicht gelungen ist, eine Professur einzurichten, und hoffe, dass das zweite Berufungsverfahren erfolgreich sein wird«, sagt die SPD-Politikerin der Jüdischen Allgemeinen.

Nach Dreyers ursprünglichem Plan sollte die Stelle bei der Studienstelle Israel am Fachbereich Politik angesiedelt werden. Es sollte ein »wichtiger Beitrag zur Verstetigung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung« mit Israel werden. Doch Dreyers Ankündigung löste nur bei der damaligen Studienstelle Israel, deren Arbeit aufgewertet worden wäre, Freude aus, berichten Insider. Große Teile der Beschäftigten am Institut für Politikwissenschaft hätten kein Interesse an der Professur gezeigt.

Verständlich, findet der emeritierte Historiker Michael Wolffsohn, der als auswärtiges Mitglied zur Berufungskommission gehörte. »In bester Absicht, aber total unprofessionell wollte die Landesregierung der Universität eine Professur aufpfropfen. Bevor man jemanden beschenkt, was sehr begrüßenswert ist, sollte man wissen, wen man wie beschenkt.«

Von den Politologen war die Stelle an die Soziologen weitergereicht worden, doch deren Berufungsverfahren ist jetzt erst einmal gescheitert. »Wie die Uni nun weiter verfährt, ist unklar«, sagt Micha Brumlik, emeritierter Erziehungswissenschaftler und Publizist, der das Verfahren mit Interesse beobachtet. »Eine Neuausschreibung wäre ebenso möglich wie ein komplettes Versandenlassen.«

qualitätskriterien Letztere Möglichkeit bestreitet die Universität; die Besetzung werde »selbstverständlich mit Nachdruck weiter verfolgt«, teilt die Gutenberg-Universität der Jüdischen Allgemeinen mit. »Der JGU ist eine qualitätsvolle Besetzung der in Rede stehenden Professur sehr wichtig«, leider sei jedoch kein Kandidat gefunden worden, der den Qualitätskriterien entspricht.

Michael Wolffsohn teilt diese Ansicht. »Die Bewerberlage war nicht gut genug«, sagt er. »Nur eine der vier zum Vortrag eingeladenen Kandidatinnen wäre im Prinzip berufbar gewesen.« Die Schaffung einer Israelprofessur nennt Wolffsohn eine »gute Idee«. Wichtig wäre, nun zu schauen, wie sie vernünftig realisiert werden kann.

Dass das bald geschieht, versichert auch das Mainzer Wissenschaftsministerium. Gerüchte, die Professur werde nicht weiterverfolgt, träfen nicht zu, sagt ein Sprecher. »Landesregierung und Universität Mainz halten an ihrer Absicht fest, die Professur einzurichten, um die Kompetenz der Universität Mainz in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Region Israel/ Nahost zu stärken.«

Aus Unikreisen wurde berichtet, dass bei den Anhörungen im Berufungsverfahren kaum Fragen zur Israelforschung gestellt wurden. Öfter hingegen sollen aber die Bewerber nach ihrer Einstellung zur BDS-Bewegung befragt worden sein. Teile dieser antiisraelischen Strömung fordern auch den Boykott israelischer Universitäten. Ein Mitglied der Berufungskommission, der Geografieprofessor Günter Meyer, soll BDS-nahe Positionen vertreten haben.

antisemitismen Diese Informationen kann Michael Wolffsohn nicht bestätigen. »Der Fall eignet sich nicht für eine Skandalisierung«, lautet sein bisheriges Fazit. Es sei falsch, »nach eventuellen Antisemitismen oder Antiisraelismen zu suchen, die es hier definitiv nicht gab. Mit Sicherheit nicht in der Berufungskommission. Die kenne ich, die anderen Uni-Akteure kenne ich nicht.« Günter Meyer soll nach Informationen dieser Zeitung künftig nicht mehr der Berufungskommission angehören.

Einigkeit bei Akteuren und Beobachtern besteht immerhin in dem Befund, dass der vorläufig gescheiterte Versuch, eine Professur einzurichten, die Autorität der Ministerpräsidentin beschädigt. Micha Brumlik sieht Dreyer »gründlich blamiert«, er spricht von einem »bildungspolitischen Skandal« und urteilt: »Bei allem Respekt, das lässt die Ministerpräsidentin schlecht aussehen.«

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Gesangswettbewerb

Hat neue ESC-Vorschrift Auswirkungen auf drohenden Israel-Boykott?

Diese Debatte lässt den Eurovision Song Contest nicht los: Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue Regel - sorgt diese nun für Ruhe?

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026