Musik

»Improvisation ist wie Fliegen«

»Klezmer kommt aus dem Herzen«: Marina Baranova Foto: Stephan Pramme

Frau Baranova, Sie sagen gelegentlich, Sie seien »als Musikerin geboren«. Wie geht das?
Meine Eltern sind Berufsmusiker. Sie unterrichten beide, bis heute. Wir hatten in der Ukraine, bevor wir nach München kamen, keine große Wohnung, doch in jedem Zimmer stand ein Klavier. In einem Zimmer hat mein Vater Jazz unterrichtet, und in einem anderen haben meine Mutter und mein acht Jahre älterer Bruder gespielt. 24 Stunden pro Tag war Musik angesagt. Als Kind war ich überzeugt, dass alle Menschen auf der Welt Musiker sind.

Von Ihren Eltern haben Sie vor allem Improvisation gelernt.
Mein Vater hatte eine Methode entwickelt, um Kindern Jazz und das Improvisieren beizubringen. Normalerweise bekommen Kinder Unterricht in Klassik oder Pop, aber sie lernen nicht, nach Gehör zu spielen oder frei mit dem Instrument umzugehen. Das Ergebnis ist, dass, wenn man klassischen Musikern ihre Noten wegnimmt, sie völlig ratlos sind. Ich habe diese Erfahrung in Israel gemacht. Giora Feidman veranstaltet jedes Jahr ein Festival in Safed. Es gibt zehn Tage Workshops und dann ein viertägiges Festival, Open Air, große Bühne. Ich habe dort unterrichtet und festgestellt, dass klassische Musiker, auch wenn sie noch so großartig sind, nicht ohne Vorlagen spielen können. Einige junge Interpreten haben sogar losgeweint, als sie das feststellen mussten. Nach einer Woche haben wir ihnen beibringen können, wie es geht. Das war der Moment, in dem sie feststellten, dass sie quasi fliegen konnten – und dann wollten sie nicht mehr damit aufhören. Das zu beobachten, ist wirklich der Wahnsinn.

Sie haben dabei mit Klezmer gearbeitet.
Wir haben Klezmer als Vorlage genommen, weil die Tonleitern sehr einfach sind. Wir haben gesagt: Diese Töne könnt ihr benutzen, und es wird gut klingen. Als Ausgangspunkt ist Klezmer ganz praktisch. Jazz ist wirklich viel komplexer.

Das klingt sehr pragmatisch. Ist das Ihr Verhältnis zu Klezmer?
Also, ich bin Jüdin. Und Klezmer ist osteuropäische Judenmusik. Wir haben zu Hause viel gesungen, darunter waren auch jiddische Lieder und Klezmer. Wenn man Jude ist, muss man zwar nicht automatisch Klezmer spielen. Denn auch die Melodien von Schubert zum Beispiel berühren uns ganz unmittelbar, wegen ihrer Einfachheit. Doch mich interessiert die Frage, was passiert, wenn man als Vorlage etwas Einfaches, etwas aus dem Herzen Kommendes nimmt und bearbeitet. Klezmer gefällt mir, weil er diese Einfachheit in sich trägt.

Sie betonen, dass Sie Jüdin sind. Was bedeutet das für Sie?
Mein Urgroßvater war Rabbiner. Meine Eltern sind Juden, aber das hat nichts mit Religion zu tun. Was Religion anbelangt, hat mich erst sehr viel später interessiert. Nicht nur, was es bedeutet, osteuropäische Jüdin zu sein und diese Erziehung zu bekommen, sondern auch die religiösen Aspekte. Wobei ich glaube, dass das bei Musikern nicht funktioniert, das mit der Religion. Man bleibt einfach nur Musiker.

Und die Schoa?
Ich weiß wenig über die Schoa in meiner Heimatstadt Charkiw, über Drobitzki Jar, wo die dortigen Juden ermordet wurden. Darüber hat zu Hause niemand gesprochen. Meine Großeltern sind am Leben geblieben. Ich habe nachgefragt, aber keiner wollte reden. Wir wissen ja, dass die Überlebenden sehr ungern über diese Zeit reden.

Kann man Musik über den Holocaust machen?
Ich habe 2005 bei einem NDR-Musikprojekt mitgemacht: Titel »50 Jahre Auschwitz. Reden ist verboten, Schweigen unmöglich«. Das waren Texte von Auschwitz-Überlebenden. Wir mussten uns zunächst mit den Texten beschäftigen und konnten daraufhin drei Wochen nicht mehr richtig schlafen. Von diesen Texten kann man sich nicht distanzieren. Irgendwann mussten wir uns dann entscheiden, wann zwischen den Texten Musik gemacht wird und vor allem welche. Doch zu diesen Texten passte nichts, also haben wir Free Jazz gespielt. Da kann man nur schreien. Immerhin hatte ich vorher Bescheid gesagt, dass ich einen Flügel brauche, der für Free Jazz zu gebrauchen ist. Den habe ich bei dem Konzert regelrecht demoliert. Ansonsten war die Veranstaltung erfolgreich.

Sie haben mit Giora Feidman gespielt. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ich habe mit dem Klarinettisten Helmut Eisel zusammen eine CD gemacht, bei der Klassik und Klezmer gemischt und mit Improvisationen verwoben wurden. Giora Feidman fand dieses Album interessant und hat uns nach Safed eingeladen, um dort zu unterrichten und beim Festival zu spielen. Später haben Giora und ich bei einem Konzert im Wiener Konzerthaus Schubert-Lieder und Klezmer zusammengebracht. Mit Giora gemeinsam auf der Bühne zu sein, ist eine unglaubliche Bereicherung. Man ist urplötzlich ein anderer Mensch. Er spricht immer gleich das Wesentliche an. Er spielt sich ohne Umwege direkt in das Herz. Er spricht das Wir-Gefühl an. Das ist auch mein Ziel. Ich spüre dieses Wir sehr stark. Feidman schafft es unmittelbar, dass die Leute im Saal anfangen, zu weinen und zu singen. Das ist schon eine starke Botschaft.

Auf Ihrer neuen CD »Firebird« spielen Sie mit dem türkischen Perkussionisten Murat Coskun. Wie kam es dazu?
Murat und ich hatten uns schon vor ein paar Jahren bei der Feidman-CD kennengelernt, und dabei entstand die Idee zur Zusammenarbeit. Parallel dazu habe ich entdeckt, dass ich nicht nur improvisieren, sondern auch komponieren kann. Es war Giora, der sagte: Schreib deine Improvisationen auf. Er hat diese Neigung in mir entdeckt. Ich bin eine klassisch ausgebildete Pianistin. Wenn irgendetwas auf dem Notenblatt steht, dann spiele ich es genauso herunter. So wurden wir ausgebildet. Also musste ich erst einen Umweg finden, um meine Improvisationen zu markieren. Meine Notenblätter sehen entsprechend chaotisch aus, sodass nur ich sie lesen kann. Die improvisierten Passagen sind nicht notiert, sondern tauchen als leere weiße Stellen auf.

In welche Schublade steckt Sie der Musikmarkt?
Klassik ist meine Heimat, und ich werde klassische Stücke immer so spielen, wie sie komponiert wurden. Aber es ist dennoch an der Zeit, die Genregrenzen durchlässiger zu machen. Der Purismus von früher entspricht nicht mehr dem Zeitgeist. Das ist wie mit meiner Identität: In der Ukraine wurde ich immer als Jüdin gesehen, in Deutschland betrachtet man mich als Russin und in Israel als Deutsche.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

Marina Baranova wurde 1981 in Charkiw geboren. Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, mit fünf wurde sie am Musikgymnasium aufgenommen, mit elf Jahren gewann sie ihren ersten von inzwischen acht Klavierpreisen. 20o0 bis 2008 studierte sie bei Vladimir Krajnev in Hannover. Marina Baranova tritt nicht nur als klassische Interpretin weltweit auf renommierten Bühnen und bei Festivals auf, sondern spielt auch Neue Musik, Free Jazz und Klezmer, wobei ihr besonderes Augenmerk der Improvisation gilt.

www.marina-baranova.com

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