Kulturkolumne

Immer diese verflixten Zahlen

Foto: Getty Images/iStockphoto

Eine Dorfschule im alten Russland. Der Lehrer fragt streng: »Was geschah 1799?« Die Kinder schweigen, sind ratlos. »Das ist das Geburtsjahr von Puschkin, ihr Dummköpfe!«, schreit der Schulmeister. Und als er sich beruhigt hat: »Aber was 1812 los war, das wisst ihr doch hoffentlich?« Alle Schüler schauen betreten, niemand antwortet, bis endlich Mendele sich schüchtern aus der letzten Reihe meldet. »Puschkins Barmizwa?«

Das ist der Lieblingswitz des Geigers Itzhak Perlman – und mittlerweile auch meiner. Trockene Zahlen als Gedenktage oder als Meilensteine der Geschichte sind mir zu abstrakt. Hildegard Knef hat es knackiger formuliert: »Als der liebe Jott die Zahlen schuf, war icke nich dabei.«

Abgenutzte Eselsbrücken

Peinlich, aber für weit entfernte Daten historischer Ereignisse überquere ich manchmal abgenutzte Eselsbrücken, die man allein ihrer Plumpheit wegen nicht vergisst. »333 bei Issos Keilerei«. Sorry, so beschämend wie: »Vier sieben sechs, Rom war ex.« Besonders scheußlich: »Eins vier neun zwei: Amerika schlüpft aus dem Ei.« Alles eine halbe Ewigkeit her, daher schwer zu merken. Kurt Tucholsky hatte festgestellt, dass den Menschen höchstens interessiert, was die Welt 40 Jahre vor seiner Geburt bewegte. Der Rest sei ihm egal. Überspitzt formuliert? Er hatte recht.

Ausnahmen bilden große biblische Erzählungen. Die laut Überlieferung an historische Ereignisse gebundenen Feste Pessach, Sukkot und Chanukka überdauern die Zeiten, ebenso in der christlichen Kultur die Geburt Jesu vor 2025 Jahren. Sonst nehmen politische und historische Daten erst dann im Gedächtnis Platz, wenn wir sie nachfühlen und mit eigenen Geschichten formen können. Geschichten, die uns bewegen.

Ob zwei Weltkriege, die Pogromnacht oder die Befreiung von Auschwitz: Die Daten kennen wir, obwohl alles vor unserer Geburt passiert ist. Unsere Eltern oder Großeltern haben gelitten. Wir spüren die historischen und persönlichen Auswirkungen noch heute.

Geschichtsträchtige Ereignisse

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts rücken dann geschichtsträchtige Ereignisse als Zahlen noch näher, logisch, weil viele sie miterlebt haben. Die erste Erinnerung an mein kleines Ich war ein Urlaubstag in Österreich, der 13. August 1961. Meine Eltern wussten nicht, ob sie zurückkehren konnten nach Berlin. Ich war verzweifelt. Den Mauerbau verstand ich nicht. Aber was sollte zu Hause aus meiner Puppenschule werden, wenn wir in Tirol bleiben müssen?

Am 11. September 2001 fuhr ich mittags mit zwei New Yorker Architekten zu einem Symposium über den eisig-kahlen Julierpass in den Alpen.

Die Älteren von uns wissen genau, wie erschüttert sie im November 1963 auf John F. Kennedys Ermordung reagiert haben. Die Jubelnacht des Mauerfalls 1989, wer entsinnt sie nicht? Und schließlich die drei jüngeren Daten aus dem 21. Jahrhundert. Sie sind in unser aller Gedächtnis eingefroren. Für mich symbolisieren diese Zahlen die Kälte unserer Zeit.

Am 11. September 2001 fuhr ich mittags mit zwei New Yorker Architekten zu einem Symposium über den eisig-kahlen Julierpass in den Alpen, als der Sprecher im Schweizer Radio von Flugzeugen in den Türmen des World Trade Center berichtete. Auch die Nacht des russischen Angriffs auf die Ukraine bleibt. 24. Februar 2022. Wir fuhren die folgenden Wochen täglich zum Hauptbahnhof, um Geflüchteten zu helfen.

Und schließlich der 7. Oktober 2023. Der grauenvolle schwarze Samstag. Unerträglich, diesen Tag zu erinnern, unmöglich, es nicht zu tun. Alle drei Daten werden auch kommende Generationen beschäftigen, und für alle drei gilt ein weiser Gedanke von Michel de Montaigne: Nichts hält etwas intensiver in der Erinnerung fest, als der Wunsch, es zu vergessen.

Leipzig

Hotelmitarbeiter: Gil Ofarim inszeniert sich wie ein Opfer

Vor vier Jahren warf der Musiker dem Hotelmitarbeiter Markus W. vor, ihn aus antisemitischen Gründen nicht einchecken lassen zu haben. Die Vorwürfe waren erfunden. Nun äußert sich der Mitarbeiter erstmals

 10.02.2026

Naturschutz

Ein Zuhause für Meeresschildkröten

Aus einer Notfallklinik in Containern wird ein nationales Zentrum mit weltweit einzigartiger Zuchtstation

von Sabine Brandes  09.02.2026

Literatur

Als nichts mehr normal schien

Ein Auszug aus dem neuen Roman »Balagan« von Mirna Funk, der im Jahr 2024 in Berlin und Tel Aviv spielt

von Mirna Funk  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026