Kino

Im Bett mit dem Feind

Bahia (Sara Forestier) provoziert gern: Szene aus »Der Name der Leute« Foto: x-verleih

Er heißt Arthur Martin wie Tausende Franzosen. Und so durchschnittlich wie sein Name erscheint zunächst auch sein Auftreten. Der Endvierziger ist Experte für Vogelseuchen und kann besser mit toten Wildvögeln als mit Menschen. Ins Fernsehen lädt man den korrekten Monsieur Martin gerne ein, wenn es darum geht, vor der Vogelgrippe zu warnen.

sex Bahia dagegen klingt brasilianisch und feurig. So sieht sie auch aus, die junge Frau, die plötzlich in das Fernsehstudio stürmt und Arthur lautstark auffordert, er möge doch bitte aufhören, alle Welt mit seinen toten Viechern zu verunsichern. Als Nächstes müsse man sich wohl wieder vor infizierten Kühen, Kühen ganz allgemein und wenn man schon dabei sei, wohl auch vor Ausländern und Einwanderern fürchten. Kurz: Für Bahia ist Arthur das, was vermeintlich die meisten Männer sind: ein Faschist.

Doch schon fünf Minuten später trinken beide einen Kaffee und Bahia bietet Jacques an, mit ihr zu schlafen. Denn die junge Frau steht auf Sex mit politischen Feinden. Nur im Bett, glaubt sie, könne man den politisch Andersdenkenden wirklich beeinflussen. Der völlig verdutzte Single Arthur passt allerdings nicht so recht ins Beuteschema, denn er wählt immer die Sozialisten. Er ist auch nicht so durch und durch Franzose, wie es scheint. Seine Mutter ist Jüdin, sie wurde als Kind versteckt, während ihre Eltern in Auschwitz ums Leben kamen. Aber alles Jüdische, der Holocaust, die Lager, die Gaskammern sind ein großes Tabu im Hause Martin.

In Michel Leclercs turbulenter politischer Beziehungskomödie Der Name der Leute prallen zwei total gegensätzliche Charaktere aufeinander, die nur eine einzige Gemeinsamkeit haben: Ihr Name verrät wenig über ihre Herkunft. Denn auch Bahias brasilianischer Vorname täuscht. Zwar hat sie weiße Haut, schwarze, lockige Haare und blaue Augen. Aber sie heißt mit Nachnamen Benmahmoud, ist Tochter eines Algeriers und einer Französin.

familiengeheimnisse Auch in Bahias Familie existieren Tabus. Ihr algerischer Vater spricht nie über die Gräueltaten der Franzosen, die in seinem Heimatdorf viele seiner engsten Angehörigen ermordeten. Im Gegenteil, er liebt Frankreich und ist der freundlichste, hilfsbereiteste Mann, den man sich nur vorstellen kann. Nur dem Klavierlehrer, der einst der kleinen Bahia Piano beibringen sollte, hätte er gerne etwas angetan, weil der mit seiner Tochter ganz andere perverse Spiele im Sinn hatte. Aber darüber wird nie geredet im Hause Benmahmoud. Auch hier vertuscht man lieber das Geschehene.

Mit Witz, Ironie und hohem Tempo wagt sich Michel Leclerc an schwere Themen: Politik, sexueller Missbrauch, die Frage nach der eigenen Herkunft und Identität. Der Regisseur, dessen eigene Mutter auch Jüdin ist, dies aber, wie bei Arthur Martin, nie thematisierte, hat ein leidenschaftliches Plädoyer für das Miteinander und gegen Gemeinschaftsideologien gedreht, die andere wegen ihrer Herkunft ausgrenzen.

Doch nie wirkt der Film belehrend oder propagandistisch. Er ist mit gelungen leichter Hand inszeniert. Hinreißend zum Beispiel eine Rückblende, in der man sieht, wie in beiden Familien beim Fernsehen ständig vor und zurück gezappt wird, weil nur Sendungen über den Holocaust oder Kindesmissbrauch laufen. Wenn man sich immer mal wieder an Woody Allen erinnert fühlt, so ist das von Michel Leclerc durchaus beabsichtigt.

preisgekrönt Dabei ist der Film nicht gerade konventionell gedreht. Die Handlung springt hin und her, ist alles andere als linear erzählt. Dass man als Zuschauer dennoch gut folgen kann, liegt an dem Humor, den Dialogen und den herausragenden Darstellern. Jacques Gamblin (in Deutschland zuletzt als Vater in C’est la vie zu sehen) gehört schon seit Jahren in Frankreich zu den beliebtesten Schauspielern.

In Der Name der Leute wirkt er als Arthur zunächst korrekt und steif, zeigt kaum Gefühlsregungen. Dennoch spürt man das Brodeln in ihm, vermittelt mit sparsamster Mimik. Völlig extrovertiert dagegen spielt die 24-jährige Sara Forestier die Bahia mit einer sexuell aufreizenden und auch naiven Komik. Verdientermaßen hat sie dafür den französischen Filmpreis César als beste Hauptdarstellerin erhalten. Auch Michel Leclerc wurde mit einem César ausgezeichnet, für das beste Drehbuch. Das schrieb er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Baya Kasmi, die, wie die Bahia im Film, halb Algerierin, halb Französin ist. In Frankreich war der Film dank Mundpropaganda ein Überraschungserfolg und begeisterte 800.000 Zuschauer.

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