Kolumne

Hineni!

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Hineni!

Unsere Autorin trennt sich von alten Dingen und bereitet sich auf den Winter vor

von Laura Cazés  13.11.2025 10:28 Uhr

Wenn der erste Monat des neuen jüdischen Jahres mit all seinen Feiertagen vorbei ist und die bunten Herbstblätter langsam die gleiche Farbe, und zwar Braun, annehmen und beginnen, sich von den Ästen zu lösen, ergreift mich regelmäßig das große Bedürfnis, mein Zuhause auszumisten und mich auf den nahenden Winter vorzubereiten.

Genau deshalb habe ich in den vergangenen Tagen sehr viel Zeit damit verbracht, einige meiner alten Klamotten auf einer der gängigen Online-Plattformen für Gebrauchtes zu verkaufen. Ich selbst gehöre zu den Menschen, die ihre Kleidung gern lange tragen. Auch freue ich mich, wenn ich etwas finde, wovon ich weiß, dass es mir über viele Jahre erhalten bleibt.

Ich mag Mode, aber Fashion-Trends sind nicht immer meine Sache

Ich mag Mode, aber Fashion-Trends sind nicht immer meine Sache. Oft gefallen sie mir, aber ich traue ihnen nicht immer. In letzter Zeit drängte sich mir allerdings in vielen Bereichen meines Lebens das Gefühl auf, dass es Zeit sei, Platz für etwas Neues zu schaffen. »Lass die Dinge los, die dir keine Freude bereiten«, um es mit den Worten der japanischen Aufräum-Expertin Marie Kondo auf den Punkt zu bringen.

Als ich ein Kind war, hatte ich einen Kanarienvogel als Haustier, der im Herbst immer sein komplettes Gefieder gewechselt hat. Ich habe mir das immer sehr anstrengend vorgestellt. Aber daran denke ich nicht, während ich ausmiste. Ich denke an dezimierte Freundeskreise, an Menschen, die Trends deswegen folgen, um im Gespräch zu bleiben.

Der Herbst ist eine Zeit des Abschieds, aber auch der Klarheit, ein Moment der Gegenwart.

Ich frage mich, wie viele Menschen in den vergangenen zwei Jahren oder vielleicht auch schon davor das Gefühl hatten, ausgemistet worden zu sein. Ich versuche, mir einen Überblick zu verschaffen. Denn eigentlich brauche ich Ordnung, um klare Gedanken fassen zu können. Behalte ich Dinge, weil ich an ihnen hänge, weil ich es immer so gemacht habe? Habe ich andere Sachen gar nicht mehr gesehen, weil der Schrank zu voll geworden ist? Muss es wirklich etwas Neues sein? Wie viel ist Gewohnheit, was ist aktive Entscheidung?

Während ich vier kleine Päckchen zum Paketshop bringe, um meine alte Kleidung an ihre neuen Besitzerinnen zu schicken, weht mir frische, kalte Luft ins Gesicht. Obwohl mir der Winter zu kalt, zu nass und zu dunkel ist, mag ich den Herbst.

Der Herbst ist eine Zeit des Abschieds, aber auch der Klarheit, ein Moment der Gegenwart. Als Abraham von Gott befohlen wird, seinen Sohn Isaak zu opfern, antwortet Abraham: »Hineni – Hier bin ich.« Als Moses den brennenden Busch sieht und Gott ihn ruft, antwortet Moses: »Hineni – Hier bin ich.« Kein Glaubensbekenntnis, keine unterwürfige Gottesfürchtigkeit, sondern eine Vergewisserung der Gegenwärtigkeit auf Erden – ein Ausdruck des menschlichen Bewusstseins, das seine eigene Vergänglichkeit begreift.

Der Baum auf meiner Straße, dessen Blätter sich prächtig, aber nur für einige wenige Wochen von unten rot bis oben gelb färbten, ist mittlerweile fast kahl. Ich bin ein bisschen traurig, aber ich habe diesen Herbst versucht, ihm jeden Morgen einen Moment meiner Aufmerksamkeit zu schenken. Die Dinge, die uns in die Gegenwart holen, liegen manchmal auch einfach auf dem Weg zur Arbeit. Hineni.

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