Filmstart »Die Fotografin«

»Ich liebe es, Schoa-Leugnern zu begegnen«

Herr Penrose, wie fühlt es sich an, wenn Kate Winslet die eigene Mutter spielt?
Fantastisch. Aber dieser Film ist vor allem das Ergebnis von immens harter Arbeit. Kate kam buchstäblich wochenlang ins Archiv und arbeitete still und leise vor sich hin. Sie hat sich alles angesehen, interessierte sich aber mehr für das geschriebene Wort. Sie hat ihr Wesen aufgesogen, es war wie eine Osmose.

Und wie nahe ist Kate Winslet Ihrer Mutter gekommen?
Der Schock kam, als ich den Rohschnitt sah, die Sequenzen, als Kate meine alte Mutter spielt. Die Art, wie sie sich bewegte, die heisere Stimme, diese schlechte Laune - ich dachte, sie ist echt. Das ist meine Mum. Nein, ist sie nicht. Das kann sie nicht sein. Das ist ein Film. Nein. Das ist sie. Ich hatte einen irren Dialog im Kopf. Kate hat die kleinen Gesten, den Tonfall, die Art zu sprechen und den Akzent perfekt eingefangen.

Sie hat auch am Drehbuch mitgearbeitet?
Wir haben neun Jahre daran gesessen. Kate war sehr involviert. Sie hat sich gekümmert, es durch alle möglichen Schwierigkeiten getragen. Alles musste so authentisch wie möglich sein. Die Drehbuchautorin Marion Hume und ich haben Dachau besucht, München, Berchtesgaden, alle möglichen Orte, an denen Lee gewesen war. Wir waren am Prinzregentenplatz, in Hitlers Wohnung, in die heute niemand mehr reinkommt ...

Die existiert noch?
Es ist eine Zentrale der Münchner Polizei.

Gute Güte! Und gibt es das Badezimmer noch, wo Lees berühmtes Foto in Hitlers Badewanne entstanden ist?
Es ist jetzt der Umkleideraum. Voller Warnwesten und Stiefel. Wir hatten den Bauplan und wussten genau, wo es lag.

Wie war es, Dachau zu sehen?
Gabriele Hammermann, die Kuratorin, empfing uns und hat uns alles gezeigt. Wir haben uns jedes Detail angesehen. Etwas, das wir zweifelsfrei beweisen wollten, war, ob Lee ganz sicher am 30. April dort war, dem ersten Tag nach der Befreiung in der Nacht. Bei Tagesanbruch sollen Lee und ihr Kollege David Sherman hineingegangen sein. Wir mussten beweisen, dass es dieser Tag war - aber wie? Auf den Bildern war kein Schnee zu sehen. Auf dem Foto, das sie am nächsten Tag in München aus dem Fenster von Hitlers Wohnung aufnahm, aber schon. Und auf den Bildern der anderen Fotografen, die Dachau fotografiert haben, liegt Schnee. Wir brauchten also einen Wetterbericht. Die Kuratorin hatte auch keinen, aber sie holte einen alten Herren herein, Abba Naor, einen Überlebenden, und stellte ihn uns vor. Er war in der Nacht des 30. April nach Dachau gekommen und konnte uns bestätigen, dass es erst in der Nacht zum 1. Mai geschneit hat. Lee war also vor dem Schnee da gewesen. Wir hatten einen Zeugen. Diese Art Mühe haben wir uns gemacht.

Damit es authentisch ist.
Das war der Grund, warum Lees Bilder so erdrückend schrecklich sind. Niemand hatte aufgeräumt.

Für mich ist eine der eindringlichsten Szenen, als Lee und Sherman vor dem Lager vor einem Waggon stehen, in dem Tote liegen, und Sherman den Kopf dreht und sieht, dass es endlos viele Waggons sind ...
Und gegenüber spielen Kinder ... Das zeigt, wie wenig die Einheimischen von dem, was dort vor sich ging, wissen wollten. Ich meine, wie kann man seine Kinder da spielen lassen? Und wenn man es heute sieht, wenn man am realen Ort ist, an den Gleisen, sieht man, dass auf beiden Seiten diese schönen Häuser stehen. Lee sagte, es sei keine Frage gewesen, dass die Zivilisten wussten, was dort passierte, weil die Villen auf die Bahngleise blickten, wo die Züge ankamen.

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Der US-Fotograf David Sherman (großartig gespielt von Comedian Andy Samberg) und Lee Miller waren damals als Team unterwegs. Auch von ihm gibt es ein Foto in Hitlers Badewanne. Anders als Miller hat er versucht, lustig zu sein, Grimassen geschnitten …
So war er. Sherman war New Yorker Jude, er hatte diesen schlagfertigen Humor, er konnte die ganze Zeit herumalbern. Das hat ihm auch bei der Arbeit geholfen. Er holte eine Flöte heraus, spielte eine Melodie, alle waren entspannt, und dann konnte er die Aufnahmen machen, die er wollte.

Sie haben ihn getroffen?
Ich kannte ihn wirklich gut.

Und auch er hat nie darüber gesprochen, woher er Ihre Mutter kannte?
Das hat er später getan. So habe ich alles erfahren. Er wurde sehr wichtig für mich. Ohne ihn hätte ich niemals das Buch »Die Leben von Lee Miller« schreiben können. Er hat mich so ermutigt und mich mit so vielen Informationen versorgt. Und er hatte ein fantastisches Gedächtnis für Daten, Zeiten, Orte, Gesichter, alles.

Sie kannten ihn also schon vor dem Tod Ihrer Mutter, und er hat Ihnen danach alles erzählt?
Genau, er besuchte Lee, als sie schon sehr krank war. Er kam, um sich von ihr zu verabschieden. Das war etwa 1976. Und dann kam er sehr bald nach ihrem Tod wieder. Da hatten wir gerade die Kiste mit den Fotos entdeckt, und er war einfach zufällig da. Er wurde für mich als Person wirklich wichtig, besonders nach dem Tod meines Vaters.

Auch wenn Ihre Mutter nie über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen hat, hat sie Ihnen etwas über den Holocaust beigebracht?
Nein. Nur einmal, als ich von der Schule nach Hause kam, nachdem man mir dort erzählt hatte, dass der Holocaust ein Schwindel sei.

Wo war das und wann?
In England, in den 50er Jahren. Es gab aktive Holocaustleugner, und einer davon war Lehrer an meiner Schule. Er war ein Ultrafaschist. Ich habe es nicht bemerkt, weil ich nicht verstand, wie diese Dinge funktionieren. Aber er sagte mir ganz kategorisch, dass es so etwas wie die Todeslager und den Holocaust nicht gegeben habe. Es sei nur ein von den Amerikanern erfundener Werbegag, um die Juden zu verherrlichen. Das hat mich verwirrt, und ich ging zu meinen Eltern und sagte: »Dieser Lehrer hat mir erzählt, dass der Holocaust nie stattgefunden hat und dass alles nur ein großer Schwindel ist.« Da hat sich in Lee plötzlich etwas verändert, und sie sagte ganz leise: »Es ist passiert, und ich kannte Menschen, die deswegen tot sind.« Kein Wort mehr. Wenn ich Ihnen das so berichte, ist das nicht sehr aussagekräftig. Aber da war etwas Eisiges in ihrem Ton, etwas aus massivem Stahl. Es war gut für mich, in diesem zarten Alter zu entdecken, dass es Verrückte gab, die Holocaustleugner waren. Seitdem bin ich auf der Hut, und ich liebe es, wenn ich sie treffe.

Wie bitte?
Dann habe ich die Möglichkeit, ganz leise zu sagen: »Wenn Sie behaupten, dass der Holocaust nie stattgefunden hat, machen Sie meine Mutter und eine der wichtigsten Personen in meinem Leben zu Lügnern. Sie waren dort, sie haben es gesehen, sie haben es fotografiert. Sie haben mir erzählt, was ihr getan habt. Und wenn ihr wollt, dass ich das nicht glaube, dann habt ihr etwas falsch verstanden.«

Sie müssen wirklich solche Gespräche führen?
Nicht sehr oft, aber es kommt vor. Und jetzt wird die extreme Rechte immer stärker, es sickert ein. Aber von mir bekommen sie eine sehr klare Antwort!

In Deutschland sickert es auch ein, wie Sie vielleicht gehört haben.
Und deshalb habe ich noch nie ein solches Gefühl der Wichtigkeit gehabt, ein Hüter der Geschichte zu sein. Deshalb ist es für mich so wichtig, dass die Menschen diesen Film sehen, dass sie die Bedeutung von Wahrheit und Frieden und Freiheit und Gerechtigkeit begreifen, denn das ist es, was die extreme Rechte uns vergessen machen will. Und wenn wir so weitermachen, wie die es wollen, werden wir wieder Todeslager bauen.

Mit dem britischen Schriftsteller und Fotografen sprach Sophie Albers Ben Chamo.

Der Film »Die Fotografin« erzählt von der Zeit, als das ehemalige Model und die Kunstmuse Lee Miller als Fotoreporterin für die »Vogue« über das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa berichtete. Jetzt im Kino.

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